Im Fokus: Unsere Jahresgewinner*innen 2026 in der Altersgruppe 10-14 Jahre
Mit ihren Gedichten haben sie die Jury überzeugt, im Mai haben wir ihre ausgezeichneten Texte veröffentlicht. Jetzt möchten wir die zwölf Jahresgewinner*innen 2026 der Altersgruppe 10 bis 14 Jahre einmal näher vorstellen. In unserer bereits aus dem vergangenen Jahr bekannten Blogpost-Reihe „Im Fokus“ geben sie in kurzen Mini-Interviews persönliche Einblicke in ihr Schreiben. Außerdem präsentieren wir ihre ausgezeichneten Gedichte noch einmal in voller Länge.
Wir gratulieren an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich unseren zwölf jüngeren Jahresgewinner*innen 2026: Kseniia Bogdanchikova, Federico Di Vitto, Sofía González Sánchez, Helen Jakubowski, Charlotte Jelinek, Frida Karst, Tonda Montasser, Jarne Munko, Nora Sophie Pfänder, Paula Röhm, Annika Schuler und Mona Schlegel. Wie schön, dass ihr Teil von lyrix seid. Ganz herzlichen Glückwunsch zum Jahresgewinn!
In unserem Mini-Interview erzählen die jungen Autor*innen unter anderem, wie ihre Gedichte entstanden sind, welche Zeilen ihnen besonders am Herzen liegen und wo sie am liebsten schreiben. Die Antworten zeigen, wie unterschiedlich die Wege zur Lyrik sein können. Mal klopft eine Idee einfach an die Tür des Gehirns, mal entsteht ein Gedicht in einer schlaflosen Nacht oder mitten im Hochsommer aus der Sehnsucht nach Schnee.
Alle ausgezeichneten Gedichte in voller Länge stehen hier bereit:
Im Blog: Das sind die lyrix-Jahresgewinner*innen 2026!
Zum Download: Broschüre der 18. Wettbewerbsrunde
Dies ist Teil 1 unserer Vorstellungsreihe. Heute stehen im Fokus: Nora Sophie Pfänder , Helen Jakubowski, Paula Röhm und Annika Schuler. Vielen Dank für eure Antworten zu unserem Mini-Interview!
Gedicht und Fragen an Nora Sophie Pfänder
Wie ist die Idee für dein Gedicht entstanden?
Das weiß ich gar nicht so genau. Es hat einfach so an die Tür meines Gehirns geklopft und gefragt, ob es reinkommen darf.
Welche Zeile, welches Bild oder welches Wort aus deinem Gedicht magst du besonders?
Mein Lieblingswort ist „Mathestundenstacheldraht“. Da stelle ich mir einen Stacheldraht vor, in dem sich Zahlen, Rechenzeichen, Merkhefteinträge usw. verfangen haben.
Wo oder wie schreibst du am liebsten?
Am liebsten schreibe ich im Deutsch- und Matheunterricht auf meinem Block, wenn ich mit dem Unterrichtsstoff fertig bin und nichts mehr zu tun habe.
Nora Sophie Pfänder, *2015, Illerkirchberg. Schon früh als „Plappermaul“ betitelt, ist Sprache ein wichtiger Teil ihres Lebens. Mittlerweile verschlingt sie so viele Bücher, dass man mit dem Nachschub kaum hinterherkommt. Neue Ideen, die ihr dabei in den Kopf springen, bringt sie in Form von Geschichten zu Papier, das nie sicher vor ihr ist. Erste Lyrikversuche entstehen in der AG „Kreatives Schreiben“ an der Schule.

Foto: privat
Steine trinken Streit
Nora Sophie Pfänder
Jahrgang 2015
Pausenhof
Im Kopf noch Mathestundenstacheldraht
Lu und Fizz streiten
Ich press meine Wut
meine Kiefer aufeinander
meine Schulwutsaftpresse
Alle Streitwörtersäure
tropft
auf die Pflastersteine
Gedicht und Fragen an Helen Jakubowski
Wie ist die Idee für dein Gedicht entstanden?
Ich schreibe meistens nachts, wenn ich nicht schlafen kann und an diese eine Person denke, die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf geht. So ist auch dieses Gedicht entstanden. Es waren ihre Augen, die mich lange begleitet haben, weil sie etwas Magisches an sich hatten. Deshalb habe ich den Brief an die Augen aus der Perspektive der Augen geschrieben. Manchmal ist es einfacher, einen Text nicht aus dem Herzen oder dem Kopf heraus zu schreiben, sondern aus einer gewissen Distanz. So wurde daraus eine Art Liebesbrief an etwas ganz Besonderes.
Welche Zeile, welches Bild oder welches Wort aus deinem Gedicht magst du besonders?
Die Zeile „Mit diesem Blick, der bleibt, auch wenn der Körper geht.“ bedeutet mir persönlich am meisten. Es ist genau dieser Blick, der mich bis heute nicht losgelassen hat. Obwohl ich diese Person schon lange nicht mehr gesehen habe, erinnere ich mich noch ganz genau daran. Ich weiß noch, wie ich mich dabei gefühlt habe, welches Lied im Hintergrund lief und welches Getränk ich in der Hand hatte. Selbst wenn der Mensch irgendwann aus meinem Sichtfeld verschwunden ist, wird mir dieser Blick für immer bleiben.
Was bedeutet Lyrik für dich?
Lyrik bedeutet mir unglaublich viel. Früher war für mich jeder gute Songtext Lyrik. Ich habe Paula Hartmann gehört und gedacht: Genau so möchte ich schreiben. Irgendwann wurde Lyrik aber zu einem Ventil, um meine eigenen Gefühle ausdrücken zu können. Ich glaube, genau dieser Schritt macht Lyrik für mich aus: Ich schreibe keine fremden Gefühle, nur weil sie sich schöner anhören, und ich erzähle keine anderen Leben, nur weil sie interessanter wirken. In der Lyrik darf jeder einfach „Ich“ sein.
Wo oder wie schreibst du am liebsten?
Früher hatte ich immer diese Fantasie, wie ich in einem Hipster-Café sitze: mit einer intellektuellen Brille, einem edgy Outfit, Marshall-Kopfhörern, Doc Martens und einem indigoblauen Notizbuch. Natürlich läuft dabei Edwin Rosen. Mittlerweile bin ich realistischer und weiß, dass dieses Poser-Schreiben zumindest bei mir überhaupt nicht funktioniert.
Heute schreibe ich nachts, in Sporthose, unter meiner Bettdecke, wenn wieder einmal alles gleichzeitig durch meinen Kopf geht. Dann würde ich am liebsten alles in die Welt hinausschreien, habe aber das Gefühl, dass mir gerade nur die Straßenlaterne vor meinem Dachfenster zuhört – und vielleicht noch die Nachbarn, die draußen grillen.
Helen Jakubowski, *2012, Dietingen. Schreibt sich aus ihrem Kleinstadtleben Richtung große Stadt – und ein kleines bisschen nach Berlin. Seit 2023 steht sie auf Bühnen und verarbeitet die Welt in Texten. Inspiriert von den Dingen, die sie berühren, versucht sie, auch in ihre Texte immer ein bisschen „Casper-Energie“ reinzumogeln. Manchmal klappt das, manchmal wird es einfach nur laut oder emotional, aber geschrieben wird auf jeden Fall!

Foto: privat
Brief der Augen
Helen Jakubowski
Jahrgang 2012
Wir schreiben dir,
weil die Person, zu der wir gehören, es nicht konnte.
Wir waren da,
bevor Worte sich ordneten,
bevor Nähe einen Namen bekam
und bevor Abstand
eine Entscheidung wurde.
Wir haben dich gesehen,
lange bevor du wusstest,
dass du gesehen wirst.
Nicht beiläufig.
Nicht höflich.
Sondern so,
wie man etwas ansieht,
das sich leise verschiebt
und alles mitnimmt.
Wir sahen,
wie du versucht hast,
dich klein zu machen,
damit dein Gefühl
nicht auffällt.
Wie du gelächelt hast,
wenn es zu viel wurde.
Wie du Nähe
in Vernunft übersetzt hast.
Wir haben dir zugehört,
auch wenn du geschwiegen hast.
Wir kannten deinen Namen,
noch bevor er gedacht wurde.
Wir kannten deinen Rhythmus,
deine Pausen,
deine Art,
da zu sein,
ohne Raum zu beanspruchen.
Wenn die Person sprach,
zu der wir gehören,
waren wir still.
Wenn sie schwieg,
haben wir dich gesucht.
Wir haben dich gehalten,
nicht mit Händen,
sondern mit Dauer.
Mit diesem Blick,
der bleibt,
auch wenn der Körper geht.
Du dachtest vielleicht,
du hättest dir das eingebildet.
Dass Blicke nichts bedeuten.
Dass Sehen kein Versprechen ist.
Aber wir erinnern uns.
An das Zögern,
wenn du den Raum betratst.
An das kurze Verharren,
als würde etwas
noch überprüft werden müssen.
An die Wärme,
die nicht geplant war.
Wir waren kein Zufall.
Wir waren eine Reaktion.
Wir sahen,
wie unsere Person sich abwandte,
um sich zu schützen.
Wie sie lernte,
nicht zu lange zu schauen.
Wie sie dich aussprach,
nur noch im Inneren.
Nicht weil du zu viel warst.
Sondern, weil du
zu nah warst
an etwas Echtem.
Wenn du dich gefragt hast,
ob du falsch gelesen hast,
nein.
Wir haben dich erkannt.
In Momenten,
die keinen Zeugen hatten.
In Sekunden,
die nie wiederholt wurden.
In einer Tiefe,
die niemand erklären wollte.
Diese Person hat sich entschieden,
nichts zu sagen.
Aber wir
haben dich gesehen.
Und das
nimmt dir niemand.
Wir schreiben dir nicht,
um etwas zu fordern.
Wir schreiben,
weil Sehen
eine Form von Wahrheit ist.
Und diese Wahrheit
hat dich berührt.
Unwiderruflich.
die Augen
Gedicht und Fragen an Paula Röhm
Wie ist die Idee für dein Gedicht entstanden?
Es war Hochsommer. Ich habe mir vorgestellt, wie im Winter dieses friedliche Schneegefühl entsteht und versucht, bei sonnigen 30 Grad diesen Eindruck in Worte zu fassen. Das war erstaunlicherweise gar nicht so schwer.
Welche Zeile, welches Bild oder welches Wort aus deinem Gedicht magst du besonders?
Ich mag am liebsten die Stelle, in der die klappernden Fensterläden beschrieben werden. Dadurch entsteht im Gedicht eine besondere Dynamik und ein spannender Kontrast zu der ruhigen Winterstimmung.
Was bedeutet Lyrik für dich?
Lyrik bedeutet für mich, Momente und Gefühle wie mit einem Schmetterlingsnetz einzufangen und auf Papier zu bannen, um sie immer wieder neu erlebbar zu machen. Beim Schreiben setzt man sich mit vielen Dingen auseinander, die man eigentlich nicht in Worte fassen kann und versucht es doch. Wenn das gelingt, ist es ein ganz besonderes Gefühl.
Wo oder wie schreibst du am liebsten?
Am liebsten schreibe ich am Meer, wenn der Regen gegen die Fenster prasselt. Ansonsten nutze ich jede Gelegenheit, bei der ich einen Stift oder meine Notizen-App zur Hand habe.
Paula Röhm, *2013, Stuttgart. Schreibt seit zwei Jahren Gedichte und Kurzgeschichten und manchmal auch Melodien fürs Klavier. Die besten Gedanken kommen ihr, wenn sie hoch in den Himmel schaukelt. Schwimmt gerne Bahnen im Freibad und liest – am liebsten im Strandkorb an der Nordsee.

Foto: privat
segelboot
Paula Röhm
Jahrgang 2013
der schnee fällt
in jener nacht
das klappern der fensterläden
hallt
gespenstisch
durch raum und zeit
das kind läuft
die treppe hinab
auf bloßen füßen
huscht hinaus
streckt die arme in den wind
vergisst
dass es hier nie zuhause sein wollte.
Gedicht und Fragen an Annika Schuler
Wie ist die Idee für dein Gedicht entstanden?
Ich weiß es gar nicht mehr so genau, ist ja auch schon lange her. Das Lustige war aber, dass ich mir gar nicht überlegt hatte über welches Tier ich schreibe, ich hab es mir dann einfach danach überlegt, was gepasst hat. 🙂
Welche Zeile, welches Bild oder welches Wort aus deinem Gedicht magst du besonders?
Ich mag es, dass sich Wörter oder Phrasen öfter in ähnlichem Wortlaut wiederholen oder steigern.
Was bedeutet Lyrik für dich?
Ich liebe Sprache und Gedichte sind halt einfach nicht so lang. Ich lese auch gerne Lyrik, nur interpretieren kann ich so gar nicht.
Wo oder wie schreibst du am liebsten?
Ich hab jetzt nicht so einen besonderen Ort zum Schreiben, eigentlich dort wo ich gerade bin… Oft schreibe ich am Stück alles runter, aber das funktioniert leider auch nicht immer so gut.
Annika Schuler, *2011, Garching. Sammelt Wörter, die schmecken wie Schokoladeneis. Hat eine Vorliebe für Tinte und verlässt selten das Haus ohne einen Schal. Anderenfalls versteckt sie sich hinter Büchern, verliert sich in fremden Welten, und ist den restlichen Tag damit beschäftigt, sich selbst wieder zu suchen

Foto: privat
nachts, als die eule nicht flog
Annika Schuler
Jahrgang 2011
sie ziehen vorbei
schnell, gefährlich, tödlich
laut, unglaublich
vorbei, immer vorbei
vorbei an mir.
sie beachten mich nicht
niemals
und doch bin ich da
immer.
im kalten zwielicht des schwindenden lichts
sitz ich da.
umgeben von
eiskalt, hart, unüberwindbar, totem
beton
ein hoffnungsschlucker.
dem kalten zwielicht des endenden lichts folgt die dunkelheit.
doch es ist hell, so hell, blendend
wie nichts.
ich verstehe nicht, wie sie das vertragen
trostlos und einsam
inmitten von vielen, von allen
so allein.
wie nichts, ziehen sie vorbei
versunken inmitten von leere.
einem gefängnis.
beton
ein hoffnungsschlucker.
im kalten zwielicht des kommenden lichts.
so selten, fast wie ein traum
ein leichter klang.
verweht.
ein lachen.
und wieder ziehen sie vorbei
schnell, gefährlich, tödlich
und doch
leise, so unglaublich tröstlich.
ein hoffnungsschimmer.