mein Hut geht durch das ganze Land
Die Jury hat entschieden!
Die Gewinner*innen werden bald bekannt gegeben.
Es gibt Sätze, die wir ständig benutzen, ohne groß über sie nachzudenken. Wir „verlieren den Faden“, reden uns „um Kopf und Kragen“ oder haben etwas „auf der Zunge“. Erst wenn man solche Wendungen genauer anschaut, merkt man, wie seltsam sie eigentlich sind. Wie sieht es aus, wenn jemand wirklich den Faden verliert? Oder wenn ein Herz plötzlich im Kleiderschrank liegt?
Wenn Wörter sichtbar werden
Im Musikvideo „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden tauchen Wörter plötzlich mitten im Raum auf. Sie kleben an Wänden, hängen zwischen Menschen oder ziehen „am Ärmel“. Im Song heißt es: „Hab’ mir ein Wörterbuch gelieh’n / Dir A bis Z ins Ohr geschrien“. Sprache wird hier nicht einfach benutzt, sondern fast körperlich spürbar.
Gleichzeitig arbeitet der Text selbst mit Redewendungen und festen Sprachbildern. Jemand redet sich „um Kopf und Kragen“, fällt „auf den Mund“ oder schlägt „große Wellen“. Vertraute Formulierungen werden dabei nicht einfach verwendet, sondern wörtlich genommen, weitergeführt und in neue Zusammenhänge gebracht. Dadurch entstehen Bilder, die gleichzeitig alltäglich und seltsam wirken.
Wenn Sprache neue Bilder baut: Ursula Krechel
Auch Ursula Krechels Gedicht „Wörter geschehen“ arbeitet mit vertrauten Formulierungen, aber nichts bleibt dort an seinem gewohnten Platz. Redewendungen, Sprichwörter, Liedzeilen und feste sprachliche Bilder tauchen auf, werden verändert, verschoben und mit anderen Wendungen verbunden.
„ich hab mein Herz in Heidelberg“ wird zu „ich hab mein Herz im Kleiderschrank“. Die bekannte Wendung „die Hand vor Augen nicht“ kehrt mehrfach wieder, jedes Mal in einem anderen Zusammenhang. Und der Satz „mein Hut geht durch das ganze Land“ klingt gleichzeitig vertraut und vollkommen unmöglich.
Das Gedicht folgt dabei keiner linearen Erzählung. Stattdessen entstehen die Verbindungen direkt aus der Sprache selbst. Wörter greifen ineinander, Bilder werden weitergeführt, Redewendungen öffnen plötzlich neue Bedeutungen. Ein Herz liegt im Kleiderschrank, ein Bett wird „auf Sand gebaut“, Wörter machen „eine Handvoll“.
Dadurch entsteht ein Text, in dem Sprache ständig neue Bilder hervorbringt. Vertraute Wendungen beginnen sich zu verändern, Bedeutungen überlagern sich, und aus alltäglichen Formulierungen entstehen überraschende, manchmal komische, manchmal verstörende Szenen.
Eure Schreibaufgabe im Juni
Redewendungen wirken oft eindeutig – bis man sie verändert. Schreibt ein Gedicht, in dem ihr mit Sprache experimentiert: Nehmt bekannte Wendungen auseinander, setzt sie neu zusammen oder bringt sie in einen anderen Zusammenhang. Was passiert, wenn vertraute Formulierungen plötzlich etwas anderes zeigen? Welche neuen Bilder entstehen dabei? Euer Gedicht kann mit Missverständnissen, Wortvertauschungen oder ungewöhnlichen Verbindungen arbeiten. Vielleicht wird aus einer Redewendung eine Szene. Vielleicht bekommt ein Satz plötzlich eine neue Bedeutung. Wir sind gespannt auf eure Texte voller überraschender Bilder, seltsamer Sprachverbindungen und Wörter, die mehr zeigen, als man zuerst erwartet.
Wörter geschehen
Ursula Krechel
Das Wort hat im Prinzip dieselbe Chemie wie diejenige, derer es dazu bedarf, die
Kristallisationsprozesse in Gang zu setzen.
Inger Christensen: Die Seide, der Raum, die Sprache, das Herz
Ich hab mein Herz in Heidelberg ich
hab mein Herz im Kleiderschrank ich hab
das Bett noch nicht verbrannt mein Hut
geht bis zum Mantelkragen der Krug
geht übern Brunnenrand es bricht das Licht
mein Hut geht durch das ganze Land
es tut nicht weh in Heidelberg es schneit
so weit und breit du siehst wir sehen
nächtlich die Hand vor Augen nicht
sie sehen Hand und Fuß und Hut
das Rosenrot das Schornsteinschwarz
der Zufall hat sich eingestellt und wenn
Sonnen aufgehen und der Schlossberg glüht
bedenke man vielleicht auch nicht
viel Worte machen eine Handvoll doch
beschenken Flügel zwischen Sprachen
nachtschattenlos hatte ich mein Herz
an manchen Zwerg gehangen mitgefangen
und mit Stangen aus dem Fluss gefischt
an manchem Zweig erschüttern Blätter nicht
was frisch ist und was nicht geschenkt
entgrätet habe ich mein Fischblutherz
sanft ist das dünngeküsste Fühlen und
das Unkrautzupfen mechanische Bewegung
wie große Walzen die sich drehen
in Heidelberg man dichtet nicht man hat
das Herz in Heidelberg auch auf der Zunge
und im Leib ohne Schlacken hirnverbrannt
oder besser nicht ohne Hand und Fuß
der Fluss liebreizend trudelt er weiter
nicht so die Trauerweiden streifend
wie in Tübingen allein die Schmetterlinge
Dichter kommen mit umwölkten Stirnen
und fliehen in Scharen und Bücher werden
aufgeschlagen ein Bett auf Sand gebaut
die Erde hat sich aufgetan in einem Spalt
ein Herz ist krank beim fünften Glockenschlag
mein Hut geht durch das ganze Land
hab in der Welt leidlich nur ihn verstanden
hast du den Hut doch sehr galant verschwiegen
an einen Haken ihren Hut im Haar hat sie
versteckt acht Kugeln sind vorbeigefegt
es tut nicht weh in Heidelberg es schneit
so weit so breit du siehst wir sehen Blut
die Hand vor Augen nicht die Hand
ist weiß so wie der Schnee gewaschen ist
keine Hand kein Bett in Heidelberg am Fluss
nur Lumpenzeugs im Kleiderschrank
das trägt so weit so gut so lang
ein’ feste Burg ist unser Gott so lang
sein Wort in Heidelberg bewahrt
mein Hut geht durch die Bibliothek
das ganze Land ihr seht nicht mehr
die Hand vor Augen sie sehen Hand
und Fuß und Bein und eine Handvoll noch
von Worten in Heidelberg im Schnee
die Spur hab ich verloren nicht.
aus: Ursula Krechel, Beileibe und Zumute, Jung und Jung Verlag – Salzburg 2021
Über Ursula Krechel

Geboren 1947 in Trier, lebt in Berlin.
Ursula Krechel war Theaterdramaturgin. Sie lehrte an der Universität der Künste Berlin, der Washington University St. Louis und ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Sie lebt in Berlin.
Veröffentlichungen u. a.
»Erika«, Theaterstück, 1974
»Selbsterfahrung und Fremdbestimmung«, Essay, 1975
»Nach Mainz!«, Gedichte, 1977
»Verwundbar wie in den besten Zeiten« Gedichte, 1979
»Zweite Natur«, Szenen eines Romans, 1981
»Vom Feuer lernen«, Gedichte, 1985
»Kakaoblau. Gedichte für Erwachsende«, 1989
»Die Freunde des Wetterleuchtens«, Prosa, 1990
»Technik des Erwachens«, Gedichte, 1992
»Mit dem Körper des Vaters spielen«, Essays, 1992
»Sizilianer des Gefühls«, Erzählung, 1993
»Landläufiges Wunder«, Gedichte, 1995
»Verbeugungen vor der Luft«, Gedichte, 1999
»Der Übergriff«, 2001 (Neuauflage mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel, 2022)
»In Zukunft schreiben«, Handbuch für alle, die schreiben wollen, 2003
»Stimmen aus dem harten Kern«, Gedicht, 2005
»Mittelwärts«, Gedicht, 2006
»Shanghai fern von wo«, Roman, 2008
»Jäh erhellte Dunkelheit«, Gedichte, 2010
»Landgericht«, Roman, 2012
»Die da«, ausgewählte Gedichte, 2013
»Stark und leise. Pionierinnen«, Essays, 2015
»Geisterbahn«, Roman, 2018
»Beileibe und zumute«, Gedichte, 2021
»Gehen. Träumen. Sehen. Unter Bäumen«, Essays, 2022
Auszeichnungen:
2025 – Georg-Büchner-Preis
2019 Jean-Paul-Preis für das Lebenswerk
2015 Gerty-Spies-Literaturpreis
2012 Orphil-Preis für Lyrik
2012 Deutscher Buchpreis
2009 Jeanette Schocken Preis – Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur
2009 Kritikerpreis für Literatur
2009 Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz
2009 d. lit. – Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf
2009 Joseph-Breitbach-Preis
2008 Rheingau Literatur Preis
2006 Hermann-Hesse-Stipendium der Stadt Calw