Unsere Gewinner*innen im Dezember 2025
Wettbewerb im Dezember 2025
Zum Ende des Jahres haben wir euch gefragt: Habt ihr manchmal das Gefühl, dass das, was ihr seht, nur die Oberfläche ist? Dass direkt hinter dem Normalen etwas Anderes liegt – ein Riss, ein Flackern, ein Raum, der nicht da sein sollte? „Ein Brief wird kommen von dort“ lautete unser Monatsthema, abgeleitet von dem Gedicht „Weiße Nacht. Tag Fünf“ der koreanischen Lyrikerin Kim Hyesoon. Wir haben euch eingeladen, uns eure Gedichte über die Parallelwelt zu schicken, die sich hinter eurem Alltag versteckt. Mit ihren Texten überzeugen konnten N. Beckel, Christine Henne, Luisa Maxine Klahr, Charlotte Obenaus, Linda Sensenberger und Shafay Sheikh. Ganz herzlichen Glückwunsch zum Monatsgewinn!
Nachtruhe
N. Beckel
2006
Mein kleiner Drahtseilakt
auf Bordsteinkanten
wird im Abendlicht
unlauterer.
In den letzten
Atemzügen des Jahres
klaube ich
die Tage auf
wie ein Geschichtensammler,
der nicht weiß,
ob ordnen oder
aussortieren.
Der Christbaum leuchtet
im Schein der Feiertage.
Ich leuchte auch,
glaube ich.
Im Kalender sind
die Tage gekreuzt
wie fadenscheiniges Licht
über einer Mooslichtung,
das wabert umher
ziellos.
Ich trinke Milch,
die sauer wird
in meinem Mund;
sie kippt nach links, nach rechts,
bäumt sich dann auf
im Magen
und legt sich ins
fremdgemachte Bett.
Ein Name keucht
in der Kälte,
mein eigener.
Paul Celan, Gedichte II.
Sie brennen sich
unter der Decke
ins Laken.
Die Widmung: von Paps.
Kann ich noch
in den Chor intonieren,
wenn die Frostfinger
an meiner Kehle
tasten?
Ich reiße Nagel
für Nagel aus
jedem Finger, jedem Zeh
und zimmere sie
einer nach dem anderen
um den Schiffsmast.
Ein Splitter von mir
steckt im
letzten zerschlissenen Segel.
In der Lache aus
Blut und Erbrochenem
finde ich mich
wieder
auf den Badezimmerfliesen.
Sie sind
gänzlich
sauber.
askese anamnese; drinking daiquiris under central european cathedrals
Christine Henne
2005
hab den glanz abgegeben, ist mir abhandengekommen
spektrum bricht ab und an bricht sich gegen dich
vergessen, deine fluoreszenz
fluoreszent, sichtbar
si si si sichtbar
sichte dich,
aus versehen,
an der bar:
während ich flucht vermeide,
taktvoll bleibe, federschritte tue–
worte zwischen uns schmecken mis-gerendert
importiert mit fehlerhaften skeletten
aus lichtröhrenwolkenmottenflimmern
korrespondenz mit archiven, deren magnetbänder
dem sonnensturm nicht entkommen können
bunker voller eloquenz deiner knapp bezähmten entrüstung
klimakontrolliert und bildlos
bin mir selbst
katze oder frau,
eingemauert um dem sehnen
eine seele zu geben
der blick nach dir ist jetzt nur brauch,
nur aberglaube, doch die grundmauer des labyrinths
die steht schattenlos
ich erkläre mein schweigen, mein zucker-leiden
als letzter datenträger bin ich monument
bedenke;
wie wir kirschen sammeln und spucken
so weit wir können
ganze feldwege entkernen
bäume wachsen da vielleicht
halten den wald für weit entfernt
bekennen uns zu wasser und abstand
rennen vor allem, das brennt
aurora borealis, du versprichst dann
sonnenstürme und strumpfband revolver
können uns nichts
verirre mich gekonnt
(ohne anstand)
in gelben gedanken
und goldenem licht
auf dem wirbel des berges
den, gestehen wir’s,
ich nach dir benenne
ärgeres geschieht nur,
wenn ich stehen bleibe
wanderwarte, bis die sonne so steht,
dass schmelzmetall fest wird
und schwer
Lebtlebt
Luisa Maxine Klahr
2005
Mit den geköpften Namen
Massiv sternengeplustert, regelrecht gefährtenfindend in meinem Nachtredenachthemd
Wie Brotstückchen mit Weg und Kreidemädchen
Lege ich meine Gedanken aus
Unter dem autobahnfarbenen
Aber auch weihnachtsgekugelten
Himmel
Stiehlst du an
Spurrüsselnd, handreiberisch, beutelöffnend
Meine gebleckte Vernunft
Eigentlich ist da nur Nacht.
Komm du gestohlen und ich werde
Unsere Rippen – die ja auch jagen und sprudeln können – um die Sachen schlagen
Bis uns die Körpermitten schmerzen
Bis ich dich diebseiltürmend
Rechtwinklig zu dem Winter öffne
Und mich in dich hineinlege
Wie in ein Ärztehaus bei Nacht
Mir sage
Ich liebe mich
Weil ich ja nicht mal richtig begehbar bin
Eigentlich ist da nur Nacht.
Wir rennen nicht mal.
Im Nachredenachthemd bugsiere ich, fährtenweiß
Die Stunden in meinen Schoß
Ich kippe sie aus auf den Krumen.
Deine Lungenfunktionen schauen mich an.
Raum ohne Schnee
Charlotte Obenaus
2005
vier Stunden später hat das Zimmer sie endgültig veratmet
die Schuhe geräuschlos geschnürt: ein Leerlaut, nicht zu besetzen
mit Atem oder Liedern über anderes oder einem Komm-Zurück
der Reispapiermond an der Decke trägt kein Gesicht
ich trage nichts außer ein bisschen Schuld an uns und an allem
es gibt keinen Schnee hier, es gibt nur die Neige
das Nicht-Ausgetrunkene: Ringe am Boden des Glases
zur Mitte hin dunkler, zur Mitte hin ich oder Verwechselbares
Zeuginnen der Abwesenheit
alles fällt in den Raum und füllt ihn nicht
roter moment
Linda Sensenberger
2004
es braucht nicht so
viel-
leicht nur ein klingeln,
ein piepen
das brutal aus träumen
reißt
auch alte narben
auf-
stehen, aufstehen jetzt.
monoton ist damals am monitor
ein piepen
durchdringt kalte krankenhaus-
räume
gepackte koffer wieder
auf-
stehen, aufstehen jetzt.
die hand auf dem wecker ist
fahrig
schiebt sich in den finger ein holzsplitter
ein
tropfen, ein
roter moment
vom bett in den flur
raus
von
dort
sind die flure heller,
länger
scheint der weg ins bad zu
sein
oder nicht sein?
vorm spiegel die wunde
desinfizieren
brennt wo schon die
schmerzen sind
jetzt transformiert
schwindel vom zu schnellen auf-
stehen musst du, stehen
dann wird alles wieder
schwarz
ist nur die ohn-
macht
es sacht
in dem garten
Shafay Sheikh
2008
gibt es veilchen tulpen lotus
die knurren fauchen schmatzen
während sabber heruntertropft
hübsche schweine bleiben schweine
der brunnen ist längst weg aber
die büsche sind noch nie verdorrt
vertikal falle ich immer
nur in das nächste leere bett
von der ecke starrt eisenhut
verblüfft und
so entzückt
und erschreckt
dir nicht mehr unähnlich als sonst.
rissigrote rosen zeigen
keinerlei schwächen und nur die
gieße ich
und fließe
selbst dahin
lilie kreuzt lilie kreuzt lilie
kreuzt meinen weg nun ich stelle
sie dort wo sie nicht wachsen kann.
blüten bleiben trotzdem und fast
pflücke ich meine zähne raus
bringe sie dir als blumenstrauß