Unsere Gewinner*innen im Februar 2026

Wettbewerb im Februar 2026

Unser Monatsthema für den Wettbewerb im Februar war „Du sprichst Erinnern aus“, abgeleitet vom Gedicht „Du musst in einem Februar frieren“ von Tanasgol Sabbagh. Wir haben euch eingeladen, einen genauen Blick auf die Sprache von Nachrichten zu richten. Als besondere Technik konntet ihr dabei die Cut-up-Technik ausprobieren. Oder ihr konntet euch von Tanasgol Sabbagh inspirieren lassen und mit Wiederholungen, kurzen Sätzen und Satzbrüchen arbeiten, um zu beobachten, welche Wörter hängenbleiben und welche Gefühle sie auslösen.

Vielen Dank für die vielen kreativen Gedichte und eure vielfältigen Ideen! Ein besonderer Dank geht auch an alle, die uns zusätzlich zu ihrem Text eine visuelle Cut-up-Collage per Mail geschickt haben.

Wir gratulieren ganz herzlich unseren sechs Monatsgewinner*innen: Siri Brodowsky, Ella Denz, Tonda Montasser, Lara Morariu, Felina Ricker und Paula Röhm! Zum Text von Ella Denz findet ihr außerdem eine Cut-up-Version, die wir unten für euch verlinkt haben.

Erde an

Siri Brodowsky

2013

Erde an
Ich höre die Schreie manchmal noch in meinen Träumen. Ich halte das nicht aus.
Also, ich bin dann mal weg. 
Überirdisch wäre Übersee. Die Erwachsenen reden gerade, 
dramatisch kompensiert. Verschwindetrick gewesen 8000 Schiffe sanken
Menschenleben Seefahrermythos T-Bahnen U-Bahnen. Besser als
im Dickicht verwelken, oder? Rekapitulation Wolldecken und Wärmflaschen
Am Ende der Welt ist dann Stauraum

Grenzen, Leistung, Kuscheltier

Ella Denz

2014

Einfach nicht der Schnellste
Ziellos beim Lesen
Wer erzählt von Freundschaft?
Bist du am Besten gewesen?

Reich sind Abenteuer
Vielseitiger Natur
Das Team ist bereit
Keiner allein
Der Löwe für dein
Glück
Spaß ist ein Wanderschuh
von Glitzer versüßt
zu Hause

Cut-up-Collage zum Gedicht

Ein Puzzle

Tonda Montasser

2011

I Es bleibt dunkel

Es bleibt dunkel,
den ganzen Winter lang.

Jeden zweiten Freitag:
„Täter, Opfer, Zuschauer“

Ein Erinnerungskultur-Workshop
über Leben im KZ Sachsenhausen.

Alle Vergangenheit ist hier Winter.

Eine endlose Braunfläche.
Wenige holzfarbene Baracken.

150 Insassen vorgesehen,
400 lebten dort, eng und kalt.

Gaskammer.
Genickschussanlage.
Krematorium.
Ohne Farbe.

In der Mitte
des Geländes
ein Denkmal.

II Rebellions-Hängepartie

Wie kann so gut
dokumentierte Vergangenheit
immer mehr verleugnet werden?

Die Fundstücke
der Entmenschlichung
kolossal,
von niemandem
zu übersehen.

Daneben:
unscheinbar
ein Schachbrett,

Die Figuren:
aus Brot, Zeitschriften,
abgefeilten blauen Zahnpastadeckeln.

Ein Puzzle,
bestehend aus kleinen Puzzles.

René Corgel und Charles Désirat
hielten dafür Geheimtreffen ab
mit anderen Kommunisten,

um Schach zu spielen,
über Politik zu reden,
sich gegenseitig zu helfen.

Gemeinschaft als Rebellion,
während andere aßen
oder sich wuschen.

III Faschisten-Endlosigkeit

Die Müllmänner
der Geschichte
liegen vielleicht richtig
oder falsch.

Alle fallen rein
in ein Loch
der gleichen altklugen
1940-Lügen.

Meinungen sind Fundstücke.
Diese sind gefährlich und eklig.

Doch jenes kleine Schachbrett
hat mich zum Schach gebracht.

IV Friedliche Kriege

Schach ist ein wunderschönes Spiel.
Die Regeln klar und fair.

Man kann die ganze Zeit
im Kopf spielen.
Entziehung der Gegenwart
durch eigene Distanz.

Eine humane Strategie
in einer unmenschlichen Umwelt.
Direkter Widerstand.

Schach und Spiele sind Metaphern.
Basierend auf unseren Kulturen.

Leben, Strategien, Machtkämpfe –
sie zeigen dir, wie du denkst.

Für mich ist  Schach wie Krieg,
doch ohne Lügen,
ohne Propaganda.

Ein friedlicher Krieg.
Homo ludens.

Im Traum sehe ich
unsere Kultur
wie ein riesiges Schachspiel.

Wir sind keine Werkzeuge.
Wir müssen die Lügen im Spiel
nicht ausführen.

Wir entwickeln neue Zukünfte
durch Spiel.

V Zwischenzugzwang

Meine Hand zögert.
Wie beim Gedichteschreiben.
Schwarze Flächen
auf weißem Papier.

Eine Strategie
multipler Doppelbauern.

Meine Figuren stehen mittelmäßig,
aber Corgels König ist offen.

Der Königsflügelangriff beginnt,
doch er scheitert.

Alle weißen Felder
starren mich an
wie blutende Augen.

Corgel sagt:
man spielt schlechter,
wenn man besser steht.

Unsere Zeit: eine Minute.
Ein weiterer Tag.

Ich vereinfache:
Wir könnten
nicht schlechter stehen.

Die Zeit frisst uns.
Aber unser Spiel überdauert alles.

Remis. 

VI

Das Schachbrett ist winzig,
es passt in zwei Hände.

Schwarz. Weiß.
Keine Erklärung.

Ich sehe ein Spiel,
das man verlieren kann,
ohne zu verschwinden.

Ein Fundstück,
das keine Meinung braucht,
sondern benutzt werden will.

Ich sage eure Namen:
René Corgel:

Der Wiedergeborene,
der etwas Kleines zu uns trägt.

Charles Désirat –
der Freie,
der sich das Wünschen bewahrt hat.

Wir sind wieder auf diesen
grünen familiären Feldern

Fundstücke und 

wir klappen das Brett auf.

Ende gut, alles gut

Lara Morariu

2012

Wenn du Ende sagst,
was meinst du da?
Das Ende, das du siehst?
Das du liebst?
Auf das du zielst? 

Das wahre Ende bleibt dir fern 
Ende gut, alles gut 
Ende gut, alles gut 
Ende gut? 

Schlagzeile 
guck hin, guck weg 
guck weg, vorbei 
Vorbei? 

Genug Leid für heut’ gesehen,
doch siehst du, wie sie immer noch am Abgrund stehen 
Immer noch am Abgrund stehen?
am Abgrund – 

Wenn du Ende sagst,
was hörst du da? 
Ihre Stimmen, wenn sie schreien?
Und nach ihren Kindern weinen? 
Oder doch den Ausschaltknopf?
Oder doch den Ausschaltknopf? 


Wir lesen, während wir sprechen und hören 
wir tanzen auf den Gräbern der Schuld 
wir lesen wir sprechen wir hören 
wir lesen wir sprechen wir hören 

von dem, was sie erleben 
von dem, was wir nur „tragisch“ nennen 

„tragisch“


Du denkst, du weißt, was leiden heißt?  

Dann hör ihnen zu, wie sie immer noch das Feuer beißt
Immer noch das Feuer beißt  
Das Feuer – 

Zeitungsartikel 
lies ihn, oder lies ihn nicht 
lies ihn nicht, egal 
egal? 

Das wahre Leiden bleibt dir fern 
Ende gut, alles gut 
Ende gut, alles gut 
alles gut? 

Dein Ende ist gut, doch was ist mit seinem?
Was ist mit dem, dessen Namen wir teilen?
Was ist mit wahrer Liebe, wahrem Kummer, wahrem Schmerz?
Dem wahren Riss in jedermanns Herz? 

Wir beurteilen, während wir lästern und staunen 
Wir singen in den Chören der Ungeduld
wir beurteilen wir lästern wir staunen 
wir beurteilen wir lästern wir staunen 
über deren Ende 
Doch ist es wirklich deren Ende?

W I R K L I C H   D E R E N   E N D E? 

Ende gut! 
Ende wo? 
Ende klar? 
Ende…da? 

Ende da?

E  N  D  E.  .  .D  A? 

Zeitende

Felina Ricker

2015

Arten löschen das Universum aus 
während wirbellose Menschen Sterne fressen
Feuer gibt Goldhamster
die Hand
Und das Toastbrot brennt
mit der Brotdose durch.

Augen rollen und Brillen
erstechen ihre Besitzer.
Aufmerksame Salzgehalte brüllen
die Schwimm-AG weg.
Haare verlieren sich 
in deinem Bauch während
Schmetterlinge die Zukunft
totschlagen.
Der Mathelehrer
verbrennt die Schule.

anders

Paula Röhm

2013

anders

von da weg

draußen
der sommer
der ein letztes mal
durch das fenster strahlt
von da weg
sekunden die sich
wie stunden anfühlen
von da weg
du verstehst mich nicht
von da weg
frage mich
warum ich
anders bin
und du nicht.

Marsmädchen
leichter sommerregen fällt
marsmädchen
echo das hallt
wie tausend stimmen
die nicht schweigen wollen
marsmädchen
marsmädchen
marsmädchen
stille die bedrohlich klingt
ruhe vor dem sturm
marsmädchen
marsmädchen
marsmädchen.

stumme lieder

des sommers
vom wind getragen
anders
anders
anders.

Schreibe, um zu träumen.