was fehlt

Die Jury hat entschieden!

Im Dezember blickt lyrix zurück und nach vorne: „was fehlt“ lautet unser Thema zum Jahresabschluss. Wenn ihr auf das Jahr zurückblickt, fehlt euch dann etwas? Möchtet ihr im neuen Jahr bestimmte Lücken schließen? Inspirationen gibt es im Dezember von Simone Lapperts Text „lückenlos“ und dem Bild „Pander to A Prodigy“ der britisch-ghanaischen Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye aus der Kunsthalle Basel.

lückenlos

Simone Lappert

du kannst alles noch einmal zählen, es fehlt
nicht an: windmessern, platzbauten, zeit. nichts
hat sich verschoben im tarngut, im wintergebiss
dieser nacht. von pech bis pochen zählt alles zum rest,
ausser dir bewegen sich alle: in schneegeschwindigkeit,
in flockenfolgen. sie weichen sich aus weil sie da sind,
schultern und kragen wie segel gesetzt, dem wind
und einander entgegen. du duckst dich und wartest,
zählst alles noch einmal: die vögel, die pfützen, den halben
mond, weil niemand dich sieht und zum pflastertanz bittet;
weil du noch immer nicht weisst, was fehlt.

Es ist Dezember. Weihnachten und ein neues Jahr stehen mal wieder vor der Tür und zwischen dem Gehetze um die letzten Geschenke, Plätzchenbacken und der Silvesterparty fragt man sich manchmal leise: „Wie war es denn, dieses Jahr? Ist es so lückenlos verlaufen, wie ich es mir gewünscht hatte, oder fehlt etwas?“

Um das, was fehlt, geht es auch in Simone Lapperts Text „lückenlos“. Wie ist es, wenn man stillsteht, weil man das diffuse Gefühl hat, das einem irgendetwas fehlt? Stell dir vor, „ausser dir bewegen sich alle: in schneegeschwindigkeit, / in flockenfolgen“ und nur du fühlst dich fehl am Platze und kommst nicht vom Fleck. Auf der Suche nach dem fehlenden Puzzleteil macht man vielleicht erst einmal eine Bestandsaufnahme: „es fehlt / nicht an: windmessern, platzbauten, zeit“. Aber woran denn?

Fehlt euch etwas? Vielleicht Zeit, ein Freund oder das Gefühl, das irgendwie alles einen Sinn ergibt? Oder spürt ihr eine Lücke, könnt aber gar nicht genau benennen, was es ist, das fehlt? Fühlt ihr euch einsam mit dem, was euch fehlt? Fragt ihr euch, ob es anderen auch so geht? Oder wird in euch eher der Ehrgeiz geweckt, das Fehlende zu erreichen?

Wir freuen uns auf eure Einsendungen zu diesem letzten Thema im lyrix-Jahr 2016 und wünschen euch von Herzen eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Rutsch! Hoffentlich fehlt euch wenig!

2017 geht es bei lyrix weiter wie gewohnt, wir haben aber auch einige neue Ideen. Schaut einfach vorbei.

Euer lyrix-Team

Die Jury hat entschieden!

Simone Lappert

Simone Lappert
Simone Lappert (*1985) studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und lebt in Basel. 2014 erschien ihr Debütroman „Wurfschatten“ im Metrolit Verlag Berlin, er wird derzeit ins Amerikanische übersetzt. Simone Lapperts Arbeit wurde mehrfach gefördert und ausgezeichnet, u.a. mit Werkbeiträgen der Pro Helvetia, des Fachhausschusses Literatur Basel und des Aargauer Kuratoriums, mit Atelierstipendien in Berlin und New York, mit Stipendien des 16. Klagenfurter Literaturkurses und des Literarischen Colloquiums Berlin, dem Newcomerpreis zum Literaturpreis Wartholz, dem Heinz Weder Preis für Lyrik, dem Preis der Regensburger Schriftstellergruppe für Jungautoren und dem Preis der Erfurter Herbst lese. „Wurfschatten“ stand ausserdem auf der Shortlist des ZDF-aspekte-Preises für das beste deutschsprachige Debüt sowie auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises.

Simone Lappert ist literarisch und performativ an diversen Kunstprojekten beteiligt, führt literarisch durch Ausstellungen, zuletzt in der Fondation Beyeler durch die Ausstellung von Alexander Calder und Fischli/Weiss, sie ist Mitglied der Basler Lyrikgruppe, Mitbegründerin der transdisplinären Gesprächsreihe „Raum für Unsicherheit“, schweizer Kuratorin für Babelsprech und Mitglied des Ads (Autoren der Schweiz).

Publikationen (Auswahl)
„Wurfschatten“, Roman. Metrolit, Berlin 2014. (Wird derzeit ins Amerikanische
übersetzt).
„Lyrik von jetzt 3“ , Gedichte (Anthologie). Wallstein, Göttingen, 2015.
Diverse literarische Beiträge in Zeitschriften, Zeitungen und Magazinen,
u.a. in: Du, Freitag, BELLAtriste, Orte, Poet, Kulturtipp, JULI, books,
Transhelvetica…
Diverse journalistische Beiträge, u.a. in: Tageswoche, MIX…

Im Dezember sind wir mit Simone Lappert und einer Schreibwerkstatt zum Thema „was fehlt“ zu Besuch in der Kunsthalle Basel. Dort hängt das Bild „Pander to A Prodigy“ der Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye, das einen Jungen mit einem Pfau auf dem Arm zeigt. Fehlt im etwas? Was sagt euch sein Blick?

Lynette Yiadom-Boakye, Pander To A Prodigy, 2016, Öl auf Leinwand

„Pander to A Prodigy“ von Lynette Yiadom-Boakye
Das Bild „Pander to A Prodigy“ der britisch-ghanaischen Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye (geb. 1977) zeigt eine junge Person, die einen Pfau in den Händen hält und an ihren Körper schmiegt. Der dunkle, goldbraune Hintergrund lässt uns weder erkennen, woher die Figur kommt noch wo sie sich befindet. Ruhig steht sie da und richtet ihren Blick auf uns.

In ihrer Ausstellung „A Passion to A Principle“ (18.11.2016 – 12.2.2017) in der Kunsthalle Basel zeigt Lynette Yiadom-Boakye neue Gemälde aus ihrer überaus produktiven Tätigkeit. Die Schriftstellerin, Poetin und Malerin portraitiert Menschen, welche aus einer Mischung aus Erinnerung, Projektion und Fiktion entstehen.

„Auch wenn sie nicht echt sind, sind sie für mich wie Personen, die ich kenne. Sie tragen eine ganz eigene Kraft in sich; sie haben ein Echo – etwas einfühlsames und jenseitiges. Ich bewundere sie für ihre Stärke, für ihre Integrität. Sind sie bedauernswert, überleben sie es nicht. Bekomme ich Mitleid, werde ich sie los. Ich male ungern Opfer.“
Lynette Yiadom-Boakye

Die Kunsthalle Basel
Die Kunsthalle Basel ist ein Ort an dem zeitgenössische Kunst ausgestellt, diskutiert und reflektiert wird und dies schon seit ihrer Gründung 1872. Als eine der ersten und aktivsten Institutionen in der Region, die internationale und Schweizer Kunst der Gegenwart zeigt, ist die Kunsthalle Basel insbesondere für ihr tiefgreifendes Engagement für aufstrebende Künstlerinnen und Künstler bekannt. Dies mit der Absicht, anregende künstlerische Praktiken und mutige Ausstellungen einer interessierten Öffentlichkeit jeden Alters zu präsentieren. Mit bis zu zehn Ausstellungen pro Jahr, oft mit neuen Produktionen und begleitet von Künstlergesprächen, Performances und Filmvorführungen, ist die Kunsthalle Basel der Treffpunkt für die Betrachtung von, und Debatten über zeitgenössische Kunst.

kunsthallebasel.ch

Kunsthalle Basel. Foto/Photo: Yohan Zerdoun, 2016