Unsere Gewinner*innen im März 2026
Wettbewerb im März 2026
Wir gratulieren ganz herzlich N. Beckel, Christine Henne, Hiba Khder, Jasmin Konaté, Charlotte Obenaus und Findus Scheuerling! Ihr seid die Monatsgewinner*innen im März in der Altersgruppe 15–20 zum Thema „Ich würde es wieder machen“. Wir haben euch aufgerufen, ein Gedicht über eine Handlung zu schreiben: etwas, das „gemacht“ wurde oder hätte gemacht werden können. Die ausgezeichneten Gedichte gehen sehr unterschiedlich vor: Einige erzählen konkrete Situationen, andere arbeiten freier mit Sprache und Bildern. Immer wieder stehen einzelne Momente im Mittelpunkt, die aus verschiedenen Perspektiven gezeigt und weitergedacht werden: eine Offenheit, die auch den Ausgangspunkt des Monats spiegelt. Als lyrische Inspiration diente ein Text des US-amerikanischen Autors Ben Lerner aus dem Band No Art. Poems / Gedichte. (Suhrkamp, 2021), der mit den Worten endet: „Ich würde es wieder machen.“
Aus krummem Holz
N. Beckel
2006
Montag, vorletzter Winter,
Frankfurt atmet dreckigen Schnee,
iPhone-Akku auf 22%,
die Nacht schmeckt
nach Vodka Cranberry.
Der Bass dröhnt
im Magen;
Happy Hour,
das Gelächter kippt
über den Glasrand.
Ich renne
mit Muskelkater
in den Beinen;
Blaulicht prallt ab
an den Mauern.
Die Frage wird
geschluckt.
Niemand glaubt
uns.
Hätte ich Nein gesagt in der Millisekunde —
Die Nacht
legt sich nicht schlafen,
starrt mit aufgerissenen
Augen, ritzt
heute
in den Bettpfosten;
sie besudelt
die kaum berührte Trüffelpasta.
Im Stimmengewirr stolpert
mein Herz so laut,
es merkt niemand,
wenn ich jetzt aufstehe,
wenn ich jetzt einfach
ginge —
Junge Männer kratzen am
Lack des Autos,
ihr Geheul
sickert durch die Türspalte
wie giftiger Dampf;
unser Atem beschlägt die Scheiben,
ihre Gesichter verblassen noch
vor dem Auto.
Es ist
Samstagnacht
im letzten Winter,
der Hauptbahnhof menschenleer.
Die Stimme meines
Bruders im rechten Ohr,
im linken der
Hall meiner Schritte.
Ein Schuh ist offen,
der Schnürsenkel federt
lose.
Ich habe nicht gesagt:
wartet,
ich hätte gerne
mehr als geflüstert.
Mein Bruder erzählt von seinem Tag;
seine Stimme pulsiert
fast körperhaft, warm.
Ich werde kein Auge zutun,
heute nicht, morgen nicht.
3 verpasste Anrufe, 8 Nachrichten.
Die Antwort bleibe ich
schuldig.
Gliederung eines Fließgewässers
Christine Henne
2005
i.
baba yaga bringt mir bei: der wald hat keinen ausgang
echo lebt hier lang und glücklich, liebt lediglich
die gelben blumen
liebt den fluss rauf und runter
quelle und mündung
sie sagt, zweifeln hätte wenig divinistischen wert
fliegen lernen möge man besser
mit mörser und kessel
ii.
tauch auf, ein see, der auftaut
und mich ganz verschluckt
auf dem weg zur postfiliale
wurzeln
und so weiter
knoten und astgabeln
lerne ich zu beschreiben und zeichne
sie ein in lidflimmer-diagramme
iii.
ich gebe mein haus als pfand und dir wachsen knochen, mein herz
straßenseitenritual wie ein frühling im wechseljahr
metrische systeme des unglaubens
kurzfristig das land verlassen
kurzfristig frieren verlernen, zum tanz auffordern
—die blutbüchse hat vogelfüße und rennt mir davon, dann entgegen
könnte nicht ausweichen,
wenn ich wollte, genesung, bewegung, kollision
iv.
und vielleicht ist das all weich,
aalglatt und wohlgenährt an unserem glück
fängt uns und lässt uns gehen
optimismus wächst unkräutig
dieser tage als antithese
zum erfahrungswert in asphaltecken und im labor
gravitationsscheu, stilistisch sicher
aromatisch und ästhetisch akrobatisch
wie baba yaga empfiehlt
v.
kann der nicht böse sein, dieser, die
ans beste gedacht hat
idealspionierin, kann ihr nicht übelnehmen
die hände voll sand—
mit der handlung halblang machen
macht sich leicht und leicht verderblich
jedes stillleben, nachhall tick
macht sich gut, höhlt sich die beine aus zum flug
Latenzzeit: mit/ohne//ohne/mit
Hiba Khder
2007
I Reaktionsbeginn
Mich zu oft umgedreht
und ihn fixiert
Lasertag—
wie ein Beobachter
das Modell
alle spürten es
Lauffeuer
Rau(s)chspur
enigmatisches Wirkungsbestreben zerstört,
versagt,
Flammen sind für mich verloschen
wie meine Hoffnung
von zwei gemeinsamen Sonnen.
Doch ich nehm die Lektion mit:
shame tastes metallic
II Gasgemisch
Wäre es one shot oder Clownerie,
die mich entweder erlöst oder heimsucht?
Wird Harlekin meine neue Identität,
da, wo ich mich oft genug zum Affen gemacht hab?
Ja, ich will
ihm mein Gedicht geben
für die Reaktion—
Ich erwarte nichts mehr.
Nicht mal nach oben gewinkelte Unterlippen
beim langsamen Lesen,
beim Einsaugen meiner Gedanken—
der Anblick ist nach wie vor so schön
Poesie leben:
heißt jetzt, niemals unausgesprochen lassen.
Ist es Hedonismus oder Masochismus?
Nicht, wenn ich die Herzenssplitter
gedanklich vorwegnehmen kann.
Gut gerüstet:
Ruinen sind/bleiben Geschichte(n).
Ich würde es viel mehr bereuen, es nie getan zu haben.
Meine Lektionen werden Erbe.
Ich hab nichts zu verlieren.
Enttäuschungen werden meine Strophen.
Und ich werde es immer wieder tun.
To speak or to die,
good story or good time?
Nichts wird fürn Arsch gewesen sein
III Katalysator
23:16
Lichterflackern,
zwischen Sternen in meinem Zimmer,
kurz vor Supernova.
Ich projiziere dich nicht mehr an die Decke–
spiel kein Arthaus-Kino im Kopf,
schlafe besser ein
und doch ist R.E.M.
fast alle 24 Stunden
neu bei dir
Ich muss es tun.
Noch vor Sommersonnenwende
doch geh ich mit meiner eigenen Uhr,
sie pendelt sich an mich
und ich tanze mit ihr—
Loopfehler
Jasmin Konaté
2007
Just –
nein, nicht „do it“,
eher ein Flackern
zwischen zwei Gedanken,
ein Pixel, der zu lange leuchtet.
Ich habe es gemacht,
bevor ich wusste,
dass „ich“ hier mehrere bedeutet.
Da war eine Stimme,
die klang wie ich
nach zu wenig Schlaf,
und eine andere,
die klang wie Applaus
in einem leeren Raum.
Sie sagte: Jetzt.
Und ich
oder wir
oder das Echo
tat.
Es war nichts Großes,
kein böses Blut, kein brennender Bruch,
nur ein leises Verschieben
der Wirklichkeit um zwei Millimeter nach links.
Ein Glas blieb stehen,
wo es hätte fallen sollen.
Ein Wort fiel,
wo es hätte schweigen müssen.
Später behauptete ich:
Das war Absicht.
Später behauptete ich:
Das war notwendig.
Später erfand ich Gründe,
die mich im Nachhinein erzeugten.
Die Zeit lief nicht weiter,
sie lief im Kreis
um diesen einen Moment,
wie ein gefangenes Tier,
das seinen Ausgang nicht findet.
Ich hörte mich sagen:
„Ich würde es wieder tun.“
Und plötzlich
tat ich es wieder,
nicht in der Welt,
sondern in der Erinnerung,
die sich selbst für Gegenwart hielt.
Ich wurde Zuschauer
meiner eigenen Wiederholung,
klatschte an den falschen Stellen,
vergaß, wann ich aufhören sollte.
Was habe ich gemacht?
Ich habe die Richtung vertauscht.
Ich habe Ursache und Wirkung
ineinander geknotet
wie Kopfhörerkabel in einer Tasche ohne Boden.
Ich habe mich entschieden,
und die Entscheidung hat mich behalten.
Vielleicht war es nur ein Satz,
der sich selbst gesagt hat.
Vielleicht war ich nie gemeint.
Vielleicht passiert es gerade wieder,
während du das liest,
dieses kleine Kippen,
dieses unauffällige Ja
zu etwas,
das dich später erfinden wird.
Pazifik 1967
Charlotte Obenaus
2005
ein blauer Körper vor dem Fenster in der Waagerechten
wie ein Gefallener und Schaum
vor dem Mund
in den Wogen keine Schwimmerinnen
auf dem Tisch die Waffe ohne Schatten
als ließe sie sich noch aus dem Bild
nehmen
dazwischen ein Mann und zwischen den Schultern
ein Flusstal aus Licht
aber noch kein Meer noch kein blauer Körper
im abgewandten Blick womöglich eine große Stille
als würde er sich
umdrehen wenn ich pacífico rufe, mi pacífico!
naht – los!
Findus Scheuerling
2005
bühne: überbelichtet. wolkenheere. meereskratzer. ohrmuscheln. münderfindung. mobile.
publikum: kernfamilien. massenbewegung. rush hour. fahrkartenkontrolle.
schauspiel: gezwungene intimität. vorschlag. hochzeit.
zwischenraum: zugenäht. gentleman stitch.
ritual: kuss
ich: du: zeugung:
unbefleckt:
X empfängnis.
X ich bin der fäulnis überdrüssig und dem verkehrt-geschlecht
X mein pelz in der brandung die tür liegt in den angeln
X brustfleisch entblößt im taubenschlag
X erschlag mich
X deine aufgebläute magengrube das ist
X eigengetüm
X tribunal
X wehenleiden
X mit bleich versetzt hinabsinken in den abyss
X abrissbirnen
geht ab. hebt die arme. hebt die arme.
folgt nicht. reißt ab.
erbleit. läuft blau.
gutenachtgeschichte.
armee. triumph.
geht auf. geht ab. (—)
geht in die stabile notlage.
X warum muss mein körper grund für krieg sein für gewalt nicht für eroberung warum muss verschwimmen gleich ertrinken heißen warum ein name eine blechtrommel kettet euch an segelmäste aber lasst den dammbruch abgrund bleiben
X aufgespreizt und ausgetrocknet brandungsloch ich kristallirisiere unterm blendungszenit mag wieder rinnsal werden im taschentuch im fahnenschaum halt mich fest schmutzgetränkt als ausgeburt deiner fantasie deiner friktion
X alles in schräglage
X sturzflug
X schlampe
X was ist der unterschied zwischen höhepunkt und hochzeit
X sind wir bereit uns zu begreifen
X sind wir bereit für kollision
X deinen quellkörper verhalten
X sind wir bereit einander zu besiedeln
nimmt anlauf. schwarzgrund.
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zerläufnis. speichelschwamm. gelächter. verrechnung.
X sind wir einander zu tangieren
XXXX zeugung XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXX geständnis XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXX vergeltungsbereich XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXX mund sucht XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
X gerate ich in versuchung –
X und du bist?
geht ab. geht auf. geht ein. vergeht.
verdreckte bettlaken. brandloch.
abreißkalender.
hast du schon einmal beobachtet wie sich der staub in den ventilatorschneiden sammelt und
wie das blut in der toilette zusammenfließt: leben: laster
hast du dich schon einmal nach weihrauch gesehnt: rettung: naht
nadelsatz. stichflamme.
kreuz:
naht:
X XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX