Unsere Gewinner im November 2014

Im November drehte sich bei lyrix alles um das Thema ‚Mein Schatz‘. Bas Boettcher leitete hierzu eine Schreibwerkstatt im Rheinischen Landesmuseum in Trier. Neben einem Text von ihm boten auch unsere Exponate wieder einmal viel Inspiration, wie man an euren Einsendungen sieht.

Rheingold

Elias Peschke

1995

deutschland meine kalte mutter

die füße aufgedunsen, kahl und rot
dein brüchiges gelenk, die waden

blassgrau schimmern ihre adern

durch deine wachsverfärbte haut

schenkelmassiv, dünn und kantig

von rock und mutterkreuz verdeckt

deutschland meine kalte mutter

im schoß der nibelungenschatz

die linke hand, rau, grob wie schotter

sie sucht ihn, lechzend, fiebrig und

findet blut wie jeder sucher

die nachgeburt des toten kindes

mukös und scharlachrot mit
schwarzem schorf

kein gold

in deinem eiterboden

Schatz

Lena Hinrichs

2000

Verborgen
Hinter Schachtelsätzen und
Höflichkeitsfloskeln, magst
Du mich auch und
Vielleicht auch nicht, sind wir
Tief gesunken
Auf dem Grund unserer
Selbst habe ich Angst
Nicht mehr weiter zu kommen,
Vielleicht in ein
Paar Jahren
Wenn wir wissen
Wer wir sind und
Taucher sich ins
Meer stürzen
Findet uns jemand
Taschenlampenlicht und
Staub auf uns, aber
Nie verrostet, denn
Wir waren nie kaputt, haben
Uns nur
Vergessen

Mein Schatz

Patricia Haas

1997

Auf weit entfernten Hügeln fort
Über Bäche und grünen Weiden
Versteckt, geheimer, schöner Ort
Nur du und ich, wir beide
Glänzende, funkelnde Steine vergraben
Vergessen seit langen Jahren
Tiefe Geheimnisse sie in sich tragen
Zusammen in glitzernden Scharen
Was bringt mir der materielle Schatz?
Ohne dich kann ich nicht leben
Mein Herz ist zwar am rechten Platz
Doch du bringst es zum Schweben
Mein Schatz bist du
Tief im Herzen gehalten
Geb‘ ohne dich keine Ruh
Bis unsere Körper erkalten

Kopf oder Zahl

Mareen Kraft

1998

Rund und eiskalt
Saugen sie die Wärme auf
Speichern sie in sich
Sind nicht bereit sie abzugeben
Bronzen, silbern, golden
Funkeln sie
Währung für die Ewigkeit?
Kopf oder Zahl?
Kopf
Beatrix, Bertha von Suttner, Mozart
Profile, Portraits, leere Hüllen
Abbilder, Schatten der Vergangenheit
Ohne Leidenschaft, kalt konserviert
Glatt und leblos
Für immer ins Metall verbannt
Ausgestanzt, gesteuert durch binäre Muster
An und aus – null und eins
Zahl
1 Wurf
2 Möglichkeiten
Dabei 5-mal daneben liegen
10-mal die falsche Wahl treffen
Und 20-mal verlieren
Bei einer 50%igen Wahrscheinlichkeit
1 Leben
2 Seiten der Medaille
Kopf oder Zahl
Köpfen oder zahlen
Kühlen Kopf bewahren
Eiskalt berechnen
Erfrorene Münzen
Sehnen sich nach Wärme
Kopf oder Zahl
Nicht Herz oder Liebe
Münzen- Währung der Kälte
Wie feine Eiskristalle
Zerbrechlich glitzernd
Wunderschön anzusehen
Doch hungrig
Scharf und kalt
Ernähren Münzen sich von Liebe
Und zerfressen unsere Herzen

Schätze

Lara­-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen

2000

ein stück brot
eine hand voll salz
eine schale wasser
ein liebender mensch
ein lächeln
ein kuss
der duft der blumen
das erwachen
eines neuen tages
erinnerungen
glänzen in mir
wie sterne
wissensschätze
unsichtbar
hörbar
sichtbar
fühlbar
ich bringe worte zum träumen
noten zum klingen
doch gibt es auch
schätze
die kriege auslösen
geld
gold
macht
ruhm
ehre
gier
gier nach mehr und mehr
menschen töten menschen
für schätze
beuten unsre erde aus
für schätze
wind in meinem haar
eine hand in meiner hand

Dass ein Schatz nicht nur aus Gold bestehen kann, zeigten uns die Einsendungen im November. Eure Texte handeln von geliebten Menschen, kostbaren Momenten und dem, was wir in uns tragen – von dem Schatz, den wir finden können, wenn wir einen ehrlichen Blick auf uns selbst werfen.
Wie so oft sind eure Gedanken aber auch kritisch. Die unendlich wirkende Gier des Menschen kommt zur Sprache. Das, was uns dazu treibt zu morden, die Umwelt zu zerstören und fremde Völker auszubeuten und zu vertreiben. Es scheint fast so, als hätte ein großer Teil der ‚Schätze‘ dieser Welt eine  fahlen Beigeschmack für euch.