alle namen kehren zurück

[[deadline:2026-08-31 24:00:00]]

Wie nennen wir die Welt? Und was verändert sich, wenn Dinge plötzlich anders heißen oder in einer anderen Sprache erzählt werden? Manchmal genügt ein einziges Wort, damit neue Bilder entstehen oder Vertrautes in einem anderen Licht erscheint. Sprache beschreibt die Welt nicht nur, sie prägt auch, wie wir sie wahrnehmen.

Shilpa Gupta, For, In Your Tongue, I Cannot Fit, 2017–18. Aus der Ausstellung What Still Holds, , Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin. © Shilpa Gupta. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Foto: Luca Girardini.

Eine Installation aus Stimmen und Gedichten
Die Installation For, In Your Tongue, I Cannot Fit (2017–18) ist derzeit in der Ausstellung What Still Holds der indischen Künstlerin Shilpa Gupta im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen.

Auf den ersten Blick wirkt der Raum fast still. Von der Decke hängen Mikrofone, darunter schweben bedruckte Blätter auf schmalen Metallstäben. Erst beim Hören verändert sich die Installation: Aus verschiedenen Richtungen erklingen Stimmen, die Gedichte lesen oder sprechen. Mal ist nur eine Stimme zu hören, dann antworten andere. So entsteht ein vielstimmiges Gespräch über Zeiten, Länder und Sprachen hinweg.

Für ihre Installation hat Shilpa Gupta Zeilen von 100 Dichter*innen ausgewählt, die wegen ihrer Texte oder politischen Überzeugungen verfolgt, inhaftiert oder getötet wurden. Die Installation lässt ihre Worte weiterklingen und erinnert daran, dass Sprache Menschen über Grenzen und Generationen hinweg verbinden kann.

Wenn Sprache den Blick verändert: Ozan Zakariya Keskinkılıć
Auch im Monatsgedicht von Ozan Zakariya Keskinkılıç verändert Sprache unseren Blick auf die Welt. Gleich zu Beginn heißt es: „mond heißt ay, und ei heißt yumurta.“ Das Gedicht spielt mit Klängen und Bedeutungen aus verschiedenen Sprachen. Auf Türkisch heißt der Mond „Ay“ und das klingt fast wie das deutsche Wort „Ei“. Aus dieser kleinen Verschiebung entsteht eine neue Gedankenwelt.

Ozan Zakariya Keskinkılıç beschreibt sein Gedicht als einen Blick auf die Welt aus einer kindlichen Perspektive: offen, neugierig und spielerisch. Wer sich zwischen Sprachen bewegt, entdeckt plötzlich Zusammenhänge, die anderen vielleicht verborgen bleiben. So tauchen ganz selbstverständlich Figuren wie ein Wolkenmacher oder ein kleiner Mensch auf. Sie wirken nicht fremd, sondern gehören zu einer Welt, in der Sprache immer wieder neue Möglichkeiten eröffnet.

Das Gedicht zeigt: Wörter beschreiben die Welt nicht nur. Je nachdem, wie wir etwas benennen oder aus welcher Sprache wir darauf blicken, können neue Bilder, Erinnerungen und Bedeutungen entstehen.

Eure Schreibaufgabe im August
Im Gedicht verändern Wörter unseren Blick auf die Welt. Ein anderer Klang, eine Übersetzung oder eine neue Bezeichnung reichen aus, damit Vertrautes plötzlich fremd erscheint oder Fremdes vertraut.

Schreibt ein Gedicht über ein Wort, eine Bezeichnung oder eine Stimme, die etwas in Bewegung setzt. Vielleicht verändert ein anderes Wort eure Sicht auf einen Menschen oder einen Ort. Vielleicht führt euch eine Übersetzung in eine neue Gedankenwelt. Oder ihr entdeckt, dass dieselbe Sache ganz unterschiedlich heißen – und dadurch ganz unterschiedlich wirken – kann.

Welche Bezeichnungen verändern euren Blick auf die Welt?

Wir freuen uns auf eure Gedichte und wünschen euch einen inspirierenden Sommer voller neuer Begegnungen, Gespräche und Entdeckungen.

[mond heißt ay]

Ozan Zakariya Keskinkılıç

mond heißt ay, und ei heißt yumurta. sie denkt, zum frühstück 
pflücke ich ihr die kugel vom nackten himmel, ortet den 
handbemalten himmelskörper auf einer landestation aus 
kronkorken. mit einem gesicht, das sagt: bin kleiner mensch, 
umfahre den raum mit einer achse aus daumen, zeige- und 
mittelfinger, schau. der kleine mensch schüttelt den helm 
richtung zigarettendunst, der schleicht aus nasenlöchern wie ein 
zögerndes gebet. der kleine mensch ruft wolke. auf der bank 
sitzt ein wolkenmacher, in einem schutzanzug aus fischermütze 
und erdigen shorts, ist adam, heißt mann. der regnet die angst 
zu fallen auf die rippen eines buches. seitenpflaster für 
unsichere zeiten. eine hand voll anfangsbuchstaben pflückt sie 
vom boden und flüstert: ya baba, schau, die nacht tritt ein und 
alle namen kehren zurück. 

aus: Ozan Zakariya KeskinkılıçPrinzenbadElif Verlag – Nettetal 2024 

Mehr Infos zum Monatsthema

Ozan Zakariya Keskinkılıç, Foto: Mirko Lux

Ozan Zakariya Keskinkılıç, geb. 1989, ist promovierter Politikwissenschaftler, freier Autor und Lyriker. Neben Gedichten schreibt er Hör- und Theaterstücke, Prosa, Kolumnen und Essays. 2022 erschien sein Lyrikdebüt Prinzenbad im Elif Verlag, 2023 das Sachbuch Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes im Verbrecher Verlag. Seine Texte werden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, in mehrere Sprachen übersetzt und in multimedialen Ausstellungen in Museen und Galerien präsentiert. Er war für den Clemens-Brentano-Preis und den Dresdner Lyrikpreis nominiert und wurde mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnet. Im September 2025 erschien sein Debütroman Hundesohn bei Suhrkamp, für den er den ZDF-aspekte-Literaturpreis und den Max-Frisch-Förderpreis der Stadt Zürich erhielt. Bei den 50.Tagen der deutschsprachigen Literatur gewann er den Deutschlandfunk-Preis. Sein zweiter Gedichtband binde mich odysseus gleich an die ubahnstange erscheint im Oktober 2026 im Elif Verlag

Shilpa Gupta wurde 1976 in Mumbai, Indien, geboren und lebt und arbeitet dort. Siestudierte Bildhauerei an der Sir J. J. School of Fine Arts in Mumbai. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich unter anderem mit Sprache, Grenzen, gesellschaftlichen Machtverhältnissen und der Frage, wie Informationen weitergegeben oder unterdrückt werden. Dabei arbeitet sie mit unterschiedlichen Formen wie Installationen, Video,Skulptur, Klang und Performance. Ihre Werke wurden international in zahlreichen Museen und Ausstellungen gezeigt, unter anderem bei der Biennale in Venedig. der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin ihre Einzelausstellung What Still Holds.

Video-Clips zum Monatsthema:
Gedicht-Lesung und Mini-Interview mit Ozan Zakariya Keskinkılıç