Unsere Gewinner*innen im Mai 2026
Wettbewerb im Mai 2026
Im Mai hieß unser Monatsthema „das hält“. Dabei ging es um Zeichen und Spuren, um das, was bleibt, und um Dinge, die manchmal erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.
Unsere Gewinner*innen haben das Thema ganz unterschiedlich aufgegriffen. In ihren Gedichten geht es um Körper und Gedanken, um Nähe und Beziehungen, um Erinnerungen und um das, was bleibt oder Halt gibt.
Mit ihren Texten überzeugen konnten humanerror .exe, Johanna Bauer, Emma Josephs, Charlotte Obenaus, Rebecca Schäfer und Emma-Lou Trybala.
Herzlichen Glückwunsch an alle Gewinner*innen!
offline.exe
humanerror .exe
2007
Ich glaube, mein Körper ist kein Körper mehr,
sondern ein laufendes Programm,
das niemand richtig geschrieben hat.
Manchmal startet er morgens,
ohne dass ich wirklich „ja“ gesagt habe.
Augen auf.
Atmen.
Funktionieren.
Wie ein System,
das automatisch hochfährt,
auch wenn innen längst alles auf „aus“ steht.
Meine Hände bewegen sich,
als hätten sie einen eigenen Auftrag,
Tippen. Halten. Wischen.
Als würden sie beweisen wollen,
dass noch jemand da ist.
Aber ich bin mir nicht sicher,
ob ich noch der Benutzer bin
oder nur die Datei.
Mein Herz ist kein Herz mehr,
eher ein Hintergrundprozess,
der nie stoppt,
selbst wenn alles andere abstürzt.
Es schlägt,
nicht weil es will,
sondern weil es muss.
Und manchmal frage ich mich,
ob es auch irgendwann müde wird
von mir.
Meine Gedanken sind offene Tabs,
zu viele, gleichzeitig,
keiner wird geschlossen.
Vergangenheit lädt neu,
ohne gefragt zu werden.
Fehler von gestern
poppen heute wieder auf
wie Warnungen, die niemand wegklickt.
Und ich sitze dazwischen,
zwischen diesen Fenstern,
diesem Rauschen,
diesem inneren Bildschirmlicht,
das nie ausgeht.
Ich lächle manchmal,
wie eine automatische Antwort,
wie ein vorinstalliertes Verhalten.
„Mir geht’s gut.“
Senden.
Aber eigentlich ist das nur ein Befehl,
kein Gefühl.
Es gibt Nächte,
da wird alles stiller,
aber nicht besser.
Dann höre ich mich selbst atmen
wie ein fremdes Gerät im Raum.
Und ich merke:
Ich bin online,
aber nicht mehr verbunden.
Vielleicht ist das das Problem.
Nicht dass ich zu wenig bin,
sondern dass ich zu lange an war,
ohne Pause,
ohne Update,
ohne Abschalten.
Ich will kein neues Leben bauen.
Ich will nur einmal
„Beenden erzwingen“ drücken dürfen
für alles in mir.
Aber selbst das geht nicht.
Also bleibe ich hier,
zwischen Strom und Stille,
zwischen Mensch und Maschine,
zwischen „ich sollte“
und „ich kann nicht mehr“.
Und irgendwo tief drin
läuft trotzdem noch ein kleiner Prozess,
der sich weigert zu verschwinden.
Kein großer.
Nur einer, der flackert.
Wie ein Fehler,
der vielleicht
doch Hoffnung ist.
das hat keinen anderen namen
Johanna Bauer
2005
wellen, degenstoß, ein kranich, der sich aufrichtet.
blubberblasen, die dich von der straße auflasen,
dich packten und mitnahmen, in einen kleinen raum,
und wir aßen.
ein besen, der das gehen gelernt hat.
ein gerippe, das sich rundet.
knochen, die nicht knacken, sich greifen,
knochen, die mich fortschliffen.
eine art gliedermaß – ein maß aus gliedern eben.
eine tüte aus moosgummi, die atmet.
ein abebben, wenn das geschieht:
ein kleiner ball, der pumpt
körpersprache: das hat keinen anderen namen
ebbe
Emma Josephs
2005
füße in deinen schuhen
beton meiner heimat
zunge keines vaters
mein gesicht gibt dich her
und das rauschen im lachen
raue hände
damit meine blau sind
es wintert in dir
und du sehnst dich nach dem meer
in Erwartung eines Schauers
Charlotte Obenaus
2005
dein Kopf im Nebel, gleichzusetzen mit
der Idee eines Berges
dabei sind es nur die Birken
die weiß blühen in unseren Blicken
es ist nur die Dehnung des Kiefers
wenn ich gähne und für einen kleinen
ehrlichen Moment aussehe
als empfinde ich große Schmerzen
und du mir alles in den Mund legen könntest
und stattdessen fragst, schläfst du nicht gut
schläfst du überhaupt
Mein Vermächtnis
Rebecca Schäfer
2008
I.
Meine Lippen blättern ab
wie die Farbe von einem Gemälde
TrageLippenpflegeWieFirnisAuf
Selbst im Mai muss ich mich noch bemühen,
damit ich nicht aus dem falle
Rahmen
II.
Schiebe umständlich
meinen zum
weißen K Nudelauflauf
Teller a r
a f
Will nicht die f e wegschieben,
denn das würde meine Weltordnung zerstören
Blutrote Tomate fällt auf den Tisch
III.
Stimmen über mir bilden eine Interferenz
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Addieren sich zu einer g ,
die mich untergräbt
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aber wäre das nicht destruktiv?
IV.
Hoffe, dass dennoch etwas
von mir
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† (Datum unbekannt)
Kriegsgebiet
Emma-Lou Trybala
2005
Hitze
Ein Nagel streift
die Hornhaut auf meinem Ringfinger
dort, wo der Stift aufliegt
Ein feuchter Film,
der alles überzieht
Zittern
Ein Tropfen rinnt,
bahnt sich den Weg,
klettert von Haar zu Haar
Sie stellen sich auf
als wollten sie sich dem Fahrtwind
entgegenlehnen
Der Tropfen versickert
hinterlässt salzige Spannung
Da streift etwas
warm, rau wie Schmirgelpapier
von der Arbeit
Papas Hand
Heiß und trocken
liegt die Salzwüste
Am Himmel ziehen die Tränen zusammen
Die Stille nach dem Krieg