Du sprichst Erinnern aus
Die Jury hat entschieden!
Die Gewinner*innen werden bald bekannt gegeben.
DAYS
HOURS,
MINUTES,
und
SECS
[[deadline:2026-02-28 24:00:00]]
Überall begegnen uns Nachrichten: auf dem Handy, im Radio, im Fernsehen oder in Gesprächen. Oft laufen sie nebenbei, während wir etwas anderes machen. Wir hören nur einzelne Sätze, sehen eine Überschrift oder ein Bild und gehen weiter. Trotzdem bleiben manchmal Wörter zurück. Sie setzen sich im Kopf fest, wecken ein Gefühl, auch wenn wir noch gar nicht alles verstanden haben. In diesem Monat geht es darum, genau auf solche Wörter zu achten. Wir wollen herausfinden, wie Sprache in Nachrichten wirkt, wenn sie oft wiederholt wird, sehr kurz ist oder plötzlich abbricht. In Gedichten könnt ihr Wörter aus Nachrichten sammeln, neu zusammensetzen oder verändern – und zeigen, was sie bei euch auslösen und wie sie eure Sicht auf die Welt mitprägen.

Herta Müller, Die blassen Herren mit den Mokkatassen
(c) 2025 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München
Als Inspiration zeigen wir zwei sehr unterschiedliche, aber aufeinander bezogene Gedichte: Zuerst ein Cut-up-Gedicht von Herta Müller, das aufzeigt, wie Wörter neu geordnet werden können, und danach unser Monatsgedicht von Tanasgol Sabbagh, in dem Wiederholungen und kurze Sätze Wirkung erzeugen. Beide Gedichte machen deutlich, dass Sprache nicht neutral ist, sondern unsere Wirklichkeit formt: genau wie Wörter aus Nachrichten, die uns begleiten, auch wenn wir sie nicht vollständig verstehen.
Erster Impuls: Cut-up-Gedicht von Herta Müller
Schaut euch das Gedicht „Abends schiebt jede Aprikose“ von Herta Müller an (auf Lyrikline könnt ihr es euch auch anhören). Herta Müller arbeitet hier mit der Cut-up-Technik: Wörter und kurze Textteile aus Zeitungen oder Zeitschriften werden ausgeschnitten und neu zusammengesetzt. So entstehen ungewöhnliche Bilder und neue Bedeutungen. Wörter, die sonst nicht zusammengehören, treffen aufeinander und erzählen etwas ganz Neues.
Zweiter Impuls: „Du musst in einem Februar frieren“ von Tanasgol Sabbagh
Das Gedicht „Du musst in einem Februar frieren“ von Tanasgol Sabbagh handelt vom Erinnern und davon, wie bestimmte Wörter, Namen oder Bilder im Kopf bleiben. Es bezieht sich auf den Anschlag in Hanau im Februar 2020, bei dem neun Menschen getötet wurden, erzählt aber nicht einfach die Nachrichten nach. Stattdessen zeigt es, was in den Medien oft fehlt: die Stimmen der Betroffenen, die Fragen ihrer Familien, die vielen kleinen Details, die im Alltag untergehen.
Durch Wiederholungen, kurze Sätze und Brüche wird deutlich, wie Wörter nachhallen und Aufmerksamkeit erzeugen, auch für Dinge, die sonst ungesagt bleiben. So ähnlich ist es bei Nachrichten: Manche Wörter oder Namen tauchen wiederholt auf, vieles wird weggelassen, und dennoch bleiben bestimmte Begriffe im Gedächtnis. Das Gedicht lädt euch ein, genau auf solche Wörter zu achten, sie zu sammeln, zu wiederholen oder neu anzuordnen und daraus euer eigenes Gedicht zu entwickeln.
Eure Schreibaufgabe im Februar:
Schreibt ein Gedicht mit Wörtern aus Nachrichten oder Texten, die ihr spannend, wichtig oder merkwürdig findet, und spielt damit, wie sie klingen und wirken.
Ihr könnt die Cut-up-Technik ausprobieren, indem ihr Wörter aus Zeitungen, Überschriften oder Nachrichten ausschneidet und neu anordnet, sie wiederholt oder weglasst, bis neue Bedeutungen entstehen. Wenn ihr ein Cut-up-Gedicht macht, könnt ihr uns – neben eurer Einsendung des Texts über das Einsendeformular – sehr gern auch ein Foto davon an hallo@bw-lyrix.de schicken.
Oder ihr lasst euch von Tanasgol Sabbagh inspirieren: Wiederholt Wörter, spielt mit kurzen Sätzen und Satzbrüchen, beobachtet, welche Wörter hängenbleiben und welche Gefühle sie auslösen. Ihr könnt die beiden Ansätze auch kombinieren, um eure eigene Wortwelt zu erschaffen. Wir freuen uns auf eure Ideen, Experimente und Bilder eurer Cut-up-Gedichte!
Du musst in einem Februar frieren
Tanasgol Sabbagh
Du sprichst es er-rinnern aus
als würdest du entrinnen meinen,
immer wieder. du sagst: er-rinnern
und schon fließt es aus dem Kopf und durch die Finger –
Es stimmt: Fünf Jahre sind vergangen
Was lag in der Nacht
Was nahm sich die Nacht heraus
Es stimmt: Du musst in einem Februar frieren.
Lange sagten sie Integration, wenn sie an den Tüchern zerrten und an der Sprache.
Lange sagten sie Multi-Kulti, wenn wir für sie singen durften und tanzen.
Lange sagten sie allen Menschen steht alles offen — wenn sie denn nur wollen!
Doch wir kennen die Grenzen, die sich durch die Viertel ziehen,
durch Schul- und Arbeitswege,
durch die Architektur der Wohnsiedlungen
Wir kennen die Statistik
vielleicht nicht ihre genaue Zahl, aber wir kennen ihre Wahrheit.
Wir zählen die Städte seit den 90ern,
in den neuen Bundesländern und den alten
zählen Einzelfall nach Einzelfall nach Einzelfall
Du sprichst Erinnern aus.
Du sagst: er-rinnern
und schon fließt es aus dem —
du kannst es kaum fassen:
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht die Schüsse die Namen
Die Nacht
Wir sagen das Problem liegt im System
Wir buchstabieren i n s t i t u t i o n e l l
und warten geduldig bis der Antrag bearbeitet wird.
Uns überraschen keine Schlagzeilen,
keine Abschiebetickets in unseren Briefkästen, keine Talk Shows.
Wir kennen sie alle.
Wir wissen, wie sie konzipiert sind,
worauf sie abzielen
wir kennen den Preis der Einschaltquoten
und wir wissen, wer ihn bezahlt.
Wir kleben an unseren Handys und sprechen von einer Nacht und neun Namen.
Wir kennen auch die anderen
die davor
und die danach
wir vergessen nicht.
Wir erkennen uns an dem Maß, das voll ist
an dem Gras, das nicht mehr wachsen wird
über diese Vergangenheit,
die uns noch immer gegenwärtig in die Augen starrt in der Bahn
im Café oder im Park
dort, wo wir durch Haut und Haar auffallen,
erkennen wir sie an ihrem Atem
wir müssen nicht erst nach Schnürsenkeln suchen
Wir kennen alle Namen:
Die, die sie uns geben
so gut
wie die, die sie uns nehmen.
Neun Namen,
wir stellen uns hinter sie und ihre Familien, stellen ihre ungelösten Fragen.
Hier: Wo die Geschichte schon zu vielen Nächten einen Namen gab
Hier: kein Er-rinnern, kein Entrinnen mehr.
W i r e r i n n e r n.
Februar 2021, in Gedenken an Mercedes Kierpacz, Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Über Tanasgol Sabbagh

Tanasgol Sabbagh präsentiert ihre literarischen Arbeiten in Performances, Audiostücken, Videoinstallationen und musikalischen Kollaborationen, schreibt Spoken Word Texte, Gedichte und Prosa. Sie ist Mitbegründerin des Künstler*innenkollektivs parallelgesellschaft sowie der gleichnamigen Veranstaltungsreihe, die politische Kunst abseits der deutschen Leitkultur verhandelt. Gemeinsam mit der Lyrikerin Josefine Berkholz ist sie Gründerin des auditiven Literaturmagazins Stoff aus Luft: Ein Format das gesprochene und klangbasierte Literatur in den Vordergrund stellt. Tanasgol lebt in Berlin