
Zum 18. Mal zeichnet der Bundeswettbewerb lyrix junge Autor*innen aus ganz Deutschland aus. Wir gratulieren den Jahresgewinner*innen 2026 herzlich zu ihren ausgezeichneten Gedichten.
Aus 1.884 im Jahr 2025 eingereichten Gedichten wurden zunächst 144 Monatsgewinner*innentexte ausgezeichnet. Unsere beiden Jahresjurys wählten daraus die 24 besten Gedichte aus. Die prämierten Texte erzählen von Nähe und Verlust, Wut und Erinnerung, von atmenden Häusern und verletzenden Sprachen. Die lyrix-Jahresgewinner*innen 2026 zeigen eindrucksvoll, wie präzise, bildstark und gegenwärtig junge Lyrik heute ist.
Die Preisträger*innen der Altersgruppe 15-20 werden Anfang Juni nach Berlin eingeladen. Dort begegnen sie Autor*innen und anderen jungen Schreibenden, arbeiten in Werkstätten an ihren Texten und erleben Lesungen, Gespräche und literarische Veranstaltungen im Rahmen des Poesiefestivals Berlin.
Preisverleihung 2026
Höhepunkt der Reise ist die öffentliche Preisverleihung im Rahmen des Poesiefestival Berlin. Die Veranstaltung wird von Malte Abraham moderiert, musikalisch begleitet von Golden Diskó Ship.
Mittwoch, 3. Juni 2026
14 Uhr, mit anschließendem Empfang
Haus für Poesie
Knaackstraße 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin
Der Eintritt ist frei. Alle Gäste sind herzlich willkommen!
Unsere Jahresjurys
Zur diesjährigen Jahresjury der Kategorie 10–14 Jahre gehören Claudia Maaß (Didaktikerin und Literaturvermittlerin), Rojin Namer (lyrix-Alumna), Anja Utler (Dichterin und Übersetzerin) und Christine Wagner (Literarisches Colloquium Berlin, Projektleitung Echt absolut)
Die Jury der Kategorie 15–20 Jahre setzt sich zusammen aus Jan Drees (Schriftsteller, Journalist und Radiomoderator, Deutschlandfunk), Tim Holland (Lyriker, Literaturvermittler und Verleger), Norbert Hummelt (Lyriker und Übersetzer), und Daniela Seel (Lyrikerin und Verlegerin).
Die Jahresgewinner*innen in der Altersgruppe 10-14
Er hat eine Mütze für mich gestrickt
Kseniia Bogdanchikova
Jahrgang 2011
Er hat eine Mütze für mich gestrickt
Hat stundenlang dran gesessen
Die Uhr an der Wand hat getickt
Und wir haben Kekse gegessen
Dann schmeißt er den Teller
Auf den kalten Boden
Im kalten Keller
Und hört auf mich zu loben
Doch er hat eine Mütze für mich gestrickt
Hat all seine Kraft eingesetzt
Wie er mit dem Kopf als Antwort nickt
Und die Liebe stirbt zuletzt
Und er hat eine Mütze für mich gestrickt
Hat alles gegeben was er konnte
Er hat meine Hand angeblickt
Als er den Faden zertrennte
Zum Monatsthema: er hat eine mütze für mich gestrickt
Kseniia Bogdanchikova, *2011, Hamburg. Schreibt Texte, zumindest manchmal. Meistens werden sie eher gesungen als geschrieben. Bewegt sich irgendwo zwischen Lyrik, Musik, Chaos und zu vielen Gedanken.
Was du mir bist
Federico Di Vitto
Jahrgang 2011
Regenbogen meines Zimmers
mein Ökosystem
mein Zoo
Privatsüdsee
und Zeitreisemaschine
Das bist du mir.
Langeweilekiller
und Wutstaubsauger
Du beherbergst die Heinrich-Cam
Augen der schönsten Garnele
wie zwei Perlen
immer auf mich gerichtet
wohin ich auch gehe
hier in meinem Reich
Alles das bist du mir.
Mein Aquarium
Zum Monatsthema: die sonne im wasser zufällig großzügig
Federico Di Vitto, *2011, Blaustein. Schreibt Texte, verwirft sie wieder, schreibt sie neu, und merkt, dass die alten oft die besten waren. Hinterfragt alles, selbst das scheinbar Unhinterfragbare, auch seine eigenen Ideen, und schreibt sie trotzdem auf. Die meisten Texte sind fiktiv, manchmal auch bewusst unglaubwürdig. Alles ist mehrdeutig: Bei ihm ist ein Apfel nicht einfach nur ein Apfel. Fast jeder Satz hat mindestens zwei Bedeutungen.
Stapelüberstapelt
Sofía González Sánchez
Jahrgang 2010
Du hältst an Vielem fest.
An deinen Büchern, Stiften, Bildern, Zeitschriften
vor allem an Allem
doch am meisten an schlechten Erinnerungen.
Du sammelst und hortest sie
stapelst und stapelst und stapelst sie überall
an deinem Lebenswegesrand.
Ein ewiges Quetschen immer neuer schlechter Erinnerungen
Ein ewiges Ausdemstapelrausziehenundeineweiterenachtdrüberwachbleiben
und entsprechend geht es dir.
Für die schlechten Erinnerungen eine ganze Bibliothek
ganz hinten in der Ecke, verstaubt, hauchdünn
die Hoffnung.
Vergiss sie nicht.
Stärke sie.
Sammel nicht das, was sie untergehen lässt, überdeckt
Sammel das, was sie glänzen lässt.
Zum Monatsthema: Der zumindest nach oben offene Himmel
Sofía González Sánchez, *2010, Stuttgart. Beobachtet gerne Situationen, Gedanken und Gefühle und versucht dieses Unhaltbare und Unbeschreibliche in Worte zu fassen, auch um ihre Kopfbibliothek zu ordnen. Mit ihrer Kunst möchte sie andere zum Nachdenken bringen, sie berühren und ihnen Mut zusprechen. Sie ist fasziniert von vielen Dingen: kleinen Momenten, Worten, Natur, Musik und dem wunderschönen Ausblick auf ihre Heimatstadt.
Brief der Augen
Helen Jakubowski
Jahrgang 2012
Wir schreiben dir,
weil die Person, zu der wir gehören, es nicht konnte.
Wir waren da,
bevor Worte sich ordneten,
bevor Nähe einen Namen bekam
und bevor Abstand
eine Entscheidung wurde.
Wir haben dich gesehen,
lange bevor du wusstest,
dass du gesehen wirst.
Nicht beiläufig.
Nicht höflich.
Sondern so,
wie man etwas ansieht,
das sich leise verschiebt
und alles mitnimmt.
Wir sahen,
wie du versucht hast,
dich klein zu machen,
damit dein Gefühl
nicht auffällt.
Wie du gelächelt hast,
wenn es zu viel wurde.
Wie du Nähe
in Vernunft übersetzt hast.
Wir haben dir zugehört,
auch wenn du geschwiegen hast.
Wir kannten deinen Namen,
noch bevor er gedacht wurde.
Wir kannten deinen Rhythmus,
deine Pausen,
deine Art,
da zu sein,
ohne Raum zu beanspruchen.
Wenn die Person sprach,
zu der wir gehören,
waren wir still.
Wenn sie schwieg,
haben wir dich gesucht.
Wir haben dich gehalten,
nicht mit Händen,
sondern mit Dauer.
Mit diesem Blick,
der bleibt,
auch wenn der Körper geht.
Du dachtest vielleicht,
du hättest dir das eingebildet.
Dass Blicke nichts bedeuten.
Dass Sehen kein Versprechen ist.
Aber wir erinnern uns.
An das Zögern,
wenn du den Raum betratst.
An das kurze Verharren,
als würde etwas
noch überprüft werden müssen.
An die Wärme,
die nicht geplant war.
Wir waren kein Zufall.
Wir waren eine Reaktion.
Wir sahen,
wie unsere Person sich abwandte,
um sich zu schützen.
Wie sie lernte,
nicht zu lange zu schauen.
Wie sie dich aussprach,
nur noch im Inneren.
Nicht weil du zu viel warst.
Sondern, weil du
zu nah warst
an etwas Echtem.
Wenn du dich gefragt hast,
ob du falsch gelesen hast,
nein.
Wir haben dich erkannt.
In Momenten,
die keinen Zeugen hatten.
In Sekunden,
die nie wiederholt wurden.
In einer Tiefe,
die niemand erklären wollte.
Diese Person hat sich entschieden,
nichts zu sagen.
Aber wir
haben dich gesehen.
Und das
nimmt dir niemand.
Wir schreiben dir nicht,
um etwas zu fordern.
Wir schreiben,
weil Sehen
eine Form von Wahrheit ist.
Und diese Wahrheit
hat dich berührt.
Unwiderruflich.
die Augen
Zum Monatsthema: Ein Brief wird kommen von dort
Helen Jakubowski, *2012, Dietingen. Schreibt sich aus ihrem Kleinstadtleben Richtung große Stadt – und ein kleines bisschen nach Berlin. Seit 2023 steht sie auf Bühnen und verarbeitet die Welt in Texten. Inspiriert von den Dingen, die sie berühren, versucht sie, auch in ihre Texte immer ein bisschen „Casper-Energie“ reinzumogeln. Manchmal klappt das, manchmal wird es einfach nur laut oder emotional, aber geschrieben wird auf jeden Fall!
Das Aquarium
Charlotte Jelinek
Jahrgang 2011
Wenn der Sand mir durch die Finger läuft
Bin ich in einem Uhrwerk gefangen
Hältst du mir die Augen zu?
Bis ich endlich wieder sehe?
Ich hab gegen die Glasscheibe geklopft
Doch zwei Fischaugen in einem Aquarium sehen nicht
Es sind die Klänge des Frühlings
Es wird wärmer
Musste hinfallen
Musste liegen, musste liegen
Musste so verdammt lange liegen
Doch in einem Aquarium liegt man nicht
Man schwebt
Sand steht still, wenn er im Wasser schwimmt
Ich hab nicht zurück geguckt
Und was ich höre, sind die Klänge des Sommers
Es wird wärmer
Sei vorsichtig, dich nicht zu verbrennen
Zum Monatsthema: Es beginnt der Tag
Charlotte Jelinek, *2011, Berlin. Begann schon früh sich eigene Geschichten und Fantasiewelten auszudenken. Mittlerweile experimentiert sie mit Lyrik und Prosa und einem Mischmasch aus beidem. Außerdem hat sie ihren ersten Roman fertiggestellt. Neben dem Schreiben spielt sie Gitarre, zeichnet oder hört Musik.
Buch, S. 143, Nr. 2 b)
Frida Karst
Jahrgang 2011
Aus welcher Welt kommst du?
Was denkst du?
Und wohin willst du?
Weil ich
Bin so unsicher
Ich sitze hier
In Deutsch
Es ist 11:05
(Die Uhr geht aber eh nicht richtig)
Und schreibe an dich.
Und ich kenne dich nicht
Du bist irgendwas
Irgendwo
In meinem Kopf
Irgendwie.
Das macht mir Angst weil
Du bist da
Obwohl du nicht da bist
Aber du bist auch nicht weg weil
Dann wärst du ja da gewesen
Und dann gegangen.
Aber
Du bist ja nie gekommen
Oder?
Ich denk wieder zu viel
Eigentlich weiß ich nicht
Ob ich das tue
Aber das sagt meine Mama immer.
Sie sagt auch
Dass ich schon sehr viel weiß
Das sagte auch mein Papa
Aber der ist eh
Nicht mehr da.
Er wollte mir
Nicht sagen
Wo er ist
Und jetzt ist er weg
Und ich weiß selbst nicht mehr
Wo ich bin.
Zuhause ist
Alles schwierig gerade
Weil Mama nicht mehr weiß
Wo ihr Kopf ist.
Alles ist weg
Papa
Mamas Kopf.
Aber du nicht
Weil du warst ja nie da
Oder?
Ich hab Angst weil
Was wenn du jetzt doch da bist
Und dann wieder gehen musst?
Bitte
Lass mich nicht allein.
Aber du warst ja doch nie da…
Mein Kopf ist wie ein Knoten
Der entstanden ist
Obwohl er eigentlich
Was ganz anderes werden sollte
Eine Schleife.
War wohl nix haha
Eigentlich gar nicht lustig.
Ich mag dich lieber als Mama
Weil du sagst mir nichts
Was ich nicht verstehe
Zum Beispiel Mathe
Genauso schwer wie
Rauszufinden
Was mein Lieblingslied ist
Aber das
Will meistens sowieso keiner hören.
Aber ich versteh das schon
Wäre ich du
Würde ich auch nicht
Nach meinem Lieblingslied fragen.
Zum Monatsthema: Ein Brief wird kommen von dort
Frida Karst, *2011, Gießen. Findet in Lyrik, was im Alltag nicht gesagt wird. Lyrik bedeutet für sie, einen Raum zu erklären und nur die Tür zu beschreiben – und trotzdem ist klar, was dahinter liegt. Sie fängt an zu schreiben, wo Gedanken zu laut werden und Gespräche nicht mehr ausreichen.
Denn ich bin der Projektleiter dieser Hochhäuser
Tonda Montasser
Jahrgang 2011
Hinter gentrifziertem Beton fall ich
in den Stadtwald, wo
glassüchtige Hochhäuser hochragen
und letzte Tannenzapfen bedrohen.
Ich schwebe auf Moosbetten,
geschützt vor Erosion und Schadstoffen.
Ein Wildschwein
mit eingefallenem Rücken
begleitet mich.
Atmet ein, atmet aus.
Hier ist es zu gefährlich,
wir haben keine Macht.
Mein Wildschwein und ich
starren auf den Wald,
der immer schneller
und näher umfällt.
Die Hochhäuser essen
den Wald auf.
Die Menschen nehmen uns
den Boden weg.
Lass uns alles stürzen,
die Brombeerranken zertreten.
Keimlinge überwuchern
Eichen und Kiefern.
Wir verjüngen den Wald,
vermischen Nährstoffe,
stoßen unsere Hauer
tief in die Erde,
spiegeln uns im Glas der Hochhäuser,
kehren nachts in die Straßen zurück,
holen die Stadt
wieder in die Schatten.
Zum Monatsthema: genadelt gerendert dirty
Tonda Montasser, *2011, Berlin. Begann im ersten Corona-Lockdown zu schreiben und im zweiten zu dichten. Ausgezeichnet beim Berlin-brandenburgischen Literaturpreis THEO 2021-25, beim Treffen Junger Autor*innen 2022/24, beim „Connected“-Preis des Bundesministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit 2025 und beim Bundeswettbewerb lyrix 2021-25. Seine Gedichte erschienen zuletzt bei etceterapress, im Signaturen-Magazin und in der manuskripte, in Englischer Übersetzung von Shane Anderson in „Urbane Praxis“. 2021,2024 und 2025 trat er auf dem internationalen literaturfestival berlin und 2024 auf dem Poesiefestival Berlin auf. Er liebt Schach, Filme, Twin Peaks, Richard Brautigan, Franz Kafka, Sarah Kane und Yu-Gi-Oh-Turniere.
Zwischen uns
Jarne Munko
Jahrgang 2010
Du kommst heim,
ziehst die Kapuze nicht aus,
deine Kopfhörer glänzen.
Meine Worte prallen daran ab,
lautlos, nutzlos.
Ich rede vom Tag,
du hörst nur den Bass,
nickst im Takt,
nicht im Gespräch.
Dein Blick gleitet an mir vorbei,
wie ein Lied, das ich nicht kenne.
Zum Monatsthema: Wer reist weiß nichts von Orten
Jarne Munko, *2010, Bonn. Auf dem Gymnasium ist er zwei Jahre vor dem Abitur. Im Wald ist er wahlweise zu Fuß mit Collie unterwegs oder auf dem Mountainbike, je nachdem wie viel Tempo der Tag verlangt. In der Freizeit und den Ferien ist er auf dem Fußballplatz oder beim Kitesurfen aktiv. Ansonsten verbringt er seine Zeit mit Freunden oder zu Hause. Dort hört er entweder Podcasts, Hörbücher oder Musik und bringt seine Gedanken in Zeichnungen, Bildern oder Gedichten aufs Papier.
Steine trinken Streit
Nora Sophie Pfänder
Jahrgang 2015
Pausenhof
Im Kopf noch Mathestundenstacheldraht
Lu und Fizz streiten
Ich press meine Wut
meine Kiefer aufeinander
meine Schulwutsaftpresse
Alle Streitwörtersäure
tropft
auf die Pflastersteine
Zum Monatsthema: fenster auf kipp
Nora Sophie Pfänder, *2015, Illerkirchberg. Schon früh als „Plappermaul“ betitelt, ist Sprache ein wichtiger Teil ihres Lebens. Mittlerweile verschlingt sie so viele Bücher, dass man mit dem Nachschub kaum hinterherkommt. Neue Ideen, die ihr dabei in den Kopf springen, bringt sie in Form von Geschichten zu Papier, das nie sicher vor ihr ist. Erste Lyrikversuche entstehen in der AG „Kreatives Schreiben“ an der Schule.
segelboot
Paula Röhm
Jahrgang 2013
der schnee fällt
in jener nacht
das klappern der fensterläden
hallt
gespenstisch
durch raum und zeit
das kind läuft
die treppe hinab
auf bloßen füßen
huscht hinaus
streckt die arme in den wind
vergisst
dass es hier nie zuhause sein wollte.
Zum Monatsthema: bilderschnee
Paula Röhm, *2013, Stuttgart. Schreibt seit zwei Jahren Gedichte und Kurzgeschichten und manchmal auch Melodien fürs Klavier. Die besten Gedanken kommen ihr, wenn sie hoch in den Himmel schaukelt. Schwimmt gerne Bahnen im Freibad und liest – am liebsten im Strandkorb an der Nordsee.
Variation von Rot
Mona Schlegel
Jahrgang 2010
Roter Schleier vor den Augen und Weiß an den Fingerknöcheln.
Unterdrücktes Zittern in gehetzten Bewegungen.
Kann nicht sitzen bleiben und weiß nicht, wohin mit mir.
Zische meinen Freund, den Computer vor mir an, weil er zu langsam hochfährt: „Fick dich.“
Etwas, das wie heiße Galle in mir aufsteigt.
Schnauze meine Mutter an, als sie ins Zimmer kommt.
Weiß wenigstens noch, dass ich unfair bin.
Kann es nicht ändern.
Ein Trost, der bitterer ist als die Galle.
Wut.
Und der winzige Teil in mir, der nicht schreit, fragt sich, warum nur?
Bin Banalitäten ausgeliefert wie Zunder einem Funken.
Doch diesmal wird mitten in das Feuer hinein etwas ebenso Rotes gestellt.
Verschreckt blickt mir eine Schale entgegen, in der die Sommer meiner Kindheit liegen.
Erdbeeren.
Das Zittern meiner Hand geht einher mit strauchelndem Atem.
Und bei geschlossenen Augen beginnt die Süße, mir Wut von den Lippen zu waschen.
Ich hätte nie gedacht, dass Rot auch Glück sein kann.
Zum Monatsthema: alles zerstört (version: ewigkeit)
Mona Schlegel, *2010, Kempen.
In Gedanken schreibt sie fast immer, verwirft aber vieles schon wieder, bevor es überhaupt Papier berührt. Seit 2022 schreibt sie mehr oder weniger regelmäßig Gedichte für lyrix, ansonsten Kurzgeschichten und Fragmente selbiger; einige Essays, Poetry Slams und Reden haben sich ebenfalls dazu verirrt.
nachts, als die eule nicht flog
Annika Schuler
Jahrgang 2011
sie ziehen vorbei
schnell, gefährlich, tödlich
laut, unglaublich
vorbei, immer vorbei
vorbei an mir.
sie beachten mich nicht
niemals
und doch bin ich da
immer.
im kalten zwielicht des schwindenden lichts
sitz ich da.
umgeben von
eiskalt, hart, unüberwindbar, totem
beton
ein hoffnungsschlucker.
dem kalten zwielicht des endenden lichts folgt die dunkelheit.
doch es ist hell, so hell, blendend
wie nichts.
ich verstehe nicht, wie sie das vertragen
trostlos und einsam
inmitten von vielen, von allen
so allein.
wie nichts, ziehen sie vorbei
versunken inmitten von leere.
einem gefängnis.
beton
ein hoffnungsschlucker.
im kalten zwielicht des kommenden lichts.
so selten, fast wie ein traum
ein leichter klang.
verweht.
ein lachen.
und wieder ziehen sie vorbei
schnell, gefährlich, tödlich
und doch
leise, so unglaublich tröstlich.
ein hoffnungsschimmer.
Zum Monatsthema: genadelt gerendert dirty
Annika Schuler, *2011, Garching. Sammelt Wörter, die schmecken wie Schokoladeneis. Hat eine Vorliebe für Tinte und verlässt selten das Haus ohne einen Schal. Anderenfalls versteckt sie sich hinter Büchern, verliert sich in fremden Welten, und ist den restlichen Tag damit beschäftigt sich selbst wieder zu suchen.
Die Jahresgewinner*innen in der Altersgruppe 15-20
Uninterpretiertes Licht
Ana-Theodora Bădoi
Jahrgang 2006
Wenn die Welt Anmut erwartet,
verwandle ich meinen Körper in eine Frage.
Ein bebendes Bourrée, gedacht für die Flucht,
wird eine Art zu bleiben—
mich an die Bühne zu klammern,
als könnte Holz Zweifel wiegen.
Kerzen, einst höfliche Lichtquellen,
werden zu kleinen Verschwörern,
die meinen Schatten in jemanden malen,
der ich nie zu sein wagte.
Schnee fällt aus den Scheinwerfern—
kein Winter,
sondern ein langsames Auflösen.
Er landet auf meinen Schultern
wie sanfte Anweisungen,
und ich schreibe sie mit Hitze um:
Ich schmelze, was frieren sollte,
friere, was brennen müsste.
Selbst die Rückhand-an-die-Wange-Geste,
choreografierte Reinheit,
verwandelt sich mitten im Bewegungsbogen
in ein Geständnis:
Ich bin nicht so zart,
wie es die Bewegung verlangt,
nur jemand, der gehalten werden will.
Das Orchester wollte mich nie
Begehren lehren,
doch jedes Crescendo
gleitet unter die Haut
wie ein ausgeliehener Atem.
Was mich heben sollte,
zieht mich tiefer.
Was mich zügeln müsste,
wird zum Hunger.
Mein Kostüm haftet wie ein Argument—
Tüll, gedacht für Unschuld,
nun geformt zu einer heimlichen Sprache
von Hüfte, Rippe, Wirbelsäule.
Ich benutze es falsch,
weil Richtigkeit mir nie gepasst hat.
In Nächten wie dieser
wird die Bühne zum Spiegel,
der sich weigert, mich so zurückzugeben,
wie andere mich sehen.
Hier ist mein sterbender Fall
keine Tragödie,
sondern eine Tür—
ein Weg, mehr zu werden
als das, was für mich geschrieben wurde.
Ich deute die Choreografie um
in etwas leicht Zerbrochenes,
leicht Wildes,
leicht mein Eigenes.
Jeder Sprung, der Flucht bedeuten sollte,
führt zurück ins Sehnen.
Jede Drehung, gedacht für Symmetrie,
findet ihr Scheitern im Verlangen nach dir.
Gefrorene Blumen fallen von oben:
Requisiten für Schönheit,
die ich an meinen Mund presse,
bis sie in Bedeutung übergehen.
Ihre Kälte
lehrt meine Lippen einen neuen Zweck—
Wärme zu erinnern,
bevor sie kommt.
Und wenn Anziehung auftritt—
nicht als Romantik,
sondern als Zufall,
als Ausrutscher auf Rosin,
als erschrockener Atem einer Tänzerin,
die den nächsten Schritt vergisst—
mache ich Choreografie daraus.
Lasse den Zufall dirigieren.
Lasse Fehlgebrauch Kunst werden.
Heute Nacht bin ich ein uminterpretiertes Ding:
ein Körper, der sich neu kennenlernt,
ein Schwan, der seinen Sturz umschreibt,
eine Bühne, die zur Haut wird,
ein Fehler, der zum Ritual aufblüht.
Zum Monatsthema: fenster auf kipp
Ana-Theodora Bădoi, *2006, Aachen. Schreibt, als würde sie Erinnerungen sezieren und wieder zusammensetzen – zart, schonungslos, fiebrig. Ihre Texte bewegen sich zwischen Liebe, Verlust und einer fast schmerzhaften Nostalgie, oft getragen von dichten Bildern und einer melancholischen, introspektiven Stimme. Gewinnerin eines jährlichen Lyrikwettbewerbs; ihre Arbeit kreist um intime Räume, flüchtige Begegnungen und das, was zwischen den Worten bleibt.
meine muttersprache ist verrat
Lilli Biller
Jahrgang 2005
meine mutter ist schweigsam
mühsam musste ich sie mir aneignen
meine sprache
mutter wollte nicht
dass ich sie spreche
vielleicht wusste meine mutter
von dem kommenden verrat
vielleicht wurde sie selbst zu oft verletzt
in ihrer sprache
vielleicht weiß sie
dass es eine gewalttat ist
etwas geschehenes in sprache zu übersetzen
und in eine weitere sprache
dann ist es dreimal passiert
vielleicht weiß sie nicht
dass es auch eine gewalttat ist
nicht in meiner muttersprache
über das geschehene sprechen zu können
allein übersetze ich mir deshalb
die letzten sechs monate
wenn ich schreibe steht in jeder leerzeile
das unübersetzte
meine muttersprache ahnt nicht
was mir in ihrer abwesenheit passiert ist
wie kann sie dann noch
meine muttersprache sein
Zum Monatsthema: dein inneres Licht, yo
Lilli Biller, *2005, Berlin. Studiert Literarisches Schreiben, Medien und Theater in Hildesheim. Ihre Prosa und Lyrik wurden beim Treffen junger Autor*innen 2023 und bei lyrix, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik 2025 und 2026 ausgezeichnet. 2025 war sie Finalistin des 33. Open Mike. Sie war Redaktionsmitglied der Bella triste, einer Literaturzeitschrift für junge Literatur.
dear diva version of me,
Swantje Bitterling
Jahrgang 2006
ich sehne mich nach dir
dieser Rohform meiner selbst
der zuversichtlich Zähnefletschenden
der boxenden spuckenden beißenden Prinzessin
dir, der der Boden unter den Füßen wächst, wohin du auch gehst
dir, die in einer mir abhanden gekommenen Eindeutigkeit fühlt
dir, der stets eine ganze Welt auf der Zunge liegt
du bist du bist du bist
einfach nur
du willst du willst du willst
einfach so
ich kann nicht ich kann nicht ich kann nicht
einfach sein
ich möchte ich möchte ich möchte
du sein
bittedanke
man reiche dir die fanta und die boxhandschuhe
du ziehst
deinen eyeliner in außenspiegeln
& immer durch
du kratzt
meinen namen in baumrinden
& anderen die augen aus
du hast
dreck in der lunge, unter den fingernägeln
& keine angst vor männern, keine angst im dunkeln
du rockst tigerstreifen und tüllkleid-lederjacken-combo
wie eine, die sich durch keine augen außer den eigenen sieht
du bist immer auf deiner seite
du denkst essen und körper nicht in zahlen
du wirst wütend, wenn ungerechtigkeit zuschlägt
nie knock out, da ist nur die wut
dear diva version of me,
call me if you have a minute
und sag mir:
wie verdammt überlebe ich in dieser welt?
Zum Monatsthema: Diva, Tata!
Swantje Bitterling, *2006, Limburg. Schreibt am liebsten auf Rückseiten und ist ständig im Schwimmbad. Sie mag pinke Kaugummis und hat in ihrem Leben so viele Softdrinks getrunken, dass sie selbst ganz soft geworden ist.
Analytischer Gesang
Julian Sebastian Fröhling
Jahrgang 2004
Vielleicht etwas, das aufsteigt. Vielleicht etwas, das absteigt, Tischlicht
als Licht auf dem Tisch. Kleine, versiegende Navigation. Dieser helle
Fleck, er kann die Form von Lanzen haben, Veilchen, Vätern – von mir aus
abstrahiert. Wo sitzt du da? Nicht dein Haar beschreiben! Nicht deinen Mund (zerküsster Knautsch).
Untergehen in den Bedeutungen, nicht einzelnen Worten. In sie lege ich Steine.
Das macht dich recht schwer, mein Findling, gehalten im Fluss des Bewusstseins.
Kitsch, wie nass meine Hände doch sind, eine Urszene, wie Taufen. Hier geht es nicht um
Abfluss, es geht um das Gegenteil von Verlust. Etwas, das aufsteigt, bin ich. Leicht gemacht
durchs Geistersuchen, geistig inbegriffen, innig wie Luft, die dich wieder und wieder durchfährt.
Vor Väter; der Vorstoß ins Herz, ohne Vorväter. Wenn du abspülst, sprich weiter. Du
hast ja einen Schatten. Du hast ja etwas, das es anzusehen gibt, neben den Lippen, beiden.
Zum Monatsthema: dein inneres Licht, yo
Julian Sebastian Fröhling, *2004, Leipzig. Studiert Germanistik und Linguistik. Veröffentlicht unter anderem in der Anthologie des Treffens junger Autor*innen 2021 und 2024. Die Lyrik wurde unteranderem ausgezeichnet mit dem Klopstockpreis für junge Lyrik 2023. Außerdem Veröffentlichung in mehreren Literaturzeitschriften, wie den Literarischen Blättern oder zwischentext.
Hannover, 28°
Christine Henne
Jahrgang 2005
großmutter hat blumen gebaut, bevor es mich gab
in städten kälter als hier, mit längeren wintern, dünneren wänden
großmutter gesteht, sie will persephone
nichts böses
sie zeigt mir den schuhkarton mit werkzeug
kleine seidenquadrate, draht, nadeln
und wir diskutieren die beste art, blüten zu färben
wie tinte erwerben, die nachts nicht gefriert
großmutter säht und webt und klebt stoff
der riecht
wie ein winter, der mich versucht
aber nicht kriegt
ich presse meine lippen gegen glühendes eisen
wäge ab, wie enkelluft wörter trägt
gib mir hundert jahre und eine schublade, eine verwucherte gleichung
x der radius, in dem man meinen wolkenschloss-frühling versteht
Zum Monatsthema: Wer reist weiß nichts von Orten
Christine Henne, *2005, Trebur. Zuhause zwischen Hemisphären und vor allem in Flughäfen und Bushaltestellen. Als Souvenirs entrinnen dem Liminalraum, hin und wieder, Worte, Bilder und Cocktailrezepte.
Die Aus(sen)sicht
Katharina Könneke
Jahrgang 2008
Schade, Nasser
Schales Wasser
Klamm klebt, still lebt,
Wie Kaugummi, an Pfahl
Ein Goldfisch treibt
Durch den „Fressnapf“-Polyethylen-Wald
Reibt von Zeit zu Zeit sein Haupt
Gegen einen Stein, „Nemo“, kalt 20€
Staub wird Schimmel, Schimmel schlimmer
Sphaerotilus natans, hat Nachbar Nathan gesagt
Nachbar Nathan ist nie da
Nur das Schild, „Bodelschwinghs Beste Bockwurst“
Wächst dem Fisch an die Augen
Während die Lunge in der Leere treibt
Leiser Schlager angestimmt
Aus dem Retro-Radio siecht
In der Aussicht verschwimmt
Wie Schade! Nasser
Schales Wasser
Klamm lebt, kraus klebt Haare
Nur Nathan sitzt in der Dusche
Passiv auf der Suche
Kalt-faltiges, kalk-haltiges, 20€
Mäandern auf seiner Epidermis
Er kaut genüsslich seinen Herpes
Hält seine Hand hin und wieder an die Wand
Verbleibt mit seiner Wange
bei der Polystyrol-Handtuchstange
Das Silikon souffliert aus der Flasche, fixiert
Nur das Etikett „Raquel-la vie belle-
repariert und reduziert“ ihn anstiert
Er wartet, bis die Tropfen
Und der Hopfen, das Hoffen
Ersoffen, während er
Ballermanballaden riecht
Nathan, auf allen Vieren
Im Rückblick in Shampooschlieren
Verfliegt
Zum Monatsthema: die sonne im wasser zufällig großzügig
Katharina Könneke, *2008, Dortmund.
Z u – H a u s e . T o u r
Philipp Metzler
Jahrgang 2008
Ich
wache
auf
auf dem TEPPICHKONTINENT,
krümel / gebirge / brotstaub /
und irgendwer singt im staubsauger: halleluja elektrolux!
steckdosen glühen
flüstern im 230-volt-dialekt
„bleib wach, reisende*r der wohnung“
lampe = sonne.
bad = ozean aus fliesen.
ich = navigator im handtuchmantel.
(da! die fliesen ordnen sich zu landkarten
von zahnpastakolonien)
im spiegel wohnt jemand,
der mich gerade beobachtet,
aber anders atmet.
kühlschrankmönch murmelt:
„Ommmmmmm… milch ist wahrheit in weißem gewand“
ich öffne ihn –
LED-polarlicht!
käseplanet!
ein apfel rotiert in seiner umlaufbahn aus langeweile.
flur = zeittunnel aus schuhen
(wer hat hier schritte abgelegt?)
die decke klebt voller gestern,
die wände summen von montag.
fenster springt auf –
das haus zieht luft
wie eine riesige lunge aus beton.
„ich bin dein universum in quadratmetern“
haucht es –
und atmet mich ein.
und ich?
ich bin kein gast.
kein besucher.
ich bin das wohnende wesen.
das haus träumt mich.
Zum Monatsthema: Wer reist weiß nichts von Orten
Philipp Metzler, *2008, Köln
ich kann
Mily Meyer
Jahrgang 2004
ich kann einen ball über deinen zaun schießen
i can shoot
mit diesem schuh gegen den himmel
ich kann mit langen fingern die roten äpfel
i can steal from your grandma
die roten äpfel mit langen fingern
ich kann das essen versuchen
i can try
mich durch deinen kehlkopf zu beißen
ich kann vergeben
i can forgive
dem sauren regen mit anderen körperflüssigkeiten
ich kann traurig sein und mich betrachten lassen
i can be angry
mit einem paar augen das in mir wohnt
ich kann meinen rock zerreißen bevor andere es tun
i can rip my skirt in half
für eine decke im schlaf
ich kann rot werden
i can blush
vom faustgroßen durchblutungswahnsinn
ich kann tanzen im club zu meinem eigenen schlag
i can dance in a ribcage
bassrippe reiß mich
ich kann dein kind unterm herzen tragen
i can kick and bleed
bis zum verschwenden deiner schönen gene
ich kann deinen puls fühlen
i can take your pulse
zwischen zwei fingern das beben fest drücken
ich kann dir die hilfe verweigern
i can be needy
und dabei einen krater zwischen uns schlagen
die gleichzeitigkeit verknotet mir die schnürsenkel im hinterhalt meiner blinden rage sieht nicht wo die trauer in ihr rücklings überwältigungsversuche unternimmt doch die kürzungen die kürzungen treffen auch ihre langen schritte durchs unterholz deines dichten waldes ohne licht im dunkeln hebe ich an die axt mit der ich die früchte deiner harten arbeit köpfe für ein abendbrot zwischen den wurzeln die nasse erde an meinen sohlen am tatort wird man mich finden und mir unrecht tun
ich kann meine hoffnung verlieren
i can lose
kniend am rand deines bettes bitte
ich kann treten mit aufstieg verwechseln
i can climb the ladder
um einen spuckefaden von ganz oben über dir
ich kann meine stimme verlieren
i can —
zwei oktaven tiefer mit deiner ersetzen zum besseren verständnis
ich kann sie erheben
i can lift heavier
und du tust was ich sage
Zum Monatsthema: alles zerstört (version: ewigkeit)
Mily Meyer, *2004, Nürnberg. Studiert Freie Kunst an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg. In ihren Gedichten beschäftigt sie sich mit den (Un-)Freiheiten des Lebendigseins. Sie nutzt Sprache für Ambivalenzen, Mehrdeutigkeiten und ihre Widerstände. Zuletzt war sie Preisträgerin des Kloppstockpreises 2024 und Teilnehmerin des Treffen junger Autor*innen 2020 und 2024.
Gasbläschen
Charlotte Obenaus
Jahrgang 2005
Mutter knackt ihre Finger, einen nach dem anderen,
als würde sie den Rosenkranz beten.
Wenn sie auf ihren Daumen drückt und er dumpf knirscht,
wünscht sie sich vielleicht einen anderen Namen.
Das Gefährliche beim Übersetzen ist die Lücke
zwischen Boot und Steg.
Wenn Mutter schweigt und ich mir den Rest denke,
falle ich kopfüber in den See, den niemand auf die Karte setzt.
Ich glaube an den Gott, der hört, wenn Gasbläschen platzen,
und weiß, was damit gemeint ist.
Zum Monatsthema: dein inneres Licht, yo
Charlotte Obenaus, *2005, Leipzig. Studiert Philosophie (professionalisiert das Zweifeln). Denkt noch oft an Paris. Schreibt Lyrik, Kurzprosa und Briefe, für die sie jedes Mal eine einzelne Briefmarke beim Postamt holt. Texte in der Anthologie des Treffens junger Autor*innen 2025, in den lyrix-Anthologien der zwei vorherigen Jahrgänge und in sechs schwarzen Tagebüchern (das mit den Traumprotokollen ist dunkelgrau).
✦ WER REIST, WEISS NICHTS VON ORTEN ✦
Finn Paul Ridinger
Jahrgang 2007
(oder: ich war nie dort, wo ich war)
noch 19 tage
00 stunden
55 minuten
07 sekunden
bis ich begreife: ich bin kein körper in bewegung, ich bin ein ort im umlauf. eine umlaufbahn aus heimweh, eine postkarte an mich selbst.
die straßen —
vibrieren wie erinnerungen,
wie schlecht kopierte träume,
wie städte,
die nur in bildern existieren.
ich gehe
und bleibe
und gehe
und bleibe
und bleibe
und bleibe.
du bist schon hier gewesen.
du wirst wiederkommen.
du warst nie weg.
ein bus fährt
und plötzlich bin ich
in paris / prag / pforzheim / parallelen.
er riecht nach
heimat und koffein,
nach flucht,
nach irgendwohin, nur nicht hierher.
eine pfütze = tokio.
ein hund = portugiesisch.
eine bäckerin = lissabon.
ich =
sprachlos,
aber nickend,
weil nicken universell ist.
wasser aus dem hahn schmeckt nach meer.
salz.
chlor.
zeit.
heimweh,
in leitungsdruck serviert.
„wo wohnst du?“
ich sag:
im übergang.
zwischen gestern und gleich.
zwischen postleitzahl & puls.
zwischen bleiben wollen
und los müssen.
meine straßen heißen anders,
wenn ich sie mit urlaubsaugen sehe.
das altglas klirrt = applaus.
die wolken hängen = wäsche über rom.
der asphalt = haut.
meine füße = fremde.
reise ist illusion.
reise ist repetition.
reise ist
eine postkarte
ohne absender.
eine richtung
ohne ziel.
ich laufe los —
und bleibe.
wer reist,
weiß nichts von orten.
wer bleibt,
weiß nichts vom gehen.
und ich?
ich bin der wind
dazwischen,
der sich manchmal
an seine richtung erinnert.
Zum Monatsthema: Wer reist weiß nichts von Orten
Finn Paul Ridinger, *2007, Kuppenheim. Schreibt, um Unruhe sichtbar zu machen – zwischen Gesellschaft, Sprache und dem, was oft unausgesprochen bleibt. Seine Texte sind tastend, direkt, manchmal unbequem und suchen nach Haltung in einer lauten Gegenwart. Er arbeitet an Lyrik, Prosaskizzen und gesellschaftskritischen Formaten. Neben dem Schreiben engagiert er sich für Menschen, die von Ausgrenzung betroffen sind.
von beileidsbekundungen bitte ich abzusehen
Katharina Scheipner
Jahrgang 2005
wenn nachts die füchse in die stadt kommen und ich allein mit ihnen bin, erzähle ich ihnen all meine geheimnisse. ich berichte ihnen von der erkenntnis, dass er nicht zurückkommen wird und dass ich liste führe über alle ereignisse, die mich von der idylle getrennt haben. die meisten leute sind mir fremd geblieben; er nicht. ich verrate ihnen seinen namen und sie tragen ihn fort, bringen ihn in den wald, um diskretion bemüht. morgen werden sie hinter den müllcontainern eine séance abhalten und flüsternd darüber beraten, wie man mich trösten kann.
Zum Monatsthema: genadelt gerendert dirty
Katharina Scheipner, *2005, Leipzig. Studiert, lebt und demoralisiert in Leipzig. Wohnt zwischen einem russischen Nagelstudio und einem Friedhof und leidet an dem Mangel eines Südfensters. Ist auf der Suche nach einem offiziellen Stammcafé und einem Verb für „ins Kinogehen“ (Vorschlag: kinieren). Nennt ihr Tagebuch lieber „die Memoiren“. Sieht das Schreiben sowohl als Schierlingsbecher als auch als Gegengift.
ik ben vergeten
Fanny Walger
Jahrgang 2004
ich bin zum ersten mal schön.
ich stopfe neue worte
in den kopf, um zu vergessen
wie ich hieß, so wie mein vater
die namen meiner freunde nicht mehr weiß.
abfahrt in bad hersfeld, 18.56 uhr.
diese schienen gebären einen
solange man dort nicht stirbt
und die sonne scheint über kassel-wilhelmshöhe.
ich werde doch im juli älter.
ich trug namen, von denen habe ich
meinem vater nie erzählt
trug namen nur zum übersommern.
ich lösche alle fotos auf meinem telefon
freiburg, wien, berlin-charlottenburg
ich plane, von niemandem gekannt zu werden
das hat mit reue nichts zu tun.
ich lese über tod tod tod
immer auf der suche
aber ich hab das im griff
leipzig hauptbahnhof, hier lässt es sich
sicher einmal gut verlieren.
mein vater weiß nicht mehr, ob ich ihn liebe.
ich schreibe zum abschied
über die nabelschnur und vergesse dann
dass ich zur welt gekommen bin.
ich bin zum ersten mal
Zum Monatsthema: Der zumindest nach oben offene Himmel
Fanny Walger, *2004, Leipzig. Nach längerer Verwicklung in einen Psychologiebachelor lebt Fanny nun in Leipzig, lernt dort Fremdsprachen und studiert am Deutschen Literaturinstitut. Fanny Walger veröffentlichte Lyrik und Prosa in Anthologien und Magazinen. Fanny ist außerdem Gründungsmitglied des Lyrikkollektivs stieglitz und hat einmal innerhalb von einer Minute in Kassel-Wilhelmshöhe das Gleis gewechselt.

Die Gedichte des Jahrgangs 2026
Alle ausgezeichneten Texte der lyrix-Preisträger*innen 2026 findet ihr hier als PDF:
Broschüre der 18. Wettbewerbsrunde (PDF)