Zwischen Gut und Böse

Die Jury hat entschieden!

Im September bewegt sich lyrix „zwischen Gut und Böse“. Kann man überhaupt definieren, was gut und was böse ist? Sind wir entweder gut oder böse oder sind wir nicht vielmehr etwas „dazwischen“? Wie sieht er aus, dieser Zwischenraum? Für unser Thema hat Georg Bydlinski eigens das Gedicht „Zwischenvers“ verfasst. Ebenso könnt ihr euch von drei Exponaten aus dem Rheinischen Landesmuseum, dem Museum am Dom und dem Stadtmuseum Simeonstift in Trier rund um den römischen Kaiser Nero inspirieren lassen. Auch Nero – Kaiser, Künstler, Tyrann – bewegte sich zwischen Gut und Böse.

Zwischenvers

Georg Bydlinski

Überall
verzweckte Gebäude
mit genormten Türen und Fenstern

Sich Räume schaffen
dazwischen:
Atemraum
Denkraum

Dahinterkommen
dass du nur dazwischen
du selbst werden kannst

nicht vereinnahmt
facettenreich
frei

In den Zwischenräumen wachsen
wie ein Baum auf einer Lichtung

In den Zwischenräumen
tanzen und träumen

(für lyrix geschrieben)

Ist ein vegetarischer Löwe, der kranke Zebras pflegt, ein guter Löwe? Was oder wer „gut“ ist, hängt immer vom großen Ganzen ab, muss zum Wesen passen und unterliegt wechselnden gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Von uns wird erwartet, dass wir gut sind. Dabei spielt es eine große Rolle, was wir selbst, aber auch unsere Familie, Freunde, Umfeld, Gesellschaft als „gut“ definieren. In jedem Falle bedeutet „gut sein“ zu einem größeren Ganzen zu passen. Zu sich selbst und zu anderen. Sich für „gut“ oder „böse“ zu entscheiden, hat also viel mit (Selbst-)Erkenntnis zu tun. Wenn es anscheinend die Norm ist, gut zu sein, was ist dann „böse“ und wann ist jemand böse? „Böse sein“ wird meistens mit Zerstörung assoziiert. Wenn das Gute Bindungen zusammenhält, für Liebe und Gerechtigkeit steht, ist das Böse sein Gegenspieler, der diese Bindungen aufzulösen versucht. Wer böse ist, will anderen Schaden zufügen, sie in Versuchung führen, sie manipulieren, stellt seine eigenen Interessen über alles andere.

Wenn Gut und Böse Kategorien sind, die wir vereinbart haben, heißt das im Umkehrschluss, dass sie relativ sind? Kann dann nicht jeder selbst entscheiden, was nach seiner Moralvorstellung „gut“ und „böse“ ist? Besonders Religion, Kultur und Philosophie haben immer wieder versucht, allgemeingültige Definitionen für Gut und Böse festzulegen. Und das macht auch Sinn, vereinfachen sie doch unser Zusammenleben auf dieser Welt. Eine Frage, die uns in diesem Zusammenhang immer noch bewegt: Ist der Mensch von Natur aus gut, böse oder weder noch? Gut und Böse sind nicht nur Antagonisten, sie bedingen sich auch. Das eine gibt es nicht ohne das andere. So trägt auch jeder sowohl das Gute als auch das Böse in sich. Und nicht das Schicksal – oder gar der Teufel – ist schuld, wenn wir etwas Böses tun, sondern wir mit unserem eigenen Willen und unserer Entscheidungsfähigkeit sind dafür verantwortlich. Letztendlich ist es Goethes Faust, der sich entschließt, etwas Böses zu tun, nicht Mephisto, der ihn zwingt.

Um genau diesen Zwischenraum, das Austarieren, das Hin und Her zwischen Gut und Böse geht es bei unserem Thema. Um die Erkenntnis, dass es vielleicht das „Dazwischen“ ist, was uns ausmacht. Oder wie Georg Bydlinski in seinem Text „Zwischenvers“ schreibt:

Dahinterkommen
dass du nur dazwischen
du selbst werden kannst

Gibt es für euch eine klare Trennung zwischen Gut und Böse? Oder bewegen wir uns nicht vielmehr permanent in einem „Dazwischen“? Wie genau sieht es aus in dem Raum „zwischen Gut und Böse“? Wann seid ihr gut, wann böse, wann beides? Spürt ihr Gut und Böse manchmal als zwei magnetische Kräfte, die an euch ziehen? Fühlt ihr euch manchmal vom Bösen verführt? Zum Guten gezwungen? Sind die Kategorien Gut und Böse überhaupt noch zeitgemäß?

Wir sind gespannt, wie ihr „Zwischen Gut und Böse“ interpretiert und freuen uns auf eure Texte im September!

Die Jury hat entschieden!

Georg Bydlinski

Georg Bydlinski
1956 in Graz geboren, studierte Anglistik/Amerikanistik und Religionspädagogik an der Universität Wien (Mag. phil.) und ist seit 1982 freier Schriftsteller. Er schreibt Lyrik und Prosa für Kinder und Erwachsene, hat mehr als 80 Bücher veröffentlicht und über 5000 Lesungen und Schreibwerkstätten im ganzen deutschen Sprachraum gehalten. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Staatspreis für Kinderlyrik, den Österreichischen Kinderbuchpreis und den Friedrich-Bödecker-Preis. Auch seine beiden Hobbys – Musik und Fußball – hat er in den beruflichen Bereich einfließen lassen: Bydlinski umrahmt seine Lesungen mit eigenen Liedern zur Gitarre, und er hat im österreichischen Autoren-Fußballnationalteam als Libero mitgewirkt. Er war langjähriges Vorstandsmitglied der IG Autorinnen Autoren und lebt mit seiner Familie in Mödling.

Letzte Buchpublikationen: Georg Bydlinski. Podium Porträt. Neue Gedichte und ausgewählte Kinderlyrik (Podium, Wien 2016), Tobi und sein Ball. Bilderbuch (G&G, Wien 2016), Wir träumen uns ein Land. Reime und Geschichten (Tyrolia, Innsbruck 2016). Anlässlich seines 60. Geburtstags erschien Ende Mai 2016 der umfangreiche Band Wann Worte wichtig sind. Georg Bydlinski und sein Werk für Kinder und Erwachsene, hrsg. v. Inge Cevela, in der Literaturedition Niederösterreich.

Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann

Kaiser, Künstler, Mörder, Wohltäter – kaum ein römischer Kaiser hat ein so zwiespältiges Bild hinterlassen wie Nero.

Nero war vom Jahr 54 bis 68 n. Chr. Herrscher des Römischen Reiches. Beim Volk war er durch seine Großzügigkeit lange Zeit sehr beliebt. Mit Getreidespenden und Spielen versicherte er sich der Gunst der römischen Bürger. Bei den Politikern war er verhasst. Seine übermäßige Liebe für Luxus und Kunst fand die römische High Society unrühmlich und peinlich. Neros Intrigen kosteten viele seiner Gegner das Leben. Selbst vor seiner eigenen Familie machte er nicht Halt. Er tötete seine Mutter, und auch seinen Stiefbruder und seine Frau soll er auf dem Gewissen haben. Als grausam und verrückt ging er in die Geschichte ein.

Gerüchte und Legenden prägen bis heute das Bild Neros. Aber wer war der Mensch zwischen all den politischen Machenschaften und der Macht der öffentlichen Meinung? Drei große Ausstellungen in Trier gehen der Frage nach, wer Nero wirklich war – zwischen Gut und Böse.

Die Nero-Ausstellungen im Rheinischen Landesmuseum, Museum am Dom und Stadtmuseum Simeonstift Trier sind noch bis 16. Oktober 2016 zu sehen.

nero-ausstellung.de

Kopf und Arm einer Nerostatue
Bronze. – 64-68 n. Chr.
Musée du Louvre, département des Antiquités grecques, étrusques et romaines, Paris
zu sehen im Rheinischen Landesmuseum Trier

Es war ein guter Start, als Nero mit 16 Jahren die Herrschaft über das Römische Reich übernahm. Die Menschen liebten ihren neuen Kaiser, denn er veranstaltete viele Spiele, ließ ein Amphitheater, eine Badeanlage und einen Lebensmittelmarkt in Rom erbauen und verschenkte Geld und Getreide. Antike Geschichtsschreiber bezeichnen die ersten Jahre sogar als ‘Goldene Zeit’. Im ganzen Reich wurden Statuen zu Ehren Neros aufgestellt. Nur wenige haben sich erhalten. Besonders selten sind Bildnisse aus dem wertvollen Metall Bronze. Dieser Kopf und Arm gehörten zu einer lebensgroßen Statue des Kaisers.

Im Laufe der Zeit kümmerte sich Nero immer weniger um seine Kaiserpflichten. Vielmehr begeisterte er sich für Dichtung, Schauspiel und Musik. Dies äußerte sich auch in einer neuen, lässigen Frisur, ähnlich der von Künstlern: Das Bildnis zeigt ihn mit etwas längeren und leicht lockigen Haaren. Das einfache Volk bejubelte Neros Auftritte, doch Politiker und Soldaten sahen darin ein peinliches Fehlverhalten. Seine Kunst und zahllose Vergehen kosteten ihn am Ende die Herrschaft und das Leben.

Von den einen geliebt, von den anderen verachtet… Die Zeit war noch nicht reif für einen Künstler auf dem Kaiserthron.

Kopf und Arm einer Nerostatue, Foto: Rheinisches Landesmuseum Trier, Th. Zühmer

So genannter Spottkruzifix, Rom, 2. Jahrhundert n. Chr., Rom Antiquarium Palatin, Inv.-Nr. 381403
zu sehen im Museum am Dom Trier

Das Bild, das wir heute von Nero haben, ist vor allem von den christlichen Autoren geprägt, die kein gutes Haar an diesem Kaiser gelassen haben. Dabei war er rein objektiv betrachtet nicht wirklich viel schlimmer als andere Kaiser vor und nach ihm. Allerdings war er der erste Kaiser, der die Christen verfolgen ließ.

Dass die frühen Christen ihren Mitmenschen suspekt waren, kann man besonders schön an einem antiken Graffiti sehen: ein Gekreuzigter mit Eselskopf, daneben ein kleines Männchen und eine Inschrift, die besagt „Alexamenos betet zu seinem Gott“. Der Esel steht in der Antike für den Liebeswahn – eine der vielen Eigenschaften, die man den Christen, neben Inzucht und Kannibalismus vorgeworfen hat. Wie auch häufig heute noch, machte das Fremde den Menschen oft Angst und führte zu wilden Verdächtigungen und Gerüchten. Im schlimmsten Fall wurde/wird daraus Verfolgung und Gewalt. Aus Frömmigkeit wurde religiöser Eifer und aus Angst Intoleranz.

Spottkruzifix, 2. Jh. n. Chr., Rom, Antiquarium Palatin

Emilio Gallori, Nero als Frau verkleidet, 1873, Gips,
Gallerie degli Uffizi, Galleria d`Arte Moderna di Palazzo Pitti, Florenz, Inv. Nr. depositi 622
zu sehen im Stadtmuseum Simeonstift Trier

Nero war nicht nur Kaiser, seine wahre Leidenschaft galt der Bühne. Er liebte es, als Sänger und Schauspieler im Rampenlicht zu stehen – zum Vergnügen des Volks und zum Ärger der eigenen Familie, die sich dafür schämte.

Der italienische Bildhauer Emilio Gallori zeigt Nero hier in einer seiner Paraderollen: als Frau kostümiert, in einem Damenkleid mit Ohrringen. Frauenrollen wurden im römischen Theater traditionell von Männern gespielt. Dass der Kaiser persönlich aber eine Dame mimte, fanden manche Leute peinlich. Vor allem, weil Nero sich auch im Privatleben gerne als Frau gekleidet haben soll. Er war transsexuell, würde man heute sagen. Damals war das noch ein unglaublicher Skandal.

Mann oder Frau, Kaiser oder Künstler… oft steht man im Leben zwischen den Erwartungen anderer, die von allen Seiten an einem zerren.

Emilio Gallori, Nero als Frau, Galleria d‘ Arte Moderna, Florenz
Rheinisches Landesmuseum Trier

Rheinisches Landesmuseum Trier
Das Rheinische Landesmuseum Trier ist eines der wichtigsten archäologischen Museen in Deutschland. Mosaiken, Steindenkmäler und der größte römische Goldmünzenschatz der Welt erzählen hier von der glanzvollen Vergangenheit Triers als älteste Stadt Deutschlands und römische Kaiserresidenz.

landesmuseum-trier.de

Museum am Dom Trier

Museum am Dom Trier
Das Museum am Dom zeigt Objekte aus 1700 Jahren Trierer Bistumsgeschichte: von römischen Artefakten, wie der konstantinischen Deckenmalerei, über mittelalterliche Skulpturen bis hin zu moderner Malerei.

museum-am-dom-trier.de

Stadtmuseum Simeonstift, Foto: Tomas Riehle

Stadtmuseum Simeonstift Trier
Das Stadtmuseum Simeonstift Trier ist auf die Geschichte der Stadt und der Region vom Mittelalter bis zur Gegenwart spezialisiert. Malerei, Skulptur, Textilien und Kunsthandwerk ab dem 10. Jahrhundert dokumentieren das Leben Triers und seiner Menschen.

museum-trier.de