Unsere Gewinner im Oktober 2016

Mit dem Schlossmuseum Murnau haben wir im Oktober „Mit anderen Augen“ gesehen. Dort ist ein besonderes Exponat zu sehen: Gabriele Münters „Meeresbucht (Tunis)“ von 1905/06 – ein beeindruckendes Gemälde von Öl auf Leinwand. Auch Anton G. Leitners Gedicht „Das Meer sieht“ bot euch Inspiration für eure eigenen Werke.

Großer Bruder

Tom Bussemas

2002

Endlich Zuhause,
deine Zimmertür sperrt wie eine Zugbrücke
das Toben des Alltags aus.
In deiner Festung fühlst du dich frei.

Dein Zuhause:
Privates Kämmerlein, Rückzugsort, Enklave…
Dort fließen deine Gedanken ungehindert
oder du verdaddelst sinnfreie Stunden vorm Rechner.

Wie heute:
Mit Freunden skypen und zocken, lachen und scherzen;
du sitzt in Unterhose vorm PC,
wen störts?

Nicht aufgeräumt,
Gläser und Teller stapeln sich im Regal,
Klamotten türmen sich auf dem Boden
zu skurrilen Landschaften geformt.

Du vergisst deine kleine Welt
und tauchst in die unendlichen Weiten des Spiels ein,
fokussiert auf Strategien und Reaktionen
der anderen Gamer.

Doch etwas ist anders heute,
deine Nackenhaare sträuben sich,
du fühlst dich beobachtet und drehst dich wachsam um.
Nichts. Das Unbehagen bleibt.

Ein Chat ploppt auf, „Big Brother“ nennt sich der Schreiber.
Er muss dein Kumpel sein,
wer sonst kennt das grellbunte Poster hinter dir
und fragt, wo du es erstanden hast?

Doch dass er auch das Chaos im Zimmer erahnt,
deine Lieblingschips kennt und weiß,
wann du deinen Kopf ins Kissen drückst,
nimmt dir den Atem!

Immer mehr höchstpersönliche Details liest du am Bildschirm,
dein Erblassen wird unverzüglich kommentiert.
Wie kann das sein,
niemand spickert hinter den Gardinen.

Dann plötzlich schießt es dir heiß und kalt den Rücken hinab,
das Blinken am oberen Gehäuserand, klein und giftgrün
schreit dich das Lämpchen neben der Webcam an!
Dein Zimmer, seine Bühne,

mein Applaus!

Blau ist eine Sehnsuchtsfarbe

Vivian Knopf

1999

An manchen Sommertagen
wenn der Himmel so blau ist
und all die Farben so intensiv
so leuchtend satt und bunt
wenn nichts zu hören ist
außer gedämpften Lachen
in weiter Ferne
innerstem Seufzen
und sanft wehendem Wind
wenn die Luft vor lauter Wohlbefinden
zu sirren beginnt
und alles steht und schwingt
dann fühlt es sich fast so an
als wären wir in ein Bild geschlüpft
Als wäre die ganze Welt um mich herum
plötzlich eines von Monets Gemälden geworden.

Und langsam gehe ich
in meine Umgebung über
Verschmelze mit dem Gras
unter meinen Füßen
Schmelze dahin und werde
zum sanften Rascheln der Bäume
zum knacksenden Holz
werde das letzte Blütenblatt
und der warme Stein
Bewege mich nicht mehr
weil ich Teil der Komposition geworden bin
und Angst habe ich könnte noch
etwas verwischen.

Und wären da nicht die Vögel
die ab und an am psychedelisch blauen Himmel
vorbei ziehen –
ich wüsste nicht ob ich nur
eine Ansammlung vorsichtig
aufgetupfter Farben bin
oder ein fühlender rauschender
Geist der in einer richtungslosen
Welt umhertreibt.

Persepektivenwechsel - gestern Nacht

Katinka Kultscher

1999

Leider können wir Katinkas Gedicht nicht in ihrer gewählten Formatierung darstellen.

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Gewinnergedicht von Katinka Kultscher
Ängste, ihre und meine, unsichtbar

Julia Marie Weber

1996

letzte Nacht klopften
zehn Zwerge an ihre Tür
noch lauter klopfte ihr Herz
als sie zitternd zögernd öffnete
sie vertauschten ihre Schuhe
banden verschiedenfarbige Schnürsenkel zusammen
und spielten Canasta
an ihrem Küchentisch

wie kann ich ein klopfendes Herz verlangsamen
eine zitternde Hand festhalten
eine schreckweite Pupille verengen
ohne den Schrecken zu sehen
der den Schatten an die Wand projiziert

es ist wie Gespenster im Dunkeln
ich taste nach Materie
und sie spricht mit jemandem
der stofflos existiert
mein Stehen daneben
wie stumm, taub und blind

die Anderen so tatenlos ratlos
abwehrend negierend von sich weisend
plötzlich entschlossen drohend Zeigefinger zeigend
auf Orte mit geschlossenen Türen und Pförtnern
die keine Zwerge einlassen
die Anderen werden zu Riesen
die für Menschen, die nachts Türen öffnen
und Zwerge, die am Küchentisch Canasta spielen
bedrohlich groß und gefährlich sind

wie kann man Riesen, die die Existenz von Zwergen negieren,von Zwergen erzählen
wie kann man weinen, wenn keiner die Tränen versteht
was kann man Anderes tun als Türen öffnen, wenn es offensichtlich laut geklopft hat

heute sitze ich mit ihr am Küchentisch
in unseren Händen halten wir unsere klopfenden Herzen
zusammen zittert es sich besser
auch wenn jeder nachts von jemand anderem besucht wird
projizieren Schrecken immer
ähnlich schreckliche Bilder an die Wand
und Ängste, ihre und meine, sind immer unsichtbar,
bis sie unsichtbar sichtbar werden,
wenn man sie sehen will

letzte Nacht hatte ich einen Traum:
zehn Zwerge klopften an meine Tür
noch lauter klopfte mein Herz
als ich sie zitternd zögernd öffnete
sie vertauschten meine Schuhe
banden verschiedenfarbige Schnürsenkel zusammen
und spielten Canasta mit ihr
an meinem Küchentisch
und sie sah mich an und weinte
weil ich jetzt ihre Tränen verstand

Liebesbrief auf Glas

Carla Wyrsch

1996

Leider können wir Katinkas Gedicht nicht in seiner gesamten Länge darstellen.

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Gewinnergedicht von Carla Wyrsch

„Mit anderen Augen“ sehen habt ihr auf verschiedenen Wegen umgesetzt: Ihr habt von (un)sichtbaren Gefühlen, dem Blickwechsel mit dem eigenen Spiegelbild, dem (Über-)blick eurer Webcam und Träumen geschrieben, in denen ihr eurem Kopfkissen eure Sehkraft schenkt.

Ihr habt von der Unsichtbarkeit der eigenen Gefühle und denen anderer geschrieben, „bis sie unsichtbar sichtbar werden,/ wenn man sie sehen will“. Als bedrohlich beschreibt ihr das überwachende Auge der Webcam, denn sie sieht alles und ihr blinkendes Lämpchen sagt dir hämisch, dass es alles von dir weiß: „Dein Zimmer, seine Bühne“ Ihr habt für eine Nacht eure Augen mit dem Kopfkissen getauscht und seid als „Teil der Komposition“ in ein sommerliches Gemälde gesprungen – vielleicht gesehen durch die Augen eines Museumsbesuchers?

Im Oktober waren eure Beiträge politisch-kritisch, psychologisch-emotional und sehnsüchtig-harmonisch – und besonders zahlreich!

Vielen Dank dafür und herzlichen Glückwunsch an die Monatsgewinner*innen!