Unsere Gewinner*innen im Mai 2026
Wettbewerb im Mai 2026
Im Mai drehte sich bei lyrix alles um die Frage, was bleibt, was Spuren hinterlässt und was uns hält.
Die Gewinner*innen haben sich dem Thema auf ganz unterschiedliche Weise genähert. In ihren Gedichten geht es um Zeichen und Erinnerungen, um Gedanken und Gefühle und um Dinge, die sichtbar oder verborgen sein können.
Mit ihren Texten überzeugen konnten Emilie Bollack Kirazkaya, Amalia Busch, Bernadette Filter, Akshita Ghose, Greta Giebelen und Charlotte Morre.
Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner*innen!
Geheime Zeichen
Emilie Bollack Kirazkaya
2012
Ich gehe denselben Weg zur Schule,
Tag für Tag, ohne ihn wirklich zu sehen.
Zwischen den Pflastersteinen
liegt ein schmaler Spalt.
Unauffällig. Gewöhnlich. Nichts Besonderes.
Bis es regnet.
Dann füllt sich der Spalt
nicht mit Wasser,
sondern mit etwas Dunklerem,
als hätte die Stadt selbst
für einen Moment aufgehört zu schweigen.
Und darin erscheint ein Muster.
Kein Wort. Keine Linie. Kein Symbol, das ich kenne.
Es verändert sich,
je nachdem, wie ich vorbeigehe.
Manchmal wirkt es wie ein Kreis.
Manchmal wie eine Bewegung.
Manchmal wie etwas, das mich anschaut.
Niemand außer mir bleibt stehen.
Niemand fragt.
Ich auch nicht.
Ich gehe einfach weiter,
doch jedes Mal habe ich das Gefühl,
dass der Boden kurz zurückblickt.
Als würde er mich erkennen.
Als würde er sagen:
„Du warst hier.“
Wie Kreide. Nur älter.
Amalia Busch
2012
Es waren Striche, weiße Kreide auf Haut
Ich wusste nie, was es war
Sie sagte mir „Das kommt von einer Krankheit“
Ich wusste nie, was sie sagt
Als Kind war es immer so einfach
Es waren keine Zeichen, es waren bloß Gedanken.
Was ist mein drittes Lieblingsfach?
Das waren die wichtigen Sachen im Leben
Das war das, woran man dachte
wenn man mal ins Leere starrt.
Mit wippenden Beinen in der Schule
Alles nur, weil es langweilig war
Nicht, weil man nichts als Schwaden sah
Heute ist Kreide auf Haut ein Zeichen
Heute sind leere Augen ein Zeichen
Heute sind wippende Beine ein Zeichen
Es sind Zeichen, die ich nicht kannte
Mahnmale einer alles zerstörenden Furie
Eine Furie, die ich nicht kannte
Für mich waren es bloß verspielte Katzen
Jetzt kenne ich sie auch
ich kenne diese Zeichen
Ich kenne diesen alles zerstörenden Gedankentornado
Der dem Herzen keinen Platz mehr lässt zum Schlagen.
Die Lungen ungefüllt, es ist kein Platz mehr da zum Atmen.
Die Klaustrophobie —
Alleine
in riesigen Räumen
Die Höhenangst —
Zusammengekauert
auf dem Boden
Im Keller
Die Kreide, die nie Kreide war
Vom Regen wegwaschen lassen?
Geht nicht.
Von Mama abrubbeln lassen?
Geht nicht.
Das Einzige, was geht?
Sagen, was es ist
Die Furie beim Namen nennen
Sagen, wer man ist
Nicht die Maske, sondern ich
Sagt. Wie. Es. Euch. Geht.
Desierto Florido
Bernadette Filter
2011
Eine Sache reicht,
um das Heimliche zu entfachen.
In Trockenheit und Dürre.
Unscheinbar harrt es aus.
Ein Groll,
ein Blitz,
ein Tropfen.
Das Wunder der Wüstenblüte.
Lila,
Rot,
Orange.
Bunt wird es sein,
wenn das Wunder geschieht.
Und doch verschwindet es
so schnell wie es kam.
Hinterlässt Fragen
und Antworten.
Verschlüsselt für Eingeweihte.
Das zweite Gesicht
Akshita Ghose
2011
Wir teilen uns die Welt mit Passanten,
die unsere Gesichter lesen wie Plakate.
Sie sehen die Hülle, den Alltag,
den Namen auf dem Personalausweis –
ein flaches Wort aus Druckerschwärze.
Darunter klebt das Foto, starr und offiziell.
Die Leute sehen es an und glauben, mich zu kennen.
Doch da ist dieser tiefe Riss.
Sie meinen, diese Person auf dem Bild sei ich.
Sie sprechen mich mit „meinem Namen“ an,
doch das Wort greift ins Leere
Es ist wie ein Irrtum in den Farben der Welt,
so, als würde man den Himmel giftgrün nennen
und das lebendige Holz starrblau.
Es ist nur ein gehauchtes Wort,
doch es geht vollkommen an mir vorbei,
denn namentlich bin ich dies nicht.
Unter der Oberfläche,
verborgen wie der Erdkern unter tonnenschwerem Gestein,
wo kein Licht der Straßenlaternen mehr hinreicht,
beginnt meine eigentliche Biografie.
Dort bin ich nicht die Person des Systems.
Kein passendes Kartenstück für ihr geordnetes Spiel.
Kein Teil eines unvollständigen Quartetts.
Ich entziehe mich ihrem Deck.
Dort lebe ich in einer anderen Haut.
Wir haben unsere Namen erfunden,
gegossen aus Schatten und spätem Atem.
Cypher, die wie Kieselsteine im Mund liegen,
Σκιά und Φως.
Ein lautloser Schwur, der nur uns gehört.
Kein Passamt hat sie registriert,
kein Fremder kann uns buchstabieren.
Ich hinterlasse mein Zeichen an der Haltestelle:
Ein Hauch auf der kalten Glasscheibe,
der deinen Decknamen formt,
bevor er im Nebel der Stadt wieder verblasst.
Wer es sieht, denkt an Kondenswasser.
Du aber liest darin meine Anwesenheit.
Du siehst nicht das Foto. Du siehst mich.
Hinterlass mir dein Zeichen,
geschrieben weiß auf weiß,
sodass nur ich es erkennen kann.
Halt die Augen offen
Greta Giebelen
2011
Schnee, Wunderwelt, Winterwelt, lieblos
Ich versinke im Gedächtnis des Augenblicks, blinzel, blinzel
Moleküle, die mich einsaugen
Sie können schweben – Eyes of the tiger
Ein stiller Richter, der liebt
Man nimmt nur ein Zucken wahr, blinzel, blinzel
Doch sie erblicken durch Fenster
Tragen die Märchen der Vergangenen – Eyes of the tiger
Ein Schatten, der meine Wangen küsst, als würde er sagen wollen:
„Vergib mir, ich kann dich nicht weiter decken“, blinzel, blinzel
Ein Wasserfall, der mir sagt: „Du warst zu lange stark.“
Die Mascara, die lebendig wird – Eyes of the tiger
Tropf, Plitsch, Platsch
Der Boden, der zum See wird, blinzel, blinzel
Ich schwimme davon in einem Meer aus salzigem Wasser
Die Quelle, mit der man ein ganzes Volk vor Dürre schützen könnte – Eyes of the tiger
Belanglos, die Drama Queen,
die das ganze Leid nicht mehr aushält und wieder, blinzel, blinzel
Eine triefende Nase, Heuschnupfen, Pollenallergie
Ich kann nicht mehr – Eyes of the tiger
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Charlotte Morre
2014
In mir das Licht. Grüner Schein, der durch meine Augen hindurch dringt, wie ein Messer, dessen Kontrolle der Umgebung überlassen wurde.
Du vor mir. Neugierig. Menschlich. Spuren der Vergangenheit, der Gegenwart, des Jenseits. Vergleichbar mit einer CD der 80er.
Dröhnende Stille. So unendlich viele Sterne im Herzen haben. Viel mehr als der Platz im Universum. Chaos für eine Welt ohne Herrscher? Chaos für eine Welt mit Herrscher?
Nachdenklich unter der Eiche. Licht strahlt in meine Augen, Licht strahlt aus meinen Augen. Licht fällt auf dein Gesicht. Staubig doch trotzdem weich. Flausch-Kissenbezug.
Du streichst dir ein Haar aus deinem Gesicht. Brandmal. Herzförmig. Unentdecktes Zeichen einer Geschichte, die ich unbedingt wissen, berühren möchte.
Zeit vergeht, Zeit bleibt. Unter uns der Staub der langsam von deiner Haut, wie zerknittertes Blattgold, abfällt. Es ist so, als hättest du dich als Kind unter einer Schicht Bällebad-Bällen versteckt. Ich habe dich rausgezogen.
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