Unsere Gewinner*innen im November 2025
Wettbewerb im November 2025
Im November haben wir euch zur Zweckentfremdung angestiftet. Wir haben euch gefragt: Was passiert, wenn Dinge plötzlich anders genutzt werden als eigentlich vorgesehen? Ein Buch wird zum Türstopper. Ein Fenster zum Spiegel. Ein Tennisschläger zum Nudelsieb. Was steckt eigentlich dahinter, wenn etwas plötzlich einen neuen Zweck bekommt? Ist das reine Improvisation? Ein Zeichen von Kreativität? Oder vielleicht sogar ein stiller Protest gegen das, was vorgegeben ist? Inspiration gab es unter anderem von Monatslyriker*in Sarah Claire Wray und dem Gedicht „Highlife im Underground“. Mit ihren Texten überzeugen konnten Ana-Theodora Bädoi, Banu Beinhauer, Christine Henne, Charlotte Obenaus, Findus Scheuerling und Linda Sensenberger.
Wir gratulieren ganz herzlich zum Monatsgewinn im November zum Thema „fenster auf kipp“!
Uninterpretiertes Licht
Ana-Theodora Bädoi
2006
Wenn die Welt Anmut erwartet,
verwandle ich meinen Körper in eine Frage.
Ein bebendes Bourrée, gedacht für die Flucht,
wird zu einer Art zu bleiben—
mich an die Bühne zu klammern,
als könnte Holz Zweifel wiegen.
Kerzen, einst höfliche Lichtquellen,
werden zu kleinen Verschwörern,
die meinen Schatten in jemanden malen,
der ich nie zu sein wagte.
Schnee fällt aus den Scheinwerfern—
kein Winter,
sondern ein langsames Auflösen.
Er landet auf meinen Schultern
wie sanfte Anweisungen,
und ich schreibe sie mit Hitze um:
Ich schmelze, was frieren sollte,
friere, was brennen müsste.
Selbst die Rückhand-an-die-Wange-Geste,
choreografierte Reinheit,
verwandelt sich mitten im Bewegungsbogen
in ein Geständnis:
Ich bin nicht so zart,
wie es die Bewegung verlangt,
nur jemand, der gehalten werden will.
Das Orchester wollte mich nie
Begehren lehren,
doch jedes Crescendo
gleitet unter die Haut
wie ein ausgeliehener Atem.
Was mich heben sollte,
zieht mich tiefer.
Was mich zügeln müsste,
wird zum Hunger.
Mein Kostüm haftet wie ein Argument—
Tüll, gedacht für Unschuld,
nun geformt zu einer heimlichen Sprache
von Hüfte, Rippe, Wirbelsäule.
Ich benutze es falsch,
weil Richtigkeit mir nie gepasst hat.
In Nächten wie dieser
wird die Bühne zum Spiegel,
der sich weigert, mich so zurückzugeben,
wie andere mich sehen.
Hier ist mein sterbender Fall
keine Tragödie,
sondern eine Tür—
ein Weg, mehr zu werden
als das, was für mich geschrieben wurde.
Ich deute die Choreografie um
in etwas leicht Zerbrochenes,
leicht Wildes,
leicht mein Eigenes.
Jeder Sprung, der Flucht bedeuten sollte,
führt zurück ins Sehnen.
Jede Drehung, gedacht für Symmetrie,
findet ihr Scheitern im Verlangen nach dir.
Gefrorene Blumen fallen von oben:
Requisiten für Schönheit,
die ich an meinen Mund presse,
bis sie in Bedeutung übergehen.
Ihre Kälte
lehrt meine Lippen einen neuen Zweck—
Wärme zu erinnern,
bevor sie kommt.
Und wenn Anziehung auftritt—
nicht als Romantik,
sondern als Zufall,
als Ausrutscher auf Rosin,
als erschrockener Atem einer Tänzerin,
die den nächsten Schritt vergisst—
mache ich Choreografie daraus.
Lasse den Zufall dirigieren.
Lasse Fehlgebrauch Kunst werden.
Heute Nacht bin ich ein uminterpretiertes Ding:
ein Körper, der sich neu kennenlernt,
ein Schwan, der seinen Sturz umschreibt,
eine Bühne, die zu Haut wird,
ein Fehler, der zum Ritual aufblüht.
mein donnerstag insistiert darauf, blau zu erscheinen
Banu Beinhauer
2008
nicht das erhabene blau,
sondern ein leicht beleidigtes.
ich konsultiere meine hände,
die heute einen unverkennbaren
mittwochsgeruch ausstrahlen,
doch sie sind absorbiert
von der pedantischen neuordnung
irritierender bedeutungsfragmente.
mein herz artikuliert sich in zahlen,
eine 7,
die sich für zerbrechliche transparenz hält.
ich registriere das,
so wie man eine systemwarnung registriert:
mit distanzierter pflichtschuldigkeit
und einem rest von
unfreiwilliger verletzlichkeit.
die welt kippt minimal nach rechts,
vielleicht war das schon immer so,
und ich war lediglich
zu diplomatisch,
es ihr mitzuteilen.
seemantik
Christine Henne
2005
dann ist mir aufgegangen, lagerfeuernah
wie das neusilber deiner zunge
gut schatten wirft
mir sind die teeblätter ausgegangen und die spiegel
die mythe der gut gebrochenen zeile treibt mich weit weit
wie die wolken—
nicht weit genug
(du gestehst, da ist ein unterschied, geographisch gesehen)
das wasser bricht
jalousientreppen treten nah
und es treibt mich durch staubfingertanz
das draußen-rauschen
souffleusen flüstern füttert das futur,
das pendulum schwingt überzeugend unbeschwert
WAS DEN SCHADEN BETRIFFT:
kann nichts dafür, kann gar nicht anders
schwinge im takt zum straßenverkehr
brauche nicht aufwachen, mache das auch so
meer ist musik und blick ist der ton
deine stimme, schon immer
interpretationsbewohnt
hupen und knirschen, glas, metall
fange ich zwischen drum sound und kristall
it’s jazz – wirf mir das nicht vor
auffällig günstig, die position
deines profils
die geschichte die ich erzähle
mit worten die ich mir von dir borge
anscheinend grell glänzend und gänzlich
glaubhaft rhythmisch, zweckentfremdet
am rande der welt greift mensch
nach grashalmen und bierdeckeln
lässt sinken müde wange auf teppich und treibholz
karten und knochen, knoten und kerzen sind uns abhandengekommen
und in deinem lachen, notergeben, im flügel der möwe, lese ich
dass morgen ein tag kommt
Fremdgang
Charlotte Obenaus
2005
Die Hand, die im Zug die Stangen abtastet,
um die warmen Stellen zu finden und dort zu bleiben,
geklaute Nähe, Handschuhersatz,
irgendwann traue ich mich zu sagen:
meine Hand, irgendwann fahre ich in die Stadt
und denke nicht an die andere.
natal
Findus Scheuerling
2005
traumsand ausgelaufen
blickesstanzen neugierfrösteln
die fluoreszenz in uns’rem sternenfieber
noch im morgentüll
der nährungsschrei dem bittertropfen
in zahnlücken gesunken
glühe und netze im kindheitsbette
im nebelzimmer fingerbröckeln lakenzerren
aufgeätzt und neuverwebt
hast mir
heißes fleisch ins bein gerissen
hast hin ein ge griffen auf ge drückt’s gewebe rein in den leib ge presst bis zur kiefersper-re zeigerstar-re bis es verkalkt an meiner schläfe hast auf ge deckt bis zum echodumpf und’s auf ge schluckt die tücher schwächen am frühstückstisch ent schieden ge schwiegen und mich aus ge holt heraus ge höhlt zum nabelschlund
bis du
eingerührt in lichtermätte
dumpf umrissen
am fingersatz die hände glättest
un ge türmst
bleibst un ge schlagen
im morgenstill
dein lieblichbitt’ dein zähmungsmund
mein blasenschlagen aufgehüllt
fresse drahte in deine hand hinein
auf dass wir enttrunken erwachsen
der keil der deiner furcht entweicht
bis wir
zum mutterbauch verwachsen
un ver schämst
du dich etwa nicht?
ich taumel worte
zähneweichen
hinab ins milchglas
bis ich
parasitenträger
und puppenentkleider
mit aufgeplatzen seuchenhäuten
zu einer fläche
Linda Sensenberger
2004
sich im railjetfenster betrachtend die haare durchkämmen
orangenschalen biegen bis zum knickpunkt dann knacken
auf die wangen citrusöl streichen
ankommen: halten, fest
einen kräftigen körper
regen fangen mit der zunge und trinken
an mutters ersehntes enkelkind denken
an großvaters exegese der bibel
an eigene risse
weitertrinken: die flüssigkeit aus einem anderen mund
kaffee schmecken und kippen
den kopf schief gegen dich etwas schweres
zu einer fläche verschmelzen:
der projektionen und unsicherheiten
hören: deine haut ist ganz weich,
du duftest so gut.
statt sich selbst erwartungen brechen
eine ordnung unordnen
sich gegenseitig atemluft schenken
einander nähernd dem zweck sich entfremden