Unsere Gewinner*innen im Februar 2026

Unsere Gewinner*innen im Februar 2026

Wettbewerb im Februar 2026

Im Februar haben wir euch dazu eingeladen, uns eure Gedichte zum Thema „Du sprichst Erinnern aus“ einzusenden. Als lyrische Inspiration haben wir euch das Gedicht „Du musst in einem Februar frieren“ von Tanasgol Sabbagh vorgestellt. Der Text erinnert an den rassistischen Anschlag in Hanau im Februar 2020, bei dem neun Menschen ermordet wurden. In diesem Monat ging es darum, genau hinzusehen: Wie wird über Gewalt gesprochen? Was passiert, wenn Erlebnisse zu Zahlen, Fällen oder Schlagzeilen werden? Mit ihren Texten überzeugt haben Noah Baron, Taha Falahati, Fabian Hehr, Charlotte Obenaus, Natalie Teplitska und Noa Wüpping. Ganz herzlichen Glückwunsch zum Monatsgewinn!

Nazihintergrund

Noah Baron

2005

Opa

Neonazis haben unsere Väter ermordet

Neonazis haben              Väter

 

       nazis             unsere Väter

                                                      mord

Oma

Du sprichst erinnern aus

Du                erinnern aus

Du                                aus

                     erinnern

Auf Seide

Taha Falahati

2007

folgt ein Tuch, das die bohrende Sonne in geziertem Dunkelblau daran hindert, Löcher zu bohren, schmiegend über Haar, Hals, Haut, Hand. Auf Ornamenten sitzen Bärte, die in der Sonne bleichen und wachsen, wachsen, bis sie kratzen, bis. Bis du schwarzen Tee gießt in verkalktes Glas und Stückchen vertrockneter Blüten im Strom treiben, die ächzend nur schwer deinen Rachen bestreiten. Deine Nachbarin in Schiras heißt Banafsheh und auch ihr Tee steht zum Kühlen in der Sonne. Wenn sie sich beim Trinken verbrennt, hörst du sie wie jeden Tag schreien. Also nimmst du dein Tuch und unter dem Schatten zieht er langsam, während du den Kessel pfeifen lässt, bis.

Bis Banafsheh schreit.

Im Loch

Fabian Hehr

2009

Ich fall allein
ins Loch
zu meinen verrückten Brüdern –
die spielen Karten
und warten auf Godot.

Meine Brüder sind verrückt –
Sie schlagen um sich
in der Nacht.
Sie haben jemanden umgebracht,
sagen alle auf der Erde.

Meine Schwestern
schaufeln Erde in das Loch,
doch ich sehe immer noch
die Zipfel
ihrer Morgenröcke.

Ihr Ver-Führer
ist ein guter Mann:
Er redet für uns.
Seine Worte sind bedeutungsschwer –
Man hört uns ja nicht mehr.

Die Wärter warten
auf unsre nackten Schwestern –
Sie sind ihnen versprochen.
Wir haben ihre Frauen umgebracht –
Sie wollen endlich uns zerbrechen.

Ich steige plötzlich
aus dem Loch
mit meinen verrückten Brüdern.
Wir tun, als wäre es ein Spiel
und warten auf den Galgen.

Goliath

Charlotte Obenaus

2005

Und Jonatan sprach zu ihm: Morgen ist Neumond;
da wird man dich vermissen, wenn dein Platz leer bleibt. 
(1. Samuel 20,18)

Wie man eine Steinschleuder nicht auf das
richten kann, was fehlt
Wie David sich Goliath zurückgewünscht
haben muss, ein Bezwingbares, als Jonathan
ein letztes Mal auf freiem Feld und überall Verrat
flach im Gras horchend
Wie ich mich nach etwas sehne, das am Kragen
zu packen ist, nach dem offenen Kampf, nach dem
Gegenteil von Flucht

Neikea

Natalie Teplitska

2005

Dort sterben Menschen.

Ich mache die Augen auf.
                 7.30, verschlafen.
Dort sterben Menschen.
Ich steige aus dem Bett.
Sie steigen aus dem Bunker.
Gähnen, wacklige Beine, es riecht schon nach Kaffee.
Sie verlieren ihr Zuhause.
Regen, gar keine Lust, nach draußen zu gehen.
Dort sterben Menschen!

Ein Lächeln, Kinder verspätet zur Schule. Kinder.
Dort sterben Kinder.
Nachrichten in der U-Bahn: nichts Neues.
         Luftangriff.
         X Menschen starben, Y wurden verletzt.
         Heute kein Kind.
Ich lese sie nicht mehr:
Die Zahlen verraten mir nicht
Ob Sie dabei war.
Ob Er noch lebt.
Ich beobachte die Passanten dort sterben Menschen.

Hallo, Freund. Wie geht es dir?
Dort sterben Menschen. Gut und dir?
Wach auf, gibt viel zu tun dort sterben Menschen.
Ich koche, während mein Hass kocht
            und mein Schweigen schreit
            von den stummen Zahlen
            und schweigenden Zeilen
Es sterben Menschen.
Sage mir, wie kannst du fröhlich sein
Es sterben Menschen warum scheint noch die Sonne?

Was ist los? Es sterben Menschen.
Ach, vergiss es. Vergessen.
Kann ich vergessen wenn es vorbei ist?
                                               – dort sterben Menschen.

Ich schalte den Laptop aus.
Wo schalte ich Neikea aus?
Ich mache mein Bett dort Sirenengeheul
Ich gehe schlafen DORT STERBEN MENSCHEN.
Noch dort lebe sterben ich Menschen.

(zachor)

Noa Wüpping

2007

Februar
Am Schneefeld – selten blauer Himmel
Kälte zieht
Die Vögel singen.
Straßen in kilometerweiter Ferne
Ich sehe

נוֹבֶמבֶּר

Am Schneefeld – immer grauer Himmel
Kälte zieht durch die Füße in Leib und Seele. Scheinende Stille
Nur stumpfes Marschieren.

Die Raben kreisen bereits über uns.
„Die Sardinen liegen“
In den Wäldern hallen Schreie wider.
Die Luft scheint zu explodieren.
Zwischen Verwahr
losungs Kleidungs Haufen
die Hoffnungen von sich gelegt
Am Horizont –
verschluckt

Die Raben werden sich in den weichen Wolken verfangen haben
Ich rufe
in die Weite
frida *

(זכור)

*Frida Michelson ist eine der wenigen Überlebenden des Massakers von Rombula 1941