Dieses Gedicht ist nicht besonders
Die Jury hat entschieden!
Die Gewinner*innen werden bald bekannt gegeben.
Ein Gedicht beginnt mit der Feststellung, was es nicht ist: „Dieses Gedicht ist kein / Large Language Model.“ Doch wie grenzt sich ein Gedicht von einer Maschine ab, die ebenfalls Sätze und Verse hervorbringen kann? Liegt der Unterschied in den Wörtern selbst, in ihrer Anordnung oder darin, wer für den Text Verantwortung übernimmt?

Schreiben mit vorhandenem Material
Muss ein Gedicht aus Sätzen bestehen, die vorher noch niemand geschrieben hat? Kenneth Goldsmith stellt diese Vorstellung infrage. Für sein „Uncreative Writing“ arbeitet er mit Sprache, die bereits existiert: mit Zeitungen, Gesprächen und den vielen Texten, die uns im Alltag begegnen. Ein Beitrag im Deutschlandfunk zeigt, wie weit er diese Idee treibt.
Doch selbst wenn jemand einen Text abschreibt, bleiben Entscheidungen: Welchen Text wählt man? Übernimmt man auch Fehler und Zeilenumbrüche? Was verändert sich, wenn dieselben Wörter plötzlich in einem anderen Zusammenhang stehen? Goldsmiths Verfahren wirft damit die Frage auf, ob Schöpfung immer bedeutet, neue Wörter zu finden, oder auch darin liegen kann, vorhandene Sprache bewusst auszuwählen und ihr eine neue Form zu geben.
Das ist nicht frei von Widersprüchen. Wem gehört ein Satz, den jemand anderes geschrieben hat? Wann wird aus einer Übernahme ein eigenes Werk, und wann eignet man sich fremde Arbeit einfach an? Mit KI verschärfen sich solche Fragen noch einmal: Ein System erzeugt neue Sätze aus Mustern bereits vorhandener Texte. Wer trägt die Verantwortung für das, was daraus entsteht und veröffentlicht wird?
Klein werden, um etwas zu sagen: Bastian Schneider
Bastian Schneiders Monatsgedicht spricht selbst über das Schreiben. Während „Großmäuler“ in „hohlen Phrasen“ festhängen und sich von „1 auf 0“ schubsen, macht sich das Gedicht „lieber klein“. Es nennt sich „nicht besonders / schlau“, redet leise und setzt den großen Behauptungen Wortspiele und unerwartete Wendungen entgegen.
Gerade indem es seine eigene Bedeutung herunterspielt, zeigt das Gedicht, wie bewusst es mit Sprache umgeht. Es greift auf vertraute Wendungen zurück, verändert ihren Ton und lässt offen, wer hier eigentlich spricht: das Gedicht, sein Autor oder die Wörter, aus denen es besteht.
Eure Schreibaufgabe im Oktober:
Schreibt ein Gedicht, das mit bereits vorhandener Sprache arbeitet. Ihr könnt Gesprächsfetzen, Überschriften, eigene ältere Sätze oder von einer KI erzeugte Wörter als Material nehmen. Wählt aus, streicht, wiederholt und verschiebt. Beobachtet, an welcher Stelle sich die Bedeutung verändert und wo eine neue Stimme entsteht.
Vielleicht zeigt euer Gedicht, aus wie vielen Quellen es zusammengesetzt ist. Vielleicht widerspricht es seinem Ausgangsmaterial oder beschreibt, wie es entstanden ist. Was ist an diesem Text eure Entscheidung? Und was entzieht sich beim Schreiben eurer Kontrolle?
Wir freuen uns auf eure Gedichte!
Vorhandene Sprache und KI-generierte Sätze können euer Ausgangsmaterial sein. Was ihr daraus auswählt, verwerft, verändert und miteinander in Beziehung setzt, ist Teil eurer Arbeit am Gedicht. Wenn KI daran beteiligt war, beschreibt ihre Rolle bitte kurz im Einsendeformular.
Hinweis auf potenziell belastende Inhalte
Bastian Schneider
Dieses Gedicht ist kein
Large Language Model.
Es macht sich lieber klein,
so klein, dass nur noch Gott hineinpasst,
wenn es ihn denn gibt, dann nur
im kleinsten Wort, der kleinsten Silbe – A und O.
Die Großmäuler und ihre Pläne
hängen fest in hohlen Phrasen
und schubsen sich von 1 auf 0,
dass ihnen hoffentlich die Luft ausgeht.
Dieses Gedicht ist nicht besonders
schlau. Es redet leise ungefragt
von grandiosen Idioten, die das Gedicht
wohl niemals lesen werden
und würden sie es doch,
wär’s für nen Bruchteil still vielleicht –
Zimzum, denn das Gedicht ist auch nicht dumm.
Bastian Schneider, unveröffentlichtes Gedicht,
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Über Bastian Schneider

Bastian Schneider wurde 1981 in Siegen geboren. Er studierte deutsche und französische Literatur in Marburg und Paris sowie Sprachkunst in Wien. Er schreibt Gedichte und Prosa und lebt in Köln und Wien. Zu seinen jüngeren Büchern gehören der Gedichtband TAG AM POOL (2024), das Zollstock Alphabet (2024) und der Roman Umschreibung (2026). Für seine Texte erhielt er unter anderem den Dresdner Lyrikpreis und den Reinhard-Priessnitz-Preis.