Unsere Gewinner*innen im April 2026
Wettbewerb im April 2026
Im April haben wir unsere Teilnehmer*innen der jüngeren Altersgruppe eingeladen, in ihren Gedichten den Moment zu erkunden, in dem sich Realität verschiebt: Augenblicke, in denen das Alltägliche kippt, Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen oder vertraute Situationen plötzlich fremd erscheinen. „nicht wirklich / oder?“ hieß unser Monatsthema, inspiriert von dem Gedicht „erstaunliches“ unseres Monatslyrikers Marius Goldhorn.
Frida Karst, Henni Mayer, Alice Muzykova, Sonja Petri, Paula Röhm und Clara Staats konnten die Jury in diesem Monat überzeugen. Herzlichen Glückwunsch! Ihre Gedichte führen uns in faszinierende Zwischenräume zwischen Wirklichkeit und Fantasie und zeigen auf ganz unterschiedliche Weise, wie vielschichtig ein einzelner Moment erzählt werden kann.
Elisabethen-Quelle
Frida Karst
2011
Du trinkst das blaue
Ich das rote
Du weißt,
Dass ich schon immer das rote trinke
Ich weiß,
Dass du sonst nie
das blaue trinkst.
Die Mitte ist grün
Nicht lila
grün.
Medium Sprudelwasser.
Niemand von uns nimmt grün
Niemand von uns
Sucht eine Brücke
Zwischen still
Und Sprudel.
Deine Spiegelung
In Blubberblasen
Und dein Gesicht
In tausend Pixeln
Die alle jetzt
blau sind.
Blau
Wie
Krankenhauskittel
Blau wie der Himmel
Blau wie
Mein Notizbuch.
Rot
Rot
wie meine
T-Shirt-Ärmel.
Und das verdammte
Stille
Wasser.
Badewannen
Henni Mayer
2014
Ich sitze in einer Badewanne
Fische fliegen über mir
Oder tanzen sie?
Ich kann es von hier unten kaum erkennen
Genug gesehen
Auf zum Einkaufen
Milch, Wasser und Spiegelei
Spiegelei?
Nein, ein Spiegel
Steht an der Wand
Ich steh davor
Oder dahinter?
Toastregal
Meine Beine knacken, wie wenn Öl in der Pfanne lebendig wird und schreit
Schreie
In dem Spiegel sehe ich Schreie
Im Supermarkt nicht
Ich schaue mich an
Ein Gefühl von Kälte lässt mich frösteln, doch es ist nur das Kühlregal
Meine Glieder frieren ein
Augen, Tränen und Gewalten prasseln auf mich ein
Im nächsten Moment bin ich von Eis umgeben,
Eiserne Kälte und heißer Schnee
Ist das möglich?
Ich ziehe meine Bettdecke von mir weg und tapse ins Bad
Ich lass mich in die Badewanne fallen
Plötzlich
Alice Muzykova
2015
Wir gehen zur Schule
du lachst über einen Witz
alles ist so schön
wir laufen über Rot
wir machen ein Wettrennen
nur du und ich
wir haben Spaß
alles Schlimme ist vergessen
die Sonne blendet
ich lache laut
plötzlich stockst du
ein Loch öffnet sich
direkt unter uns
wir fallen
der Geruch von Erde
modriges Licht
unter uns ein See
wir sinken
unsere Lungen brennen
wir bekommen keine Luft
etwas zieht uns zum Grund
ich verabschiede mich
von dir und dem Leben
du lachst
wir lachen
wir laufen weiter
bis zur Schule ist es nicht mehr weit
Blauer Klatschmohn
Sonja Petri
2014
Ich kann nicht einschlafen, ich werfe mich hin und her,
die Beleuchtung wechselt im Sekundentakt,
gleich kommt mein Einsatz, ich gleite
mit einer eleganten Drehung auf die Bühne
und
langsam aber sicher keimt Panik in mir auf,
kurz hebe ich den Kopf und halte Blickkontakt,
bis meine Augen zum Text zurückfinden,
in 15 Minuten bin ich mit meiner Gastfamilie
vor dem Kleidungsgeschäft UNIQLO verabredet,
ich lese weiter und weiter, bis das Wasser überläuft,
es platscht mit einem leisen Geräusch auf den Boden,
es ist bereits 23 Uhr und ich lasse mich erschöpft ins
Bett fallen, doch: Ich kann nicht einschlafen….
schwimmbadbodenkacheln
Paula Röhm
2013
ausgeblichene
schwimmbadbodenkacheln
flitzen vorbei
kraul
noch sieben bahnen
der regen
der an den fensterscheiben
hinabrinnt
ist mir egal
denn im
aufschäumenden wasser
kann ich dein
gesicht sehen.
Gedankenlos (in der Gegenwart?)
Clara Staats
2014
Stehe im Regen
Stehe in der Sonne
Stehe im Wind
Gehe los
Zwei Ziegen
Zwölf Pfützen
Riesige Hänge
Weite Täler
Steile Schluchten
Schnee
Eis
Sonne
Wolken
Hab einen Kompass in der Hand
Führt mich in das Unendliche
Lauf durch die sich krümmenden Berge
Suche die Realität in den Gewässern
Finde Träume in den Bäumen hängend
Und wandere ohne Ziel und Sinn
Durch die Wahrheit und die Lüge
Hab ausprobiert mich zu verirren
Hab den Weg wiederentdeckt
Hab versucht entgegengesetzte Richtungen einzuschlagen
Sie führten mich nach Hause
Sitze in meinem Zimmer
Fünf Unklarheiten werden durch das offene Fenster
Hineingeweht in den
Traum?
Suche Verzweiflung
Finde Zärtlichkeit
Pflücke Gedanken
Lasse Ideen zurück
Suche Erinnerungen
Finde die Zukunft
Durchblätter sie
Verwische sie
Verstehe sie
Nicht?
Male Wolken an die Wand
und Regenbögen entstehen
Finde mich wieder in verwehten Gipfeln
Zwischen sich krümmenden Bergen