Unsere Gewinner*innen im Juni 2026

Wettbewerb im Juni 2026

Redewendungen begleiten uns ständig. Aber was passiert, wenn wir sie auseinandernehmen, neu zusammensetzen oder plötzlich ganz anders verstehen? Genau damit haben wir uns im Juni mit dem Monatsthema „mein Hut geht durch das ganze Land“ beschäftigt.

Wir gratulieren Johanna Bauer, Pauline Lätsch, Charlotte Obenaus, Finn Ridinger, Simon Schendel und Findus Scheuerling ganz herzlich zu ihren Gewinner*innen-Gedichten!

treffen sich zwei jäger, beide auf der heide

Johanna Bauer

2005

der apfel fällt nicht weit vom
stammtisch: gespräch in aspik,
eingegossen, flosse, genosse.
gallertartig, du magst galatasaray.
das a und amen in der kirche.
treffen sich zwei jäger-
meister, machste mir noch einen?
in böhmischen dörfern wohnen du und ich,
du glücklich, ich eher pessimistisch.
ein fähnchen im wind,
mahatma glück, mahatma pech,
mahatma gar nichts.
ich geh die bettkarte stempeln,
du stempelst mich ab, gegenseitig
stempeln wir einander platt.
reiben uns rhetorisch aneinander ab.
diskurs-werfer*innen!
red dir einen knopf an die backe,
das kotelett ans ohr, wir sind grün dahinter!
und wir haben‘s faustdick davor,
wir hauen uns gegenseitig übers 
bockshorn! wäre ich blechblasinstrumentalistin,
ich spielte bock-horn!
wir beide gehen geschwächt hervor-
ragend! du bist so schön,
du bist so hübsch, kommst du später
mit mir mit
hinter den mond? hinter den wald? 
unter einen stein?
willst du mit mir hinterwäldler sein?
komm, baby, komm, wir gehen nach
cabanossi.
und irgendwann gibst du mir den
laufpass, du schießt mich zum mond,

wir wissen beide nicht, wer da noch so
wohnt.
mit dem korb, den du mir gibst,
lauf ich weiter, eher angeschwipst, und trage
meine eulen nach aachen.
da erfinden wir gemeinsam das fahrrad neu,
denn ich bin zweiradfreundin,
aber komm nicht voran, bin eingezäunt,
ende im gelände.

Redewindungen (Kategorie: Hoffnung)

Pauline Lätsch

2006

Die erste Seniorenweihnachtsfeier des Lebens vergeht nicht,
ja, vielleicht, aber hör doch!
Ein Stein ist kein Koffer. Leid ist kein Erlebnisbad und Herz ist kein Luxus und
schöner als ein Ring sehr großer Freude ist reife Sehnfrucht, 
die nicht weit vom Stamm fällt. 
Also Tee warten und abtrinken!
Nur die Nadeln im Kerbholz verlassen das sinkende Schiff, 
und du! Pass doch auf! 
Du gehst jetzt sofort zum Lachen auf den Dachboden!

Möwen usw.

Charlotte Obenaus

2005

ich stelle mir den Norden vor, als würde ich mich erinnern
eine Luft, die sich den Kragen hält, eine Frau mit Kappe
als könnte ich dich dort fragen, haste einen Weg für mich
dich, die du an etwas lehnst, nur nicht an den Klinkern
an etwas Säulenartigem, etwas, an dem sich Dinge
festmachen lassen, Boote, Schuten, so sagt man doch
die Möwen umkreisen die Leere, viel Lärm um nichts
die Mundwinkel umdunkeln den Rest, viel Schweigen über alles 
und ein paar Strähnen, die der Wind hineinlegt, meine Haare
in meinen und deine Haare in deinen Mund, bevor er
Richtung Fischmarkt weht, dorthin hältst du die Finger
unter denen ich nach Rückständen suche, und es gibt kein Wozu
dieser Hoffnung, dass noch jemand die Fische ausnimmt
mit warmen Händen, der Hunger ist sich nie genug

Muttersprache ist eine Krankheit

Finn Ridinger

2007

MUTTERSPRACHE IST EINE KRANKHEIT
ich
warf das handtuch.
es traf
den mond.
seitdem
schwitzt
die nacht.

mein herz
hat gekündigt.
es wohnt jetzt
im kleiderschrank,
zweite schublade links,
zwischen
»vielleicht«
und
einem
eingebildeten winter.

Ich
verlor
den faden.
nun hängen
alle pullover
lose
im himmel.
die schafe
frieren.

Jemand
trat
ins fettnäpfchen.
das fett
war beleidigt
und
zog aus.
seitdem
brät die welt
trocken.

Ich
redete mich
um
kopf
und
kragen.
der kopf
lernte fliegen.
der kragen
wurde
innenminister.
niemand
bemerkte
den unterschied.

Mir
lag
ein elefant
auf der zunge.
deshalb
klang
jedes
»ich liebe dich«
wie
ein erdbeben.

Ich
nahm
meinen mut
zusammen.
es waren
vier schrauben,
ein kieselstein,
zwei fehler
und
der geruch
eines montags.

die zeit
heilt
alle
wunden.
meine uhr
hat
darüber
gelacht,
sich
den arm
gebrochen
und
läuft
seitdem
rückwärts
durch
meine kindheit.

Ich
Malte
den teufel
an die wand.
er
bedankte sich,
hängte
ein familienfoto
auf
und
zahlt
seitdem
miete.

Jemand
gab
den löffel
ab.
niemand
hob
ihn
auf.
nun
isst
der hunger
mit
den fingern.

am ende
fand ich
den roten faden.
er
war
gar
kein
faden.
er
war
die naht,
mit der
die wirklichkeit
jeden morgen
heimlich
wieder
zusammengenäht
wird.
und
nachts
trennt
die sprache
alles
wieder
auf.

Lutherbibel-Fugato

Simon Schendel

2008

Thema I: Sie waren ein Herz und eine Seele. (Apg 4,32)
Thema II: Werft nicht die Perlen vor die Säue! (nach Mt 7,6)
Kontrasubjekt zu I: Ich bin das A und das O. (Offb 22,13)
Kontrasubjekt zu II: Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. (Mt 26,41)

Sie waren ein Herz und eine Seele
Eine Seele
Werft nicht die Perlen, Der Geist
Vor die Säue die Perlen, aber das Fleisch
Aber das Fleisch ist, Vor die Säue
Aber das Fleisch ist schwach
Sie waren ein Herz, Ich bin das A
und eine Seele, das A und das O
Werft nicht, Das Fleisch ist
Die Perlen vor die Säue
Das Fleisch ist schwach
Die Perlen
Werft nicht die Perlen
Das A und das O
Und eine Seele

Sie waren ein Herz, Werft nicht
und eine Seele, die Perlen, das A
Sie waren ein Herz, vor die Säue
Werft nicht, das Fleisch ist schwach
Die Perlen vor die Säue
Sie waren ein Herz
Das A und das O, und eine Seele
Und eine Seele
Ein Herz
Und das O
Das O

Und der Friede Gottes
Der höher ist als alle Vernunft
Bewahre eure Herzen und Sinne
In Christus Jesus
Amen, Amen
Amen

Findus Scheuerling

aufmachen

2005

von                                                                                  bis

wunden linien punkten mündern 
deine lippen sind zu weich zum küssen
ich fühl dir die zähne auf
geb dir saure milch und fruchthautplatzen
lass das wasser im mund verlaufen
erster quadrant

1f         2c         3f         4x         5x        6f         7c       8f

kehle keimt 
kiefer keilt

1x        2x        3x         4x         5x        6x         7x        8x

eine    hand     eine     andre    von     der        hand   in
den     mund   vom     regen    zum    täufer   aufs    knie
wund  ins        neon    licht      dann   riss       dann   gefäß
galle   artig     wieder zu          bis      biss      biss     biss

u-bahnfahrt ist leichenschau wie die 
körper die sich nicht kennen wollen zueinanderschmelzen
du redest dich zu fasern in zungen fast händedrängend
versagst deiner muttersprache
festgemahlene zerleugnisse
drückst dich weichst
an mich

angst und wangenrot in kalkfleisch in bleichweiß

willst noch nicht sterben

biss     biss     biss     biss     biss     biss     biss     biss

ich warte auf lautbildung treffe nur auf gummizug auf kaltes 

metall dort wo es am verletzlichsten ist spuck auf den asphalt 

und im schaumstoff zäh und schuppig der stachelzahn das 

fragment das womögliche das was verblieben ist was pestet 

keim    ling     zer      zahn     fall       mit      fein    gefühl
du        um     höhlst  mich    von      innen  her     aus

in deinem blickdichten laichen kann dich das blaulicht nicht finden

auf                                                                               zu

ohne befund

Schreibe, um zu träumen.