Unsere Gewinner im Mai 2015

Im Mai lautete unser Monatsthema ‚Zerstörung‘. Inspirationen gab es von dem Gemälde „Zerstörung“ von Wenzel Hablik aus dem Wenzel-Hablik-Museum in Itzehoe und von dem Gedicht „Der übersetzte Brand“ von Volker Sielaff. »lyrix« sagt danke für eure Einsendungen und gratuliert den Gewinnern im Mai 2015!

Zerstörung

Lena Hinrichs

2000

Es liegt auf mir
Schon immer, doch
Ich habe es nie
Gespürt, nie gemerkt
Das es schwerer ist als ich
Dachte

Es liegt auf mir
Immer noch und könnte
Mich jederzeit
Zerstören, könnte
Mich in Einzelteile
Zerschlagen, die
Herumfliegen, sodass
Ich mich an ihnen
Schneide, wenn es wollte
Und ich merke,
Es will

Es steht
Über mir
Und könnte jederzeit
Weiter machen, könnte
Mich noch einmal
Erdrücken obwohl
Ich schon
Zerfallen bin

Es steht
Neben mir
Und fegt mich
Nach großem Scheppern und
Lautem Knall
Endgültig zusammen und
Schüttet mich
In den Müll

kaputt

Marie Hoheisel

1997

beschränkte ebene
versuch der flucht
vermeintliche möglichkeit

und ich renn und renn und renn

hinein in träume
grenzenlosigkeit
doch nichts nichts

und ich lauf und lauf und lauf

richtiges gefühl
komplette verwirrung
wohin will ich

und ich geh und geh und geh

freiheit ist grenze
es geht nicht weiter
welt ist welt

und ich taumel und taumel und taumel

leben bleibt leben
desillusioniert
decken stürzen ein

und ich kriech und kriech und kriech

am boden
keine kraft
nur fragen

und ich lieg und lieg und lieg

keine chance
keine antwort
nicht auszuhalten

und ich atme und atme und atme

blut tropft
von der decke
im innersten

zerstört

Wer?

Annabelle Kahmann

1997

Mieke, Emre, Laura, Laila,
Birgit, Paskal, Leonard,
Randi, Momo, Esra, Ika,
Lisa, Philipp, Moni, ich

betrachte meine verwüstete Welt
Verletzte Käfer, verschüttet, entstellt
die größere Sorgen als Macht oder Geld

Schmitzens Kinder, Kudrewkas,
Frau Weber, die Müllers, Meiers,
auch Öztürks, Yavis und ich

sind Teil dieser Schlacht, die uns alle zerbricht.
Den Willen der Menschen, die Liebe, das Licht,
die Eltern, die Kinder, das Leben und mich
Den Frieden, die Freude, die kennt sie wohl nicht.

sooo viele Menschen
Millionen und ich

auf Seite dreihundertzwanzig
des großen Buches von denen
die es noch gibt und von denen
deren lebloser Körper längst
in der dunklsten Erde versiegt

unzählige

wie Zahlen, als Nummern behandelt
auf weißes Papier geschrieben
gezählt, gesehen, sortiert, gelöscht
sodass doch die Frage sich stellt,
wer wurde gestorben?

Warst du das?
Oder war das ich?

Eine kleine, große Katastrophe

Katinka Kultscher

1999

Gestern wollten Sonnenstrahlen
ein ganz neues Kunstwerk malen.
Marmor glänzte spiegelglatt,
grün leuchtete jedes Blatt.

Doch – man wagt es kaum zu hoffen –
dieser Glanz wurd´ übertroffen
noch von einem Perlmuttschimmer
eines Hauses ohne Zimmer.

Friedlich ließ es sich erwärmen
mitten zwischen Bienenschwärmen.
Doch – wie könnt´ es anders sein –
brach das Unheil bald herein.

Leise brach die erste Schicht
unter riesigem Gewicht.
Darunter zeigten Risse dann
schon die nahe Zukunft an.

Mit Gekreisch und mit Getöse
geschah nun das schrecklich Böse:
Mit Geschwindigkeit und Flammen
brach das ganze Haus zusammen.

Schließlich gaben auch die Wände
auf und kippten dann behände
auf den Haufen Schmutz und Schutt,
der doch einmal war perlmutt.

Selbst das Licht schien zu ermatten,
versteckte das Chaos im Schatten.
Und an Friedas Schuh blieb kleben
ein zerstörtes Schneckenleben.

Was zerstörst du?

Maximilian Mundt

1995

Was zerstörst du
Wen empörst du
Wem gehörst du
Mensch
Was zerstörst du
Wen verstörst du
Wem gehörst du?
Mensch
Der Gier, dem Geld gehörst du
Das die Welt regiert
Du Held, hörst du?
Afrika, Bolivien, China
Das ABC
Ausbeutung, Bestechung, Copy&Paste
Der Wirtschaftsethik
Ernst Geld-Gescheffelt, versteht sich
Gut mit Irgendwie Halb-Ehrlich
Wie man’s scheffelt
Ist egal
Was zerstörst du?
Mensch, ist egal
Regenwald, Ozeane
Ganze Städte, Nachbars Friedensfahne
Ich hacke alles kurz und klein
Die anderen machen’s auch
Irgendeiner wird’s verzeih’n
Und dann wieder gerade biegen
Sollen die Kinder von morgen etwa Langeweile schieben?
Wen empörst du?
Mensch, die Kinder von heute und von morgen
Als hätten die nicht genug an Sorgen
Atomkraft, Müll, Krieg und Hass
Lieber Langeweile als so ein Spaß
Mensch, du empörst auch Den da oben
Auch wenn Er dich trotz allem liebt
Wird Er’s nicht loben
Ob deshalb manchmal Stürme toben?
Wen verstörst du?
Mensch, Tiere, Pflanzen
Ökosysteme
Lebensfrohe Kinder
Bomben anstatt Schulranzen
Geld anstatt Bäumen
Geld anstatt Fischen
Was zerstörst du
Wen empörst du
Wen verstörst du
Wem gehörst du
Mensch, denk doch mal nach
Ist es das wert?

Und hier vier Beiträge „außer Konkurrenz“: (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

alles was blieb

Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen

2000

alter wehrpass
zerschlissen
blutgetränkt
in ihm ein brief
an meine familie
mein urgroßvater
gefallen
auf dem feld der ehre
gefallen
für volk und vaterland
gefallen
junge männer
indoktriniert
bomben
brennende himmel
leben –
lieben –
familien zerstört
ein großes
nie mehr
alles was blieb
zuviele tote
gepflückt vor dem erblühen
verscharrt im irgendwo?
gestapelt in
gebeinhäusern
schädel – knochen
ohne namen
seelen irren
rastlos durch die zeit
suchen sich
seite an seite
feinde freunde
alles was blieb
auf dem feld der ehre
blutgetränkter schutt
blutgetränkte zerstörung

Fukushima (2013)

Julia Fourate

1994

Ich tanzte im Regen,
ich weiß, ich bin frei,
ich weiß, ich bin tot,
und glücklich dabei,
die Sonne brennt nieder,
die Tropfen sind warm,
sie fallen auf alles,
das, was wir einst war’n,
sie blühen wie Rosen,
ich trag‘ sie im Haar,
denn in meinem Winter
da sind sie mir nah‘,
sie sprießen nun um mich
ich pflückte sie stumm,
so zart ihre Düfte,
sie bringen mich um.
Ich küsse den Regen,
so strahlend und hell,
ich drehe mich linksrum,
ich falle zurück,
mein Körper ist taub mir,
ist taub mir vor Glück.

Ich möchte nicht sehen,
nicht kennen, das Ende,
ich möchte nicht hören,
drum singe ich laut
im Regen aus Purpur,
der Nebel ist rot,
ich such‘, mich zu halten,
und finde den Tod.

Jeder Atemzug

Mareen Kraft

1998

Mauern wanken, wackeln, brechen
Um mich herum in Schutt und Asche
Mit lautem Donnern, Brüllen, Krachen
Zerplatzt meine Wirklichkeit
Der Schutz und die Geborgenheit der Wände
Stürzt nun auf mich herab
Und schneidet mit scharfen Splittern voller Angst
Tief in mein Herz
Bewegungslos hocke ich
Im Trümmerfeld meines Lebens
Selbstverständlichkeit weicht Ohnmacht
Sekunden die wie Jahre sind
Verstecke ich mich hinter zerbrochnem Glas
Bis das Bild des Glücks
Nicht mal mehr in meinem Kopf hängt

Dann rappel‘ ich mich auf
Baue einen Wall aus Trümmern auf
Schließe die Wunden in meinem Herz
Fange wieder von neuem an
Ich streiche die Wände in den buntesten Farben
Und doch bleibt darunter die Angst
Wieder nackt und zerbrochen dazustehen
Wunden verheilen
Doch bleiben Narben zurück

Und bei jedem Beben
Gehen Steine endgültig kaputt
Können Wunden nicht mehr heilen
Bis ich schließlich keine Kraft mehr habe
Eine Mauer aufzubauen
Bis die Scherben zu tief schneiden
Und mein Herz endgültig durchbohren
Dann vergrabt ihr mich unter euren Füßen
Und jeder meiner vergeblichen Atemzüge
Ist ein Beben für euch
Jeder meiner vergeblichen Atemzüge
bringt eure Geborgenheit zum Wanken
Jeder meiner vergeblichen Atemzüge
schneidet tief und tiefer in eure Herzen hinein

Der Mensch

Miriam-Sofie Linke

1999

unaufhaltsam
breitet er sich aus
verzehrt er das Schöne,
das Wahre
um selbst zu leuchten
Einst angezündet um zu wärmen,
biss er seinem Schöpfer die Finger wund
strahlend
brennend
vom Stolz genährt
vom Stolz erstickt
bis der Docht erlischt.

Von inneren und äußeren Zerstörungen habt ihr geschrieben. Vor allem Kriege zeigen, wie auch das „Innere“ zerstört wird, wenn alles „Äußere“ in Trümmern liegt. Viele eurer Texte thematisieren, wie Menschen sich selbst und ihren Lebensraum zerstören: “ Regenwald, Ozeane / Ganze Städte, Nachbars Friedensfahne / Ich hacke alles kurz und klein“ heißt es in dem Text eines Teilnehmers.
Einige eurer Gedichte übertragen das Bild von äußerer Zerstörung auf das Seelenleben: „blut tropft / von der decke / im innersten / zerstört“ und enden in vollkommener Hoffnungslosigkeit: „Und fegt mich / Nach großem Scheppern und / Lautem Knall / Endgültig zusammen und / Schüttet mich / In den Müll“.

Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern im Mai und danke an alle für eure Einsendungen!