nicht wirklich / oder?

DAYS HOURS, MINUTES, und  SECS
[[deadline:2026-04-30 24:00:00]]

Manchmal ist jemand ganz nah. Und trotzdem bleibt eine Distanz. Ihr sitzt nebeneinander, schreibt euch, schaut euch an, und merkt, dass Nähe nicht nur davon abhängt, wie weit man voneinander entfernt ist. Sondern davon, wie man einander wahrnimmt, anspricht, berührt oder eben nicht. In diesem Monat geht es um Nähe und Distanz: um das, was zwischen Menschen entsteht, sich verändert oder unausgesprochen bleibt. Und um die Frage, wie sich dieses „Dazwischen“ in Sprache fassen lässt.

Poster Ankündigung Ausstellung
Poster zur Ankündigung der Ausstellung Fictions of Proximity der 4C Gallery in Los Angeles

Nähe als Konstruktion – Fictions of Proximity
Einen Ausgangspunkt bietet die Ausstellung Fictions of Proximity, die 2025 in der 4C Gallery in Los Angeles gezeigt wurde. 

In der Gruppenausstellung zeigen acht Künstler*innen Arbeiten, die sich mit unserem heutigen Verständnis von Nähe und Distanz auseinandersetzen. Dabei wird deutlich: Nähe ist nicht einfach gegeben, sondern entsteht durch verschiedene Einflüsse – durch Bilder, Medien, Technologien und gesellschaftliche Vorstellungen.

Gerade in digitalen Kontexten verändert sich, was wir als Nähe empfinden. Menschen können miteinander verbunden sein, ohne sich physisch nahe zu sein. Gleichzeitig können Begegnungen im selben Raum distanziert bleiben. Nähe wird so zu etwas, das hergestellt, vermittelt und auch verzerrt werden kann.

Die Ausstellung beschreibt diese Erfahrung als eine Art „soziales Psychodrama“: Besucher*innen bewegen sich durch Situationen, in denen Nähe immer wieder neu entsteht, sich verschiebt oder infrage gestellt wird.

So stellt Fictions of Proximity grundlegende Fragen: Wie entsteht Verbindung zwischen Menschen? Was bedeutet es, jemandem nahe zu sein? Und lässt sich Nähe überhaupt eindeutig von Distanz unterscheiden?

„ich sehe dich trotzdem“ – Marius Goldhorn
Auch im Gedicht von Marius Goldhorn, das wir euch diesen Monat vorstellen, geht es um Begegnung. Zwei Figuren bewegen sich durch verschiedene Situationen, sprechen miteinander, beobachten sich. Dabei entstehen Momente der Nähe und zugleich bleibt vieles offen.

Auffällig ist, dass das Gedicht keine klare Trennung zwischen äußeren Ereignissen und inneren Wahrnehmungen zieht. Szenen wechseln, Realitäten verschieben sich, ohne dass eindeutig wird, was genau geschieht. Der Satz „ich sehe dich trotzdem“ wirkt dabei wie ein Versuch, Verbindung herzustellen. Er steht im Raum zwischen Wahrnehmung und Projektion: Jemand wird gesehen, aber was genau wird gesehen?

Das Gedicht zeigt, dass Nähe nicht eindeutig ist. Dass sie sich nicht festhalten lässt. Und dass zwischen zwei Menschen immer auch etwas bleibt, das sich entzieht.

Eure Schreibaufgabe im April:
Schreibt ein Gedicht über Nähe und Distanz. Untersucht, wann ihr euch jemandem verbunden fühlt – und wann nicht. Welche Gesten, Blicke oder Situationen Nähe entstehen lassen. Und wodurch Distanz spürbar wird. Vielleicht steht eine Begegnung im Mittelpunkt. Vielleicht ein Gespräch. Vielleicht etwas, das unausgesprochen bleibt.

Ihr könnt auch danach fragen, wann Nähe zu viel wird. Wann sie Grenzen überschreitet oder unangenehm wird. Und welche Rolle Distanz dabei spielen kann: als Schutz, als Verlust oder als Entscheidung.

Versucht, diese Spannungen im Gedicht erfahrbar zu machen: durch Sprache, durch Perspektiven, durch das, was gesagt wird, und das, was offen bleibt.

erstaunliches

Marius Goldhorn

wir sind am meer
ein zerfallenes casino, ewige wellen
immer weht etwas im wind
ein übergewichtiger ukulelespieler
singt von seinen erlösungsgedanken
das haben wir totgehört
trotzdem ist es schön
am strand jagen möwen fische
im meer jagen fische andere fische
in einem paralleluniversum
jagen fische menschen
in einem paralleluniversum
werde ich jedes jahr ein jahr jünger
in einem anderen paralleluniversum existiere ich zwei mal
ich verliere gegen mich selbst bei der armdrück-wm
du legst den kopf in den wind
deine kurzen haare im wind
du neigst deinen kopf leicht gegen den wind
ich bin neidisch auf deine stärke
jetzt werden wir gekidnappt
nicht wirklich
oder?
sie verbinden uns die augen
ich sehe dich trotzdem
ich schreie
hilfe
du schreist
hilfe
ich spüre ein stich am oberarm
ich wache in einem gitterschrank auf
wo bin ich?
wo sind meine schuhe?
ich sehe wie du
mit der ruhe eines Krankenwagenfahrers
einem mann mit meinen schnürsenkeln
die füße auf den rücken bindest
ich wollte dich nicht wecken, sagst du
ich befreie dich sofort, sagst du
hast du hunger?
ja, ich sterbe
du befreist mich
wir lachen im restaurant
wir essen sardellen

aus: Marius Goldhorn, Yin, Korbinian Verlag – Berlin 2020
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

Über Marius Goldhorn

Foto Marius Goldhorn (privat)
Marius Goldhorn, Foto: privat

Marius Goldhorn, geboren 1991, ist Autor der Bücher Die Prozesse (2025), Yin (2020), Park (2020). 

mariusgoldhorn.com  

Schreibe, um zu träumen.