Unser Leben besteht aus Wiederholungen: aufstehen, losgehen, ankommen, wieder nach Hause kommen. Tage ähneln einander und sind doch nie genau gleich. Dazwischen passieren Dinge, die Pläne durchkreuzen, Gewohnheiten verändern oder etwas Neues beginnen lassen. Ist euer Leben eine gerade Linie oder eher eine Reihe von Anfängen, Brüchen und Wiederholungen?
Wiederholung und Veränderung: Philip Glass
Auch Musik kann aus Wiederholungen entstehen. In „Opening“ aus Glassworks (1982) des US-amerikanischen Komponisten Philip Glass kehren kurze musikalische Muster immer wieder. Verschiedene Rhythmen überlagern sich, Akkorde wiederholen sich – und trotzdem klingt nicht jeder Moment gleich. Kleine Veränderungen sorgen dafür, dass sich die Musik ständig weiterbewegt.
Philip Glass ist bekannt für Kompositionen, die mit solchen wiederkehrenden Strukturen arbeiten. Hört euch „Opening“ einmal an: Welche Muster erkennt ihr? Was bleibt gleich, was verändert sich? Und entsteht gerade durch die Wiederholung vielleicht etwas Neues?
Wer genauer wissen möchte, wie das Stück aufgebaut ist, findet in diesem Video eine musikalische Erklärung.
Was liegt zwischen Anfang und Ende? Ọlaide Frank
Auch in unserem Monatsgedicht „ABGRÜNDE“ von Ọlaide Frank erscheint das Leben als eine Abfolge. Das lyrische Ich beschreibt es als „eine Reihe von Entscheidungen“, als „eine Reihe von Orten, Personen, Verletzungen, / Lieben und Abgründen“. Unterschiedliche Erfahrungen und Gefühle stehen nebeneinander und gehen ineinander über.
Ọlaide Frank selbst beschreibt ihr Gedicht als Auseinandersetzung mit „schwer auszuhaltenden Gleichzeitigkeiten“. Glück und Schmerz können zur selben Zeit da sein, Selbstakzeptanz und Selbstsucht liegen nah beieinander, der Selbsthass „liebt sich auch“. Zugleich geht es um ungleich verteilte Privilegien und darum, dass diese Verteilungen oft nicht gesehen werden: Menschen leben zur gleichen Zeit in sehr unterschiedlichen Wirklichkeiten und unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.
Die Frage „Wo ist die Harmonie zwischen diesen Zuständen“ lässt sich damit sowohl persönlich als auch gesellschaftlich lesen: Wie halten wir Widersprüche aus? Was nehmen wir wahr und was übersehen wir? Und wie gehören all diese unterschiedlichen Zustände trotzdem zu derselben Welt?
Wie in der Musik von Philip Glass stehen dabei verschiedene Elemente nicht einfach nacheinander. Sie existieren auch gleichzeitig, überlagern sich und ergeben miteinander etwas Neues.
Eure Schreibaufgabe im September
Schreibt ein Gedicht über euer Leben als Abfolge. Reiht Tage aneinander wie Wörter, Szenen oder Verse. Ihr könnt mit Anfängen und Enden, Wiederholungen und Brüchen arbeiten: Was kommt immer wieder? Wo verändert sich etwas? Was unterbricht die Reihe?
Vielleicht merkt ihr beim Schreiben auch, dass sich nicht alles nacheinander erzählen lässt. Was passiert gleichzeitig? Welche Erfahrungen oder Gefühle widersprechen sich und gehören trotzdem zusammen?
Ordnet ihr euer Leben im Gedicht – oder bringt ihr es erst durcheinander?
Wir freuen uns auf eure Gedichte!
ABGRÜNDE
Ich frage mich zu oft
ob das Ende uns endet
oder ob wir das Ende finden werden
Manchmal wundere ich mich
noch hier zu sein
Das Leben – eine Reihe von Entscheidungen
Eine Reihe von Orten, Personen, Verletzungen,
Lieben und Abgründen
Warum sind wir geboren
wie wir geboren sind
Ich beobachte wie Selbstakzeptanz
zu Selbstsucht wird
Ich will den Schmerz nicht sehen
der noch kommt
Kann das schon vorhandene Glück
manchmal nicht ertragen
Wo ist die Harmonie zwischen diesen Zuständen
mein Selbsthass liebt sich auch
aus: Ọlaide Frank, DUNKELKALT, Literarische Diverse Verlag – Berlin 2022
Über Ọlaide Frank

Ọlaide Frank ist in Berlin aufgewachsen. Sie hat einen Bachelorabschluss in Anglistik und Medienwissenschaften und einen Masterabschluss in Anglophone Literatures, Cultures & Media. Ihre Themenschwerpunkte sind postkoloniale und feministische Literatur sowie psychologische Perspektiven auf Texte und Textproduktion. Ihre Gedichte schrieb sie hauptsächlich ins Internet unter dem Pseudonym VonKopfBisMond, bis ihr Lyrikdebüt „Dunkelkalt“ im Nour Verlag (ehem. Literarische Diverse) erschien. Der Lyrikband verarbeitet Themen wie hybride Identitäten, Zwischenmenschlichkeit und mentale Gesundheit. Aktuell lebt sie in Münster und arbeitet im Verlagswesen.