Unsere Gewinner im September 2014

Im September haben wir nachgefragt, was ihr mit dem Begriff ‚Grenzerfahrungen‘ verbindet. Eure Gedanken dazu waren nicht nur gut formuliert, sondern auch kritisch.

o. T.

Verena Brocker

1997

Dunkelheit,
Die uns umgibt.
Sind eingeschleiert und
Finden nicht
Den Weg zueinander
Oder voneinander weg,
Sind geblendet vom Dunkel,
Haben die Grenze entdeckt.

Versuche
Zu waten,
Durch den Nebel zu dir,
Strecke die Hand
Ins Nichts
Spüre nur distanzierte Kälte,
Da, wo du einst warst,
Kriege dich nicht zu fassen,
Habe meine Grenze entdeckt.

Du
Waberst herum
Durch meine Gedanken,
Lässt dich nicht blicken,
Doch immer spüren.
Irgendwann warst du da
In meiner freien Welt
Und hast alles zerstört,
Denn du hast Grenzen gezogen.

Ich
Stehe jetzt
Hinter dem Zaun,
Scheint neu,
Doch voll Rost
Und frage mich, weiß nicht,
Wie du dazu kamst,
Wo du dein Recht gesehen hast,
Ihnen allen Grenzen zu zeigen,
Wo doch eigentlich
Niemals welche sein sollten.

Orientierungslos

Vivian Knopf

1999

Wir haben den Blick für die richtigen
wichtigen Dinge verloren.
Wir leben am Limit
Drehen unsere Kreise
und kommen nicht mehr runter
Immer schneller und schneller
Wir konsumieren, addieren
Immer mehr und immer mehr
Trinken noch einen Schluck,
schlucken die nächste Pille
Wir überwinden Grenzen
Tag für Tag, Nacht für Nacht
Wir schmieden Pläne
und lassen uns selbst fallen.
Fühlen uns dreckig und leer
Und treiben dahin.
Haben keinen Appetitt
Denn alles schmeckt gleich
Nach Blut und Metall
Wir Folgen dem Licht
Versinken in der Spirale
aus Kotze und flüssigem Glück
Wir gehen nicht mehr schlafen
Denn wir schlafen, wenn wir tot sind.
Wir können sein, wer wir sein wollen
Und sind doch niemand.
Gehen nicht nur bis an unsere Grenzen,
Sondern über sie hinaus
Tag für Tag, Nacht für Nacht
Wir tanzen am Abgrund
Um lebendig zu sein
Treiben blind umher
Weil wir den Faden verloren haben
Und suchen das große Glück.
Wir tanzen im Stroboskop, Kaleidoskop
Und alles verschwimmt
Weil nichts mehr ist.
Nur die Lichter rauschen an uns vorbei
Wie ein Gewitterzug
So laut wie Donner
Und heller als jeder Blitz.
Wir bauen uns unsere eigenen Grenzen
Und überwinden sie
Tag für Tag, Nacht für Nacht
Denn wir rasten, wenn wir tot sind
Wir ersticken an all unseren Träumen
Haben Angst vor dem, was kommt.
Weil wir alles sein können
Wollen wir gar nichts sein
Wir brauchen Grenzen,
Um immer mehr von uns selbst zu verlieren
Tag für Tag, Nacht für Nacht
Doch wer glaubt an uns?
Wenn wir es selbst
nicht einmal tun wollen.
Denn wenn wir alles sein können,
Sind wir dann noch wir selbst?
Wo sind wir dann?
Wenn wir alles sein können,
Ist es nicht viel wahrscheinlicher,
nicht der richtige zu sein?
Wir öffnen tausend Türen
Treten schlagen rennen sie ein
Laufen in die Welt voll Möglichkeiten
Und bleiben nie stehen.
Reißen unsere Augen auf
Versuchen alles zu erfassen
Und sehen doch nichts.
Ihr habt uns die Wände genommen
Und wenn es keine Wände gibt
Dann gibt es auch keine Grenzen
Doch woher sollen wir dann noch wissen, dass wir
am Leben
sind?

Grenzerfahrung sammeln

Marcel Wendler

1995

Frei und freier und am freisten
und wer würde sich erdreisten
diesen Grundsatz allen Lebens,
dieses Ziel all unsres Strebens
auch nur einmal anzuzweifeln?

Freiheit gilt für alle Menschen,
gleich, das darf wohl jeder sein,
doch weil wir hier gleicher sind,
lassen wir nicht jeden rein.

Alle haben gleiche Rechte,
wenn sie nur so sind wie wir,
ihr dürft gleich auch wieder gehen,
denn ihr seid ja nicht von hier.

Wir sind doch kein Menschenspeicher,
ihr könnt euch bei uns bedanken,
schließlich seid ihr durch die Schranken
um die Grenzerfahrung reicher.

grenzen los

Jing Wu

1995

von zwängen in die enge getrieben
grenzt sich die gesellschaft ein mein
korsett wird enger geschnürt schürt
die egalität
warte kind male nicht
über die linie denn
du musst mitgehen den rand sehen
im takt bleiben und
erleiden was die masse bestimmt

wie sehr warte ich auf ein wunder
auf den tag an dem
die konvention abbiegt und
hinter der nächsten kurve
verschwindet
denn

komm
wir reißen die gren-
zen auf ein dauerlauf
der nervenzellen
lasst uns sehen wie töne verschmelzen wie farben
klingen und düfte schmecken
lasst uns zauberhafter leben und
nach unendlichkeit streben
lasst uns das
„höher schneller weiter“
sperren und stattdessen lernen
dass hinter der grenze

die freiheit liegt.

Rennen

Jana Wüsten

1999

Fast jeden Tag erkennst du deine Grenzen,
fast jeden Tag sagst du ihnen Ade.
Von Angst getrieben tut es noch mal weh.
Und während Mut und Ehrgeiz in dir glänzen

rennst du mal wieder in die schwarzen Träume,
die bunt in deinen Fantasien leuchten.
Als ob Gedanken Freiheitslieder bräuchten,
zersprengst du mit dem Schreien Lebensräume.

Und jede Nacht läufst du mit bittrem Weinen
und jede Nacht bemerkst du den Verlust.
Du schreist und fällst, den grauen, harten Steinen

zeigst du in der Verzweiflung deinen Frust.
Du denkst daran, wie du demnächst in seinen
so starken Armen liegst. Du hast gewusst:

Das Tor wird uns wie ewig Tote trennen,
mir bleibt das Fliehen, bleibt nur noch das Rennen.

Und hier ein Beitrag „außer Konkurrenz“: (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

FRONTEX

Katrin Moll

1996

schwarze Nacht umhüllt meinen
Freund nur Zentimeter von mir
entfernt. allein ein Suchscheinwerfer
spiegelt sich in seinen Augen. die See
leckt an der Reling als spürte
sie die Angst die unsere Blicke
beherrscht. eine fremde Stimme
tönt durch die Dunkelheit und verheißt
das Ende. warum nur wir? alles verloren
bleibt uns nur die Hoffnung auf
eine Welt die nun zu wanken beginnt
als ein großes Schiff auftaucht
Leitern fallen Soldaten entern.
Waffen zerstören Welten und
in diesem Moment zwischen
nirgendwo und irgendwo
beten wir dass sie nicht Leben zerstören.
mit erhobenen Händen gehen wir
der Ungewissheit entgegen.

Die Gewinner der September-Runde von lyrix betrachten unser Motiv ‚Grenzerfahrungen‘ wieder einmal aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. System- und Gesellschaftskritik stehen bei vielen Texten im Mittelpunkt, beispielsweise in Form von Verwunderung über die Gewalt, die Flüchtlinge weltweit seit Jahrhunderten und auch heute immer wieder erfahren müssen. Doch in manchen Texten geht es auch um die Entdeckung innerer Grenzen, den Drang sich gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen zu müssen und den Wunsch nach Freiheit.