Ich würde es wieder machen.

[[deadline:2026-03-31 24:00:00]]

Kennt ihr das? Ihr sagt etwas und später sagt ihr es noch einmal. Vielleicht, weil euch niemand gehört hat. Vielleicht, weil es euch wichtig ist. Vielleicht, weil ihr merkt, dass es beim zweiten Mal anders klingt als beim ersten. Genau darum geht es in diesem Monat bei lyrix: Wir wollen ausprobieren, was passiert, wenn ein Satz in einem Gedicht immer wieder auftaucht – und sich dabei Stück für Stück verändert.

Wiederholungen sind überall: in Gesprächen („Hab ich doch gesagt!“), in Liedern mit Ohrwurm-Refrain, in Trends auf Social Media, in Spielen, die wir „noch einmal“ starten. Manchmal wiederholen wir etwas aus Versehen. Manchmal mit Absicht. Und manchmal merken wir erst später, was diese Wiederholung eigentlich bedeutet.

Farnblätter, Foto von Lesley Davidson auf Unsplash

 

Muster, die sich selbst wiederholen
In der Natur gibt es Formen, die sich selbst ähneln: Ein Farnblatt sieht aus wie viele kleine Farnblätter. Ein Romanesco-Blumenkohl besteht aus vielen kleinen Türmchen, die wieder wie der ganze Kopf aussehen. Eine Spirale taucht in Muscheln, Stürmen und Galaxien auf. Solche Muster nennt man Fraktale: Strukturen, in denen sich etwas wiederholt, aber nie ganz gleich bleibt. Es ist immer ähnlich und doch ein bisschen anders. Lest gerne hier etwas mehr dazu nach.

Vielleicht kann ein Gedicht genauso funktionieren: Ein Satz kehrt zurück wie ein Muster. Doch jedes Mal verändert er sich leicht. Die Umgebung ist anders. Und plötzlich hat derselbe Satz eine neue Bedeutung.

Ein Satz, der immer wiederkehrt – Ben Lerner
In unserem Monatsgedicht von Ben Lerner dreht sich alles um das Wort machen. Der Satz „Ich hab’s gemacht“ taucht immer wieder auf. Jedes Mal in einem anderen Zusammenhang. Mal klingt er entschuldigend, mal trotzig, mal komisch, mal ernst. Und schließlich heißt es: „Ich würde es wieder machen.“ Doch was genau wurde eigentlich gemacht?War es etwas Gutes? Etwas Peinliches? Etwas Gefährliches? Etwas Alltägliches? Das Gedicht gibt keine eindeutige Antwort. Stattdessen zeigt es, wie ein einziger Satz durch Wiederholung immer neue Bedeutungen annehmen kann. Die Worte bleiben fast gleich, aber ihr Klang, ihr Gewicht und ihre Wirkung verändern sich. Wie bei einem Fraktal: gleich und doch anders.

Eure Schreibaufgabe im März:
Schreibt ein Gedicht, das mit einer Wiederholung arbeitet. Wählt einen Satz, der in eurem Gedicht mehrmals vorkommt. Das kann etwas Alltägliches sein („Ich hab’s nicht so gemeint.“), etwas Lustiges („Oops, ich hab’s wieder getan.“) oder etwas Ernstes („Ich würde es wieder machen.“). Wichtig ist: Mit der Wiederholung verändert sich etwas. Vielleicht ändert sich die Stimmung. Vielleicht bekommt der Satz eine neue Bedeutung. Vielleicht wird er immer leiser oder immer lauter.

Dabei könnt ihr ausprobieren:
Wird der Satz mit jeder Wiederholung stärker oder schwächer?
Bleibt er gleich oder verändert ihr einzelne Wörter?
Wird aus einem harmlosen Satz plötzlich etwas Unheimliches?
Oder aus etwas Peinlichem etwas Mutiges?

Wir sind gespannt auf eure Gedichte, in denen ein einziger Satz große Wirkung entfaltet.

Ben Lerner

Ich habs für die Kinder gemacht. Ich habs für Geld gemacht.
Ich habs für die Schwächung des Geistes gemacht und das Beenden der Hoffnung.
Ich habs gemacht, weil es machbar war, weil es da war.
Ich würde es wieder machen. Oops, I did it again.

Was hab ich gemacht? Was hab ich gemacht,
dass mir dies geschieht? Was hab ich mit meinen Schlüsseln gemacht,
meiner Jugend? Was werde ich machen,
während du im Tenniscamp bist? Was sollen wir

mit dem Körper machen? Ich mach nicht in Koks. Ich mach nicht
die Klos. Ich mach mich nicht gut in der Schule. Ein Bad
machte sich gut. Was ich mit andern mache:
verletzende, lobenswerte, nachgemachte Sachen.

Lass uns Reis machen einfach. Mach einfach, was ich sage. Machs mir einfach.
Machs mit. Machs besser. Gemacht.

aus: Ben Lerner, No Art. Poems / Gedichte. Englisch und deutsch, aus dem amerikanischen Englisch von Steffen Popp. In Zusammenarbeit mit Monika Rinck, Suhrkamp Verlag – Berlin 2021

Über Ben Lerner

Ben Lerner, Scuola Holden, CC BY 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by/3.0

Ben Lerner wurde 1979 in Topeka, Kansas, geboren. Als Schüler war er US-Meister im Debattieren. Lerner ist Autor mehrerer Romane, Gedichtbände und Essays sowie verschiedener kollaborativer Arbeiten, u. a. zusammen mit Alexander Kluge. Er hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, darunter das Guggenheim Fellowship und das MacArthur Fellowship. Er ist Professor für Literatur am Brooklyn College und lebt mit seiner Frau und den beiden Töchtern in New York City.

Video-Clips zum Monatsthema:
Gedicht-Lesung und Mini-Interview mit Sirka Elspaß zum Gedicht von Ben Lerner

Sirka Elspaß liest Ben Lerner, [Ich habs für die Kinder gemacht.]
3 Fragen an: Sirka Elspaß