Unsere Gewinner im März 2015

‚Einklang – Zweiklang – Nachklang‘ lautete das lyrix-Thema im März. Anregungen gab es vom Künstlerpaar Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp sowie von Norbert Langes Gedicht ‚DIE STARE HJERTØYAS‘.

Nachklang

Jan Borges

1996

kilometerbreite stille
redet auf mich ein
‚komm aus dir raus‘
sei endlich dein

dutzend lange gedanken
spielen die töne als du gingst
bittersüße pauken & trompeten
– und du grinst

sechstausend kompositionen
trennen unsere körper voneinander
doch dein nachspiel
bringt mich nachts noch durcheinander

hunderte versuche
viel mehr als nur ein versuch zu sein
spielten uns zu viel vor
im ende klanglos vergeigt

Hinaus in die Welt

Annabelle Kahmann

1997

Flügelschläge
ratternd und kräftig
durchkreuzen den Himmel
von Schnattern
und Fiepsen begleitet
von weißgrauen Federn gelenkt
hoch in die Luft
hinaus in die Welt

Trommelschläge
ohrenbetäubend
beben über die Erde
von gurrenden Vögeln
und sirrenden Pfeilen
bis tief in die Wälder
und Höhlen begleitet

Funkenschläge
von schnatternd gemurmelten
Worten getragen
die Hände wie Flügel
zum Himmel erhoben
bis hoch in die Wipfel
und drüber hinaus

Donnerschläge
wie Trommeln so dröhnend
wie Funken so heiß
kreisen geflügelte Wesen
über den Schuldbedeckten
fiepen, krähen leise
Segen bringend

Herzschlag
fließt durch meine Brust
in mein Gehirn
weckt auf das so geliebte
morgendliche Sonnenlicht
die Klänge der gurrenden Tauben
hoch in den Himmel
hinaus in die Welt

Zyklus zwischen Dir und mir

Caroline Pfeffer

1994

Zweiklang

Du und ich.
Schwingen Parallel
Du in Dur, ich in Moll.
gemeinsam unterschiedlich
vom ersten Blick bis zum ersten Ton
doch zwischen uns die Harmonien

Einklang

langsam, schleichend,
sprechen wir im selben Takt
Schallwellensymbiose
Gedanken
auf der gleichen
Hirnwellenlänge

Nachklang

Ein schiefer Ton
Stille
Das Echo
hat verstimme Saiten

Dornblüte

Moritz Schlenstedt

1996

Und während Knospen Zartes wagen
Lautlos kämpfen, stumm versagen
Und um der Ewigkeiten Willen
Die Mäntel mit den Herzen ringen

Wenn dem Knacken -Flügelschlagen-
Ein Spalt in den Kokon gelingt
Um dann bangend einzuschlafen
Dass kein Kristall im Rot gerinnt

Als sie ihre Haut beklagen
Nur gerafft in bloße Laken
Und auf manchen Bruder blicken
Der dem Docht ins Grün entglitten

Nun, sich plusternd aufgetan,
Das Rascheln noch im Wind verklingt
Und ihre Silhouetten zahm
Zwei Gestirnen unterworfen sind

Dann denk ich nicht an ihr Verwelken
Doch wunder mich, verweile lang,
Wie solche Einheit sich entfalten
Und man doch in ihr verlieren kann

Der Denker

Christoph Smazcny

1996

Ein Denker still und einsam steht
in düst’rer, menschenleerer Gass‘,
sich wendet und zwei Schritte geht,
suchend ohne Unterlass

Suchend etwas, das nicht möglich,
das den Geist wohl übersteigt,
mehr und mehr fast er besinnt sich,
dass in diesem Wirr’n nichts zeigt

Dass nichts zeigt in eine Richtung,
dass da ist kein klares Bild,
in dem Düst’ren keine Lichtung
und es ewig Unruh‘ schrillt

Und so schrillt es immer lauter,
doch außer ihm kann’s keiner hör’n;
ist der Lärm zwar ein Vertrauter,
vermag er fast ihn zu zerstör’n

Doch da plötzlich ein Gedanke
ihn erfasst in seiner Qual;
wenn er auch noch etwas wanke,
ist’s doch nicht das erste Mal

Ist’s doch nicht das erste Mal,
dass voller Hoffnung, fast berauscht,
hinaufsteigend aus dunklem Tal,
er dann sei’m grausam‘ Urteil lauscht

Sei’m Urteil, weil er sich geirrt,
muss die Ordnung wieder weichen
und er die Perfektion verliert
und das Wirre muss ihm reichen

Manches Mal auch wünscht er sich,
er würd‘ nicht denken, einfach glauben,
wenn er würd‘ hinterfragen nicht,
wär’s leicht. Nein! Er will’s nicht erlauben

Doch dieses Mal scheint es vollkommen,
so nah er fühlt die ganze Welt,
und er deswegen ganz benommen,
die Fassung fast nicht mehr behält

Gefunden ist das Bindeglied,
auf einmal lässt sich Einklang schaffen;
was in der Welt gar nie geschieht,
ohne jedes Lückenklaffen

Doch dann ein feiner Riss, entsprungen
einer nicht beseh’nen Stell‘,
macht sogleich alles zersprungen,
was noch eben klar und hell

Wollt‘ die Vollendung mir entgleiten,
spricht er mit zittrig ruhiger Stimm‘,
bleibt doch wenigstens; wird bleiben,
ihr Nachklang da, für alle Zeiten.

Und hier zwei Beiträge „außer Konkurrenz“: (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

nachklang

Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen

2000

herbstwind raubt
zischend heulend pfeifend
jedem baum
jedem strauch
sein grünes kleid
frühling weckt
kahle bäume
sträucherfelder
schatten braucht sonne
um schatten zu werfen
ebbe jagt flut
flut verschlingt ebbe
wellen brechen
tosend sich am strand
natur ewige wiederkehr
kindmuttergroßmutter
geburt leben tod
einklang zweiklang nachklang
werden sein vergehen
ideengedanken erinnern
ich weine
ich lache
manchmal ist meine mitte
zu weit links
zu weit rechts
kein einklang – dissonant
suche mich
verliere mich
finde mich
im einklang
tausend gedanken
im zweiklang
kollektivbewusstsein
nachklang erinnern
odinsraben flüstern
bis in unsere zeit
vergangenheitgegenwartzukunft
leben
nachklang
erinnern
der tag stirbt
in den dunklen armen der nacht
die nacht wiegt ihr kindlein – tag

Frühlingssymphonie

Julia Fourate

1994

Ich fall‘ auf deine Haut
und das Nichts fällt herein,
denn
gemeinsam vergeht uns der Atem,
wenn die Zeit uns verhüllt,
dann erkenne ich dich,
wenn die Jahre uns finden,
dann findest du mich,
mit den Augen
der Leere,
die voll ist von mir,
deine Augen
der Ferne,
in denen ich wohne.

Es klingt wie ein Lied
aus vergangenen Tagen,
wenn du deine Worte
in meinen verschränkst,
wir wissen zu kennen
und nennen doch nicht,
die ferne
Bekannte,
die Hände des Nichts,
wir versuchen
uns nicht zu erkennen.

Du fällst aus der Sonne,
und das Licht fällt mit dir,
die fremde Vertraute
sie kennt dich nicht mehr,
Unendlichkeit tragen wir
in unsrem Atem,
und trinken das Nichts
von den Lippen der Zeit.

Die Natur ist ein wiederkehrendes Thema in euren Texten. Sprießende Knospen, Flügelschläge, die Jahreszeiten, Ebbe und Flut – das sind für euch Sinnbilder des Einklangs. Diesen Einklang beschreibt ihr als etwas Fantastisches, als etwas Fügsames: „Gefunden ist das Bindeglied, / auf einmal lässt sich Einklang schaffen; / was in der Welt gar nie geschieht, / ohne jedes Lückenklaffen“, heißt es in dem Text eines Teilnehmers.
Neben der Natur rückten viele eurer Gedichte das Thema Beziehungen in den Mittelpunkt. Ihr schreibt vom gemeinsamen Klingen zweier Menschen, die zu einer Einheit verschmelzen, einer „Schallwellensymbiose“. Was nach dem Zerbrechen einer Beziehung bleibt, ist der Nachklang: „Ein schiefer Ton / Stille / Das Echo / hat verstimme Saiten“.

Vielen Dank für eure Einsendungen!