Manchmal steht vor einer Entscheidung kein langes Nachdenken, sondern ein kurzer Satz. Ein Impuls. Zwei oder drei Wörter, die antreiben, ermutigen, drängen. „Just do it.“ – Tu es einfach! Handle. Zögere nicht. Der Satz klingt leicht, fast befreiend. Doch was geschieht, wenn Handeln nicht folgenlos bleibt? Wenn aus einem Moment eine Konsequenz wird und aus einem Impuls Verantwortung, vielleicht sogar Schuld?
In diesem Monat geht es um Schuld, Verantwortung und den Moment des Handelns: um das Verhältnis zwischen Tun und Nachdenken, zwischen Entscheidung und Reue, zwischen dem, was wir im Augenblick für richtig halten, und dem, was wir später darüber denken.

„Just do it“: ein Satz als Antrieb
Der weltbekannte Nike-Slogan „Just do it“ wirkt wie eine motivierende Aufforderung: Wage es. Probiere es. Handle. Doch seine Entstehungsgeschichte ist düsterer, als viele vermuten. Der Satz geht – in veränderter Form – auf die letzten Worte eines zum Tode verurteilten Mannes zurück. Aus einem Satz am Rand des Lebens wurde ein globaler Werbespruch. Diese Herkunft wirft Fragen auf: Wie verändern sich Worte, wenn sie ihren Kontext wechseln? Was passiert, wenn ein Satz, der einst mit existenzieller Bedeutung verbunden war, zum Motor für Konsum und Leistungsdruck wird? Und wie viel Verantwortung tragen wir für die Worte, die wir weitertragen oder nachsprechen? Hier könnt ihr den Hintergrund zum Slogan nachlesen.
Ben Lerner – „Ich würde es wieder machen.“
Auch in unserem Monatsgedicht von Ben Lerner steht eine Handlung im Zentrum oder genauer: die Behauptung einer Handlung. Immer wieder heißt es: „Ich hab’s gemacht.“ Der Text reiht unterschiedliche Motive und mögliche Gründe aneinander: für Geld, für die Kinder, aus Gelegenheit, aus Schwäche, aus Gleichgültigkeit. Das „Machen“ bleibt dabei auffallend unbestimmt. Wir erfahren nicht genau, was getan wurde. Gerade dadurch verschiebt sich der Fokus: Nicht die Tat steht im Vordergrund, sondern die Haltung zu ihr.
Am Ende heißt es: „Ich würde es wieder machen.“ Dieser Satz kann als Trotz gelesen werden oder als Selbstrechtfertigung. Vielleicht ist er auch ein Zeichen von Verdrängung. Vielleicht von Konsequenz. Das Gedicht legt sich nicht fest. Es stellt vielmehr die Frage, wie wir über unser eigenes Handeln sprechen und ob Wiederholung eine Form der Entschuldigung, der Verhärtung oder der Ehrlichkeit sein kann.
Eure Schreibaufgabe im März:
Schreibt ein Gedicht über eine Handlung: etwas, das „gemacht“ wurde oder hätte gemacht werden können. Überlegt dabei, wie ihr mit Verantwortung umgeht: War es eine spontane Entscheidung? Wurdet ihr von einem Satz, einer Erwartung oder einer Stimmung beeinflusst? Bereut ihr es oder steht ihr dazu? Würdet ihr es wieder machen?
Ihr könnt in eurem Gedicht mit inneren Monologen, Rechtfertigungen, Zweifeln oder klaren Positionen arbeiten. Vielleicht steht ein Satz am Anfang wie ein Impuls, der alles ins Rollen bringt. Vielleicht steht am Ende ein Satz, der alles infrage stellt. Euer Gedicht darf offen bleiben, widersprüchlich sein, schuldig klingen oder selbstbewusst wirken. Viel Spaß dabei, aufzuschreiben, was ihr getan habt und wie es euch dabei ging!
Ich habs für die Kinder gemacht. Ich habs für Geld gemacht.
Ich habs für die Schwächung des Geistes gemacht und das Beenden der Hoffnung.
Ich habs gemacht, weil es machbar war, weil es da war.
Ich würde es wieder machen. Oops, I did it again.
Was hab ich gemacht? Was hab ich gemacht,
dass mir dies geschieht? Was hab ich mit meinen Schlüsseln gemacht,
meiner Jugend? Was werde ich machen,
während du im Tenniscamp bist? Was sollen wir
mit dem Körper machen? Ich mach nicht in Koks. Ich mach nicht
die Klos. Ich mach mich nicht gut in der Schule. Ein Bad
machte sich gut. Was ich mit andern mache:
verletzende, lobenswerte, nachgemachte Sachen.
Lass uns Reis machen einfach. Mach einfach, was ich sage. Machs mir einfach.
Machs mit. Machs besser. Gemacht.
aus: Ben Lerner, No Art. Poems / Gedichte. Englisch und deutsch, aus dem amerikanischen Englisch von Steffen Popp. In Zusammenarbeit mit Monika Rinck, Suhrkamp Verlag – Berlin 2021
Über Ben Lerner

Ben Lerner wurde 1979 in Topeka, Kansas, geboren. Als Schüler war er US-Meister im Debattieren. Lerner ist Autor mehrerer Romane, Gedichtbände und Essays sowie verschiedener kollaborativer Arbeiten, u. a. zusammen mit Alexander Kluge. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter das Guggenheim Fellowship und das MacArthur Fellowship. Er ist Professor für Literatur am Brooklyn College und lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in New York City.