das hält
Die Jury hat entschieden!
Die Gewinner*innen werden bald bekannt gegeben.
Vielleicht kennt ihr das: Ihr sitzt irgendwo, sagt nichts, und trotzdem passiert etwas. Ihr merkt, wie ihr schluckt, wie euer Atem sich verändert, wie sich ein Geräusch löst, das ihr gar nicht geplant habt. Der Körper reagiert, bewegt sich, macht weiter, auch ohne dass ihr darüber nachdenkt. Bevor ihr etwas sagt, ist euer Körper oft schon einen Schritt weiter.

Wenn der Körper zur Sprache wird – Saliva Studies
In der Videoarbeit Saliva Studies des Künstlers Vito Acconci steht genau das im Mittelpunkt: der Körper und das, was er von selbst tut. Speichel wird dabei nicht als Nebensache gezeigt, sondern als Ausgangspunkt für Kunst. Der Künstler beobachtet, wie sich Speichel bildet, sammelt und wieder verschwindet. Ein Prozess, der eigentlich ganz automatisch passiert. Dabei wird etwas sichtbar, das sonst kaum beachtet wird: Der Körper produziert ständig Material, Bewegung und Geräusche. Dinge, die nicht geplant sind, sondern einfach geschehen.
In Saliva Studies wird genau das zum „künstlerischen Akt“: nicht eine Idee, die umgesetzt wird, sondern ein Vorgang des Körpers selbst. Der Körper wird als Prozess verstanden. Und Kunst als etwas, das daraus entsteht.
So stellt die Arbeit eine grundlegende Frage: Was gilt eigentlich als Ausdruck? Und wann beginnt etwas zu „sprechen“?
Spuren, die bleiben – Özlem Özgül Dündar
Auch im Gedicht von Özlem Özgül Dündar geht es um den Körper und das, was er hinterlässt. Immer wieder heißt es: „setze ich ein zeichen“. Diese Zeichen entstehen nicht einfach durch Schreiben, sondern durch Bewegung und Berührung. Sie werden eingerieben, in den Asphalt gedrückt, in die Stadt eingeschrieben.
Der Körper hinterlässt Spuren, nicht nur im übertragenen Sinn, sondern ganz konkret: im Asphalt, auf Straßen, auf Brücken. Im Gedicht werden diese Zeichen mit dem Körper gemacht, eingerieben und in die Oberfläche gedrückt. Sie entstehen durch Handlung und Wiederholung. Dabei geht es nicht nur darum, etwas zu markieren. Die Zeichen helfen, sich zu orientieren, sich einen Weg zu sichern, sich zu vergewissern, wo man ist und wohin man geht.
Wenn es im Gedicht heißt „das hält“, dann kann das bedeuten: Diese Spur bleibt bestehen, sie ist verlässlich. Aber es kann auch heißen, dass etwas durch das Tun selbst Halt bekommt. Durch das Setzen der Zeichen, durch die Bewegung des Körpers, durch das immer wieder Tun.
Eure Schreibaufgabe im Mai
Schreibt ein Gedicht über euren Körper und das, was er macht. Alles kann Sprache werden: ein Atemzug, ein Herzschlag, eine Bewegung, ein Lachen oder sogar ein Husten. Euer Körper erzählt Geschichten, die man sehen, fühlen oder hören kann. Was zeigt euer Körper, ohne dass ihr es plant? Versucht, diese Bewegungen und Spuren in eurem Gedicht festzuhalten. Vielleicht wird dabei etwas sichtbar, das sonst verborgen bleibt.
das hält
Özlem Özgül Dündar
ich sage du kannst darauf b
auen in der stadt die mich be
wegt mich dreht in spiralen s
ich selbst dreht mich verdr
eht auf ihren straßen setze ic
h ein zeichen auf ihren brüc
ken setze ich ein zeichen auf
ihren beiden kontinenten set
ze ich ein zeichen mit spuck
e reibe ich zeichen in ihren
asphalt damit ich weiß wor
auf ich gehe damit ich weiß w
ohin ich gehe u reibe tief in
die struktur damit es hält dar
auf kannst du bauen das hält
für die ewigkeit in der stadt d
ie sich bewegt u verdreht se
tze ich ein zeichen das hält f
ür
aus: Özlem Özgül Dündar, gedanken zerren, Elif Verlag – Nettetal 2018
Über Özlem Özgül Dündar

Özlem Özgül Dündar schreibt Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Essays. Sie veröffentliche den Gedichtband „gedanken zerren“ (Elif 2018), ist Mitherausgeberin der Anthologie „Flexen – Flaneusen* schreiben Städte“ (Verbrecher 2019). Sie performt mit ihren Kollektiven Ministerium für Mitgefühl und kollektiv flexen. Sie erhielt u.a. den Kelagpreis in Klagenfurt 2018, bestes Hörspiel des Jahres 2020 und den Kaas & Kappes Kinder- und Jugenddramatikerinnen Preis 2024. Derzeit ist sie Stipendiatin des Deutschen Literaturfonds.