I Es bleibt dunkel
Es bleibt dunkel,
den ganzen Winter lang.
Jeden zweiten Freitag:
„Täter, Opfer, Zuschauer“
Ein Erinnerungskultur-Workshop
über Leben im KZ Sachsenhausen.
Alle Vergangenheit ist hier Winter.
Eine endlose Braunfläche.
Wenige holzfarbene Baracken.
150 Insassen vorgesehen,
400 lebten dort, eng und kalt.
Gaskammer.
Genickschussanlage.
Krematorium.
Ohne Farbe.
In der Mitte
des Geländes
ein Denkmal.
II Rebellions-Hängepartie
Wie kann so gut
dokumentierte Vergangenheit
immer mehr verleugnet werden?
Die Fundstücke
der Entmenschlichung
kolossal,
von niemandem
zu übersehen.
Daneben:
unscheinbar
ein Schachbrett,
Die Figuren:
aus Brot, Zeitschriften,
abgefeilten blauen Zahnpastadeckeln.
Ein Puzzle,
bestehend aus kleinen Puzzles.
René Corgel und Charles Désirat
hielten dafür Geheimtreffen ab
mit anderen Kommunisten,
um Schach zu spielen,
über Politik zu reden,
sich gegenseitig zu helfen.
Gemeinschaft als Rebellion,
während andere aßen
oder sich wuschen.
III Faschisten-Endlosigkeit
Die Müllmänner
der Geschichte
liegen vielleicht richtig
oder falsch.
Alle fallen rein
in ein Loch
der gleichen altklugen
1940-Lügen.
Meinungen sind Fundstücke.
Diese sind gefährlich und eklig.
Doch jenes kleine Schachbrett
hat mich zum Schach gebracht.
IV Friedliche Kriege
Schach ist ein wunderschönes Spiel.
Die Regeln klar und fair.
Man kann die ganze Zeit
im Kopf spielen.
Entziehung der Gegenwart
durch eigene Distanz.
Eine humane Strategie
in einer unmenschlichen Umwelt.
Direkter Widerstand.
Schach und Spiele sind Metaphern.
Basierend auf unseren Kulturen.
Leben, Strategien, Machtkämpfe –
sie zeigen dir, wie du denkst.
Für mich ist Schach wie Krieg,
doch ohne Lügen,
ohne Propaganda.
Ein friedlicher Krieg.
Homo ludens.
Im Traum sehe ich
unsere Kultur
wie ein riesiges Schachspiel.
Wir sind keine Werkzeuge.
Wir müssen die Lügen im Spiel
nicht ausführen.
Wir entwickeln neue Zukünfte
durch Spiel.
V Zwischenzugzwang
Meine Hand zögert.
Wie beim Gedichteschreiben.
Schwarze Flächen
auf weißem Papier.
Eine Strategie
multipler Doppelbauern.
Meine Figuren stehen mittelmäßig,
aber Corgels König ist offen.
Der Königsflügelangriff beginnt,
doch er scheitert.
Alle weißen Felder
starren mich an
wie blutende Augen.
Corgel sagt:
man spielt schlechter,
wenn man besser steht.
Unsere Zeit: eine Minute.
Ein weiterer Tag.
Ich vereinfache:
Wir könnten
nicht schlechter stehen.
Die Zeit frisst uns.
Aber unser Spiel überdauert alles.
Remis.
VI
Das Schachbrett ist winzig,
es passt in zwei Hände.
Schwarz. Weiß.
Keine Erklärung.
Ich sehe ein Spiel,
das man verlieren kann,
ohne zu verschwinden.
Ein Fundstück,
das keine Meinung braucht,
sondern benutzt werden will.
Ich sage eure Namen:
René Corgel:
Der Wiedergeborene,
der etwas Kleines zu uns trägt.
Charles Désirat –
der Freie,
der sich das Wünschen bewahrt hat.
Wir sind wieder auf diesen
grünen familiären Feldern
Fundstücke und
wir klappen das Brett auf.