Du sprichst Erinnern aus
Die Jury hat entschieden!
Die Gewinner*innen werden bald bekannt gegeben.
Gewalt geschieht nicht im Vakuum. Doch oft hören wir in Medien und Behörden Wörter wie „Einzeltäter“ oder „Einzelfall“. Sie klingen sachlich, fast neutral, und gleichzeitig überdecken sie, dass Taten wiederholt, ideologisch geprägt und Teil größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge sind. Wer wird sichtbar, wenn wir diese Begriffe verwenden? Wer bleibt unsichtbar? In diesem Monat wollen wir genau hinsehen, Sprache hinterfragen und verstehen, wie Worte Wahrnehmung formen und wie Erinnerung laut werden kann, auch gegen das Schweigen der Schlagzeilen.

Die Doku-Trilogie „Einzeltäter“
Die Dokumentarfilm-Trilogie „Einzeltäter“ von Julian Vogel begleitet die Anschläge von München 2016, Halle 2019 und Hanau 2020 aus Sicht der Hinterbliebenen der Opfer. Anders als in klassischen Medienberichten oder offiziellen Polizeimeldungen stehen nicht die Täter im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die ihre Liebsten verloren haben. Die Filme zeigen, wie Angehörige mit Trauer, Wut und dem Kampf um Anerkennung umgehen, während Behörden die Taten oft als „Amoklauf“ oder isoliertes Ereignis einordnen. So wird sichtbar, wie Medien und Sprache die Realität verzerren können und systemische Zusammenhänge unsichtbar machen.
Die Trilogie verdeutlicht: Die Täter handelten allein, aber ihre Taten waren nicht isoliert – sie waren eingebettet in rechtsextreme Ideologien, digitale Vernetzungen und gesellschaftliche Kontinuitäten. Begriffe wie „Einzeltäter“ lenken den Blick weg von diesen Zusammenhängen und reduzieren Gewalt auf individuelle Fehler. Die Filme zeigen, dass Sprache Macht hat: Sie kann unsichtbar machen, aber auch die Stimmen der Hinterbliebenen hörbar machen und die Geschichten der Opfer sichtbar halten.
Gedicht und Schreibimpuls
Begleitend zur Doku-Trilogie stellen wir euch das Gedicht „Du musst in einem Februar frieren“ von Tanasgol Sabbagh vor. Der Text steht im Zusammenhang mit dem rassistischen Anschlag von Hanau am 19. Februar 2020, bei dem neun Menschen ermordet wurden. Das Gedicht macht deutlich: Diese Tat ist kein abgeschlossener Moment in der Vergangenheit. Sie wirkt weiter: im Erinnern, im Sprechen darüber, im Alltag der Betroffenen und in der Gesellschaft insgesamt.
Sabbagh arbeitet mit Wiederholungen, kurzen Zeilen und klaren Worten. Immer wieder tauchen dieselben Begriffe auf – etwa „die Nacht“, „die Schüsse“, „die Namen“. Diese Wiederholung hat eine Wirkung: Sie lässt das Geschehen nicht zur Ruhe kommen. Erinnerung wird hier nicht leise oder fern, sondern drängend. Das Gedicht zeigt, dass man sich dem Erinnern nicht entziehen kann und vielleicht auch nicht entziehen sollte.
Gleichzeitig stellt der Text Fragen an unsere Sprache. Wie wird über Gewalt gesprochen? Was passiert, wenn Taten zu Zahlen, Fällen oder Schlagzeilen werden? Sabbaghs Gedicht widersetzt sich dieser Verkürzung. Es nennt keine Statistiken, sondern insistiert auf Namen, auf Wiederholung, auf Präsenz. Damit steht es im direkten Zusammenhang mit der Doku-Trilogie „Einzeltäter“, die ebenfalls zeigt, wie Begriffe wie „Einzelfall“ oder „Einzeltäter“ Zusammenhänge ausblenden können.
Eure Schreibaufgabe im Februar:
Schreibt ein Gedicht gegen das Wort „Einzelfall“! Zählt nicht Zahlen – zählt Wörter, Namen, Wiederholungen. Welche Begriffe tauchen immer wieder auf, wenn über Gewalt berichtet wird? Was machen sie unsichtbar? Schreibt über Erinnern, das kein Entrinnen zulässt. Arbeitet mit Wiederholungen, Brüchen, Listen, Stille. Eure Texte können zeigen, wie Sprache Realität formt, wie sie verbergen, aber auch sichtbar machen kann. Macht die Namen sichtbar, die sonst verschwinden, und schafft Gedichte, die den Blick auf die Folgen von Gewalt richten.
Du musst in einem Februar frieren
Tanasgol Sabbagh
Du sprichst es er-rinnern aus
als würdest du entrinnen meinen,
immer wieder. du sagst: er-rinnern
und schon fließt es aus dem Kopf und durch die Finger –
Es stimmt: Fünf Jahre sind vergangen
Was lag in der Nacht
Was nahm sich die Nacht heraus
Es stimmt: Du musst in einem Februar frieren.
Lange sagten sie Integration, wenn sie an den Tüchern zerrten und an der Sprache.
Lange sagten sie Multi-Kulti, wenn wir für sie singen durften und tanzen.
Lange sagten sie allen Menschen steht alles offen — wenn sie denn nur wollen!
Doch wir kennen die Grenzen, die sich durch die Viertel ziehen,
durch Schul- und Arbeitswege,
durch die Architektur der Wohnsiedlungen
Wir kennen die Statistik
vielleicht nicht ihre genaue Zahl, aber wir kennen ihre Wahrheit.
Wir zählen die Städte seit den 90ern,
in den neuen Bundesländern und den alten
zählen Einzelfall nach Einzelfall nach Einzelfall
Du sprichst Erinnern aus.
Du sagst: er-rinnern
und schon fließt es aus dem —
du kannst es kaum fassen:
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht
Wir sagen das Problem liegt im System
Wir buchstabieren i n s t i t u t i o n e l l
und warten geduldig bis der Antrag bearbeitet wird.
Uns überraschen keine Schlagzeilen,
keine Abschiebetickets in unseren Briefkästen, keine Talk Shows.
Wir kennen sie alle.
Wir wissen, wie sie konzipiert sind,
worauf sie abzielen
wir kennen den Preis der Einschaltquoten
und wir wissen, wer ihn bezahlt.
Wir kleben an unseren Handys und sprechen von einer Nacht und neun Namen.
Wir kennen auch die anderen
die davor
und die danach
wir vergessen nicht.
Wir erkennen uns an dem Maß, das voll ist
an dem Gras, das nicht mehr wachsen wird
über diese Vergangenheit,
die uns noch immer gegenwärtig in die Augen starrt in der Bahn
im Café oder im Park
dort, wo wir durch Haut und Haar auffallen,
erkennen wir sie an ihrem Atem
wir müssen nicht erst nach Schnürsenkeln suchen
Wir kennen alle Namen:
Die, die sie uns geben
so gut
wie die, die sie uns nehmen.
Neun Namen,
wir stellen uns hinter sie und ihre Familien, stellen ihre ungelösten Fragen.
Hier: Wo die Geschichte schon zu vielen Nächten einen Namen gab
Hier: kein Er-rinnern, kein Entrinnen mehr.
W i r e r i n n e r n.
Februar 2021, in Gedenken an Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Über Tanasgol Sabbagh

Tanasgol Sabbagh präsentiert ihre literarischen Arbeiten in Performances, Audiostücken, Videoinstallationen und musikalischen Kollaborationen, schreibt Spoken Word Texte, Gedichte und Prosa. Sie ist Mitbegründerin des Künstler*innenkollektivs parallelgesellschaft sowie der gleichnamigen Veranstaltungsreihe, die politische Kunst abseits der deutschen Leitkultur verhandelt. Gemeinsam mit der Lyrikerin Josefine Berkholz ist sie Gründerin des auditiven Literaturmagazins Stoff aus Luft: Ein Format das gesprochene und klangbasierte Literatur in den Vordergrund stellt. Tanasgol lebt in Berlin