nicht wirklich / oder?

DAYS HOURS, MINUTES, und  SECS
[[deadline:2026-04-30 24:00:00]]

Vielleicht beginnt alles ganz harmlos: Ihr seid am Meer, der Wind weht, Möwen fliegen über euch hinweg. Oder ihr seid auf dem Weg zur Schule, redet mit Freund*innen, denkt an nichts Besonderes. Und dann verändert sich etwas. Die Situation fühlt sich plötzlich seltsam an. Als würde die Wirklichkeit ein kleines Stück verrutschen. Genau um solche Momente geht es in diesem Monat: Augenblicke, in denen etwas ganz Alltägliches plötzlich anders wird, wie in einem Traum, einem Film oder einer zweiten Wirklichkeit, die sich für einen Moment öffnet.

„Parallelwelten – die reale Physik in Rick and Morty“ von 100SekundenPhysik auf YouTube

Mehr als eine Wirklichkeit?
Was wäre, wenn es nicht nur eine Welt gibt, sondern ganz viele? In Serien wie Rick and Morty reisen Figuren durch Portale in andere Dimensionen. Sie landen in Welten, die ihrer eigenen erstaunlich ähnlich sind. Und dann doch ganz anders. Vielleicht gibt es irgendwo eine Version von euch, die heute eine andere Entscheidung getroffen hat. Oder einen Moment, der plötzlich anders weitergeht. Wenn ihr neugierig seid, schaut euch dieses Video an, in dem es um die Physik hinter solchen Ideen geht. 

Wenn alles plötzlich anders wird – Marius Goldhorn
Im Gedicht von Marius Goldhorn, das wir euch im April als Monatsgedicht vorstellen, beginnt alles ganz ruhig. Zwei Menschen sind am Meer. Es weht Wind, Möwen fliegen über den Strand, später sitzen sie im Restaurant und essen Sardellen. Es wirkt wie ein ganz normaler Tag. Doch dann verändert sich die Situation plötzlich und es passieren Dinge, die man nicht genau einordnen kann. Ist das noch Realität oder schon Fantasie? Ein Traum? Eine andere Welt?

Das Gedicht spielt genau mit diesem Moment, in dem etwas ins Rutschen gerät. Die Grenze zwischen „hier“ und „woanders“ wird unscharf. Dinge wirken gleichzeitig echt und erfunden. So, als würde man kurz in ein Paralleluniversum wechseln, ohne genau zu wissen, wann das passiert ist.

Eure Schreibaufgabe im April:
Schreibt ein Gedicht über einen Augenblick, in dem sich die Wirklichkeit verändert. Vielleicht beginnt alles ganz normal: auf dem Schulweg, bei einem Ausflug, mit Freund*innen. Und dann passiert etwas, das euch aus dieser Situation herausführt. Vielleicht landet ihr in einer anderen Welt. Vielleicht wird aus einem realen Moment ein Traum. Vielleicht verschiebt sich nur ein Detail und plötzlich fühlt sich alles fremd an.

Ihr könnt dabei ausprobieren, wie sich Realität und Fantasie miteinander vermischen. Vielleicht bleibt unklar, was wirklich passiert und was nur gedacht ist. Vielleicht erzählt ihr denselben Moment aus zwei verschiedenen Wirklichkeiten. Oder ihr lasst etwas ganz Alltägliches langsam unheimlich oder überraschend werden.

Wir sind gespannt auf eure Gedichte über Momente, in denen plötzlich alles anders ist und man nicht mehr genau weiß, wo man eigentlich gerade ist.

erstaunliches

Marius Goldhorn

wir sind am meer
ein zerfallenes casino, ewige wellen
immer weht etwas im wind
ein übergewichtiger ukulelespieler
singt von seinen erlösungsgedanken
das haben wir totgehört
trotzdem ist es schön
am strand jagen möwen fische
im meer jagen fische andere fische
in einem paralleluniversum
jagen fische menschen
in einem paralleluniversum
werde ich jedes jahr ein jahr jünger
in einem anderen paralleluniversum existiere ich zwei mal
ich verliere gegen mich selbst bei der armdrück-wm
du legst den kopf in den wind
deine kurzen haare im wind
du neigst deinen kopf leicht gegen den wind
ich bin neidisch auf deine stärke
jetzt werden wir gekidnappt
nicht wirklich
oder?
sie verbinden uns die augen
ich sehe dich trotzdem
ich schreie
hilfe
du schreist
hilfe
ich spüre ein stich am oberarm
ich wache in einem gitterschrank auf
wo bin ich?
wo sind meine schuhe?
ich sehe wie du
mit der ruhe eines Krankenwagenfahrers
einem mann mit meinen schnürsenkeln
die füße auf den rücken bindest
ich wollte dich nicht wecken, sagst du
ich befreie dich sofort, sagst du
hast du hunger?
ja, ich sterbe
du befreist mich
wir lachen im restaurant
wir essen sardellen

aus: Marius Goldhorn, Yin, Korbinian Verlag – Berlin 2020
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

Über Marius Goldhorn

Foto Marius Goldhorn (privat)
Marius Goldhorn, Foto: privat

Marius Goldhorn, geboren 1991, ist Autor der Bücher Die Prozesse (2025), Yin (2020), Park (2020). 

mariusgoldhorn.com  

Schreibe, um zu träumen.