Unsere Gewinner*innen im April 2026

Wettbewerb im April 2026

Im April haben wir uns mit Nähe und Distanz beschäftigt: mit dem, was zwischen Menschen entsteht, sich verändert oder unausgesprochen bleibt. Und mit der Frage, wie sich dieses „Dazwischen“ in Sprache fassen lässt. „nicht wirklich / oder?“ hieß unser Monatsthema, inspiriert von dem Gedicht „erstaunliches“ von Marius Goldhorn.

Mit ihren Texten überzeugen konnten Taha Falahati, Christine Henne, Rania Maach, Katharina Scheipner, Simon Schendel und Marie Stieglitz. Wir gratulieren ganz herzlich zum Monatsgewinn! Jede Arbeit eröffnet eine eigene Perspektive auf das Spannungsfeld von Nähe und Distanz und zeigt, wie unterschiedlich intensiv sich Verbindung im Gedicht denken und erfahren lässt. Viel Freude beim Lesen!

Freitags in Freiburgistan

Taha Falahati

2007

meine eisernen schlüssel schmeiß ich in pastellnes porzellan,
mama, hastam zuhause.
ich quere samtige teppiche,
auf ihnen stolze geschichten gewebt, von pferden, geziertem mut und vergossnem blut. im wohnzimmer schallt der nasale laut persischer hymnen und klagen vom fernseher, die sich vor meinem zimmer fürchten.
endlich da, im reich beiger tatsachen, schnell tür zu.
leave no one behind, sagt mein poster.
madrese chob chetar bud?

ghaza chordi?
bashe azizam, mizaramet

غریبگی


Übersetzung einzelner Passagen:

1) hastam (= ich bin)
2) madrese chob chetar bud? (= wie war die schule denn nun?)
3 ghaza chordi? (= hast du gegessen?)
4) bashe azizam, mizaramet (= einverstanden, ich lasse dich nun, liebling)
5) غریبگی ≈ fremdheit. allerdings ein persisches wort, das so nicht übersetzt werden kann. es beschreibt das gefühl vom fremdheit, obwohl man an einen ort gehört.

ein gedicht über ein gedicht über wolken, für atlas den titan und für r

Christine Henne

2005

niederländisch lernen, oder java script 
ein berg werden oder ein tektonischer prozess 
einen schritt voraus sein, mein liebling
einen schritt näher, wie erklär ich das?
über den zeiger springen, sternkarten lernen 
wir kriechen ins zifferblatt und stranden dort 

denke an lichtflecken an der wand 
denke an spitzenvorhänge die sich 
auf deine haut weben, denke an blattwerk und blauwale
und den plattenspieler der schon vor unserer ankunft 
kalt liegt, schläft, lava unterlässt 
aber von deinen händen erzählt 

der waldrand kokettiert mit worten, die
sich der briefschrift nicht ziemen 
und wir richten
die nadel nach oben: 
es wird viel spekuliert darüber, was ikaros träumt
aber wir müssen doch zugeben: zumindest haben wir raum für

all 
das!
man mythologisiert, 
verwirft sich den himmel
kratzt daran
folge den kondensstreifen:

von meinem schlüsselbein 
zu deiner schulter, über das rückgrat 
des gebirges—
ein ganzer heiliger atlas 
an dingen, die zwischen uns liegen
aber am liebsten ist mir:

stundenlang meer
entlang der exosphäre
bis auf meine zunge
an deinem gesicht vorbei, du lachst
in die rote sonne
und weiter 

6/12:00 // fehlerlauf

Rania Maach

2010

WIR sitzen nebeneinander
oder knapp daneben

12:00
bleibt stehen
zwischen uns

du tippst
mein name
verfehlt mich um sekunden

1/2: fast
2/2: nicht

PROTON PROTON
im mund behalten

FEHLER
versuch es erneut

zwischen uns
bleibt ein restabstand

(zu nah für zufall
zu weit für berührung)

12:30
rückt auf
nimmt deinen platz ein

im brustraum
ein ziehen
so klein

nur genug
dass wir nicht auseinandergehen

du lachst
oder licht bricht an dir

7/365:
wir bleiben

nicht weil wir wollen

eher
weil etwas
uns hält

im nebenraum
gäbe es das nicht

hier
reichen millimeter

um zu bleiben
oder nicht

Donnerstags, im Windschatten mit L.

Katharina Scheipner

2005

Den Tee so trinken wie Mutter es tut, d.h. schwarz mit einem Schuss Hafermilch, außer man liegt von Husten geschüttelt im Bett, dann italienische Zitrone und im Delirium von Sizilien fantasieren (kornblumenblau). Sich am Tee die Zunge und an Männern die Hände verbrennen; j’adore ce qui me brûle (Max Frisch). L nimmt den 11-Uhr-Zug nach Hause. Ihre Handschrift kann ich inzwischen mühelos entziffern. Nicht deuten kann ich hingegen ihre Blicke, ihre abgebrochenen Sätze. Wenn die Ticketentwerter in der Straßenbahn um Mitternacht ratternd die Zeit zurückstellen, stelle ich fest: den ganzen Tag wieder nur an Ginster und Oleander gedacht. „Wir können von Glück reden“ sagen und damit nicht die Regenpause meinen, vielleicht aber die ineinander gefalteten Hände. An die Räuberschlucht im Mattiswald denken. Mit dem Leben zurechtkommen.

erschlagene zweisamkeit

Simon Schendel

2008

die allianzbereitschaft unserer nasenspitzen
die obertonharmonie unserer atemgeräusche
die quasikongruenz unseres blinzelintervalls

das polyphone verbalsprudeln als lauwarmer
regen an unseren rücken
fremdes gläserplingen als sternhaftes
aufleuchten in deinen augen

die tablettenartige löslichkeit
meines seins in deinem sein
der übersinnliche kosmos
unseres verschränktseins

doch plötzlich
das verstörend pulsierende lachen
eines einsamen teufels
der säuerlich triefende klang
seiner flüsterflüche

im geiste ein kleines ersticken
als erwachte ich
in zwiebelähnliches beißend
aus marzipanträumen

das tödliche krampfen meiner augenlider
der schnittwundenscharf schmerzhafte blick
in dein urfremdes gesicht

Nicht mal dein Name

Marie Stieglitz

2006

würd mich schon interessieren,
wer mit mir Stunden schluckt.
Füße so weit zerlaufen,
dass sich Zehen verzahnen,
ein Uhrwerk aus Schlägen. 
hab mich vielleicht, an deinem
Herzschlag verhört. 
die Glasscheibe (dick wie Beton)
ich glaube, wir haben einen
Quantensprung gewartet.
53 Sommersprossen,
hatte genug Zeit zum Zählen.
auf der Straße hätte ich, 
deinen Schatten überstolpert,
aber hier (zwischen staubigen Sitzen)
hat sich mein Sein an dir aufgehängt.
und so gibt es endlich,
genug Atemzüge um einen
Menschen zu sehen.
dieser Atem tropft zäh,
unter den Gleisen,
dort hab ich für einen Moment,
blaue Blumen gepflückt.
aber Unkraut verwelkt doch,
und das Rattern mit ihm.
Bungee-Sprung zurück ins Jetzt,
nur du sitzt noch drüben,
hinterlässt Wolkengeschmack an meinem
Gaumen.
schon verflüchtigt in der nächsten Kurve.
wie dein Name [Sitz 53, Wagen II] 
und mit ihm der Konjunktiv,
zwischen zerbissenen Lippen
verblutet.
also habe ich mich, 
noch diesen Abend,
als Schaffner beworben. 

Schreibe, um zu träumen.