niemand wusste, warum
Die Jury hat entschieden!
Die Gewinner*innen werden bald bekannt gegeben.
DAYS
HOURS,
MINUTES,
und
SECS
[[deadline:2026-07-31 24:00:00]]
Kennt ihr das? Ihr müsst plötzlich lachen und später fragt euch jemand: „Was war denn so lustig?“ Doch ihr wisst es selbst nicht mehr so genau. Vielleicht war es nur ein Blick, ein Satz oder eine Situation, die genau in diesem Moment komisch war. Für andere wäre sie wahrscheinlich gar nicht lustig gewesen. In diesem Monat geht es um solche Augenblicke: um Lachen, das unerwartet entsteht, Menschen verbindet und sich hinterher kaum noch erklären lässt.
Wenn Lustiges und Ernstes zusammenkommen
Im Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ (2014) des schwedischen Regisseurs Roy Andersson sind Sam und Jonathan als Vertreter für Scherzartikel unterwegs. Mit Vampirzähnen, Monstermasken und einem Lachsack ziehen sie von Tür zu Tür und versuchen, Menschen Freude zu verkaufen. Doch die beiden selbst wirken oft traurig, müde und ratlos. Freude zu verkaufen ist schwieriger, als sie gedacht haben.
Der Film erzählt viele kleine Geschichten, in denen Komisches und Trauriges eng beieinanderliegen. Manche Szenen wirken zunächst absurd, andere ganz alltäglich. Oft weiß man nicht, ob man lachen oder nachdenklich werden soll. Gerade dieses Nebeneinander macht den besonderen Humor des Films aus.
Ein Lachen ohne Erklärung: Yevgeniy Breyger
Auch Yevgeniy Breygers Gedicht „naschmarkt equilibrium“ erzählt keinen Witz. Zwei Menschen gehen über den Wiener Naschmarkt, kaufen eine Makrele, sprechen über Politik, Nachrichten und den Alltag. Sie treffen einen Fremden, reden miteinander, machen Bemerkungen, beobachten ihre Umgebung. Die Gespräche springen zwischen Weltgeschehen und kleinen Alltagsszenen hin und her. Ernstes und Banales stehen ganz selbstverständlich nebeneinander. Dann heißt es plötzlich: „wir lachten, aber niemand wusste, warum“
Das Gedicht verrät nicht, was genau dieses Lachen ausgelöst hat. Vielleicht war es gar kein einzelner Satz, sondern die ganze Situation: die Gespräche, die Hitze, die Müdigkeit, die letzte Makrele oder einfach der gemeinsame Moment. Vielleicht kennt ihr das auch: Tage oder Wochen später wisst ihr noch, mit wem ihr gelacht habt und wie sich der Moment angefühlt hat. Der eigentliche Anlass ist längst vergessen. Genau so einen Augenblick beschreibt Breygers Gedicht.
Eure Schreibaufgabe im Juli
Im Gedicht von Yevgeniy Breyger wird gelacht, obwohl eigentlich nichts eindeutig lustig ist. Menschen stehen zusammen, etwas passiert und plötzlich lachen alle. Schreibt ein Gedicht über einen Moment, in dem gelacht wurde, ohne klaren Grund. Vielleicht habt ihr über jemanden gelacht, vielleicht miteinander, vielleicht aus Unsicherheit oder weil alle anderen auch lachten.
Was war gerade los? Wie hat sich dieses Lachen angefühlt? Und was blieb danach?
Vielleicht wartet das nächste unerklärliche Lachen ja schon in den Sommerferien auf euch. Wir freuen uns auf eure Gedichte und wünschen euch einen schönen Sommer!
naschmarkt equilibrium
Yevgeniy Breyger
um auto zu fahren, musst du nicht wissen
wie der motor läuft, oder?
das land, das dich regiert, muss nicht wissen
wie du heißt, oder?
warfst mir wahrheiten vor die füße am parkplatz am markt
warfst lügen hinterher über deine soziale klasse und sexuelle
»orientierung«, die ich angeblich mit dir teilte
nächste station fischbrötchen, kündigtest du an
reinbeißen, genießen, freuen, lecker fisch
die paar meter bis zum markt gingen wir zu fuß
ich am handy mit tagesschau-app, susanne daubner, die ich liebe
waldbrände in griechenland, lavaströme in island
der außenminister der russen erzählt zum 1001 mal
die oma von hitler sei jüdin gewesen
vorspulen zu sport und wetter, danke, welt wieder im lot
die gute mannschaft hat gewonnen, nächste woche wolkenlos
mach den shit endlich aus, befahlst du, und ich tat wie befohlen
genieß die sonne, werd eins mit deinem inneren kind
ich versuchte wieder zu tun wie befohlen, was halbwegs gelang
aus der hosentasche nahmst du deine geldbörse und
es wurde licht
die geldscheine glitzerten, zwanziger, fünfziger, hunderter
zweihunderter frisch vom bankschalter in die luft gehalten
wie möwen kreisten die händler augenblicklich um uns herum
nehmen sie diese tomaten, kaufen sie diese tulpen
kaufen sie das kettchen, nehmen sie das ausgeweidete tierchen
du nahmst alles, und es ward dunkel im portemonnaie
ohne geld, aber mit vollen tüten vorgekämpft zum fischstand
der ausverkauft war bis auf die letzte müde makrele
du wolltest sie trotzdem, die letzte müde makrele
weil, sagtest du, es wäre ein zeichen, ein symbol
für die letzten dinge, die sich doch noch fügen, die überbleiben
ich zuckte mit den schultern, kaufte ein wasser, du ein bier
wir suchten uns einen platz auf der bank am brunnenrand
wo schon jemand saß, sonnenbrille auf, hoodie über dem kopf
kein schatten, aber viel geheimnis
auch nix mehr bekommen? fragte er, und du zeigtest triumphierend
die makrele in ihrem pergamentpapiersarg
letztens standen hier noch hummer und langusten, bruder, sagte er
es waren andere zeiten, bruder, sagtest du, und er lachte
ich tippte ins handy, wollte wissen, wer gerade im parlament sprach
der hoodie-mann deutete mit dem kinn drauf
bringt nix, sagte er, die sagen alle dasselbe
und was ist dasselbe? fragte ich
dass du schön konsumieren sollst und deinen arsch still hältst
du klingst wie ne kaputte kassette, sagtest du
und ihr klingt, als würdet ihr es genießen
der markt wurde lauter, die menschen hastiger
der hoodie-mann erhob sich, klopfte sich imaginären staub ab
ich geh jetzt und besorg mir auch was zu essen
viel glück, sagte ich, hummer und langusten sind aus
na dann, sagte er, bleibt mir ja nur noch das
deutete auf die makrele in deiner hand
wir lachten, aber niemand wusste, warum
wir standen auf, du mit makrele, ich mit handy, richtung parkplatz
der asphalt glühte, der markt zog als spielfilm an uns vorbei
leute riefen, feilschten, pressten kreditkarten an kontaktlose geräte
ich schaute wieder aufs display, tagesschau live-ticker
weltweiter notstand ausgerufen, las ich laut vor
was für notstand? fragtest du
ich scrollte, hitze, inflation, krieg, krankheiten, das übliche
also dienstag, sagtest du, nur diesmal offiziell
beim bäcker wurde teig geknetet, beim metzger blut abgespritzt
beim juwelier blitzten ringe für nie mehr kommende hochzeiten
letzter tag der menschheit, aber brot, fleisch und liebe laufen weiter
logisch, sagtest du, die kassen klingeln
der parkplatz kam in sicht, das auto stand da, heiß und staubig
ich riss die makrele aus dem papier, biss hinein, ein geschmack
nach salz und fett, eine gräte im hals, ich hustete, würgte
spuckte sie aus, atmete tief durch
knapp, sagte ich
alles gut, sagtest du, klopftest mir auf den rücken
wir stiegen ein, ich drehte den schlüssel, der motor lief
wohin? fragte ich
bundestag, sagtest du
von österreich nach deutschland, so kennen wir das
vom naschmarkt rief der hoodie-mann uns nach
ist der audi eigentlich ein zwei-türer, jungs?
mehrtürer, riefst du zurück
was? märtyrer? wo!?
aus: Yevgeniy Breyger, hallo niemand, Roadtrip in Versen, Suhrkamp Verlag – Berlin 2026
Über Yevgeniy Breyger

Yevgeniy Breyger, geboren 1989 in Charkiw, studierte an den Literaturinstituten Hildesheim und Leipzig sowie an der Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main. Er ist als Übersetzer, Herausgeber, Kurator und Lektor tätig. Für seinen zuletzt erschienenen Gedichtband, Frieden ohne Krieg (2023, kookbooks), wurde er u. a. mit dem Christine Lavant Preis, dem Klopstock-Preis für neue Literatur und dem Literaturpreis der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet. Breyger lehrt am Institut für Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er auch lebt.
Reinhard-Priessnitz-Preis 2025
Literaturpreis der deutschen Wirtschaft 2025