Unsere Gewinner im Juni 2016

Im Juni habt ihr von oben Muster gesucht, im Zehdenicker Altartuch aus dem Stadtmuseum Berlin, in Ann Cottens Gedicht „Unendlicher Spannteppich (des VIP-Empfangsraums)“, in eurem Alltag, in eurem Leben, in euch als Person. 

LebensMuster

Elena Sofie Böhler

1998

beim streicheln deiner schulter
berühre ich dich mit lippen sanft
und da –
ganz klein, entdecke ich die schluchten auf dir
furchen, kleine wege
millionenfach vergrößert, verliere ich mich. verlaufe mich in deiner Haut.
poren wie krater und schüppchen wie kleine inseln
ähnlich den pflastersteinen
und dazwischen die schluchten –
darin suche ich
eine gespannte lange weile in dem wegemuster
nach dem richtigen gang zu dir;
my road of yellow bricks, aus goldenen steinen in die smaragdstadt –
wie Dorothee laufe ich
beobachte: zwischen den schollen suchen sich grashalme ihren weg
winzig kleine härchen, so zart
die mich spüren lassen, wenn dir kalt wird.
leichte berührungen nur, die
unter die Haut gehen,
neben mageren rissen
als folgen eines sonnenlangen tages.
Ich kann sagen
Ich liebe dich mit Haut und Haar,erkenne dich langsam
sehe die bilder, die gezeichnet sind auf dir
spüre jeden knick, punkt, absatz
Hautnah

Der Tod von Max Mustermann

Maximilian Josef Theodor Keller

1997

der Legende nach fand der Landvermesser
im Gebiet um Musterstadt Rauten und Senken
ausgeschnitten im Papier dahinter
ein Stern statt einer Hauptstadt durchbohrt
von blau/grünen Linien, braunen Schummerungen,
Einschnitten durch den Straßenverlauf –
A B E F L K geht das Asphaltalphabet
auf allen Seiten

kein Widerspruch seitens des Kartographen
(selten an der frischen Luft) ist Reduktion berechtigt
im Sinne der v Erklärung (kann der Rücken krumm werden;
ob gleich) anders Satellitenfotos sagen
im Netz –
„Spinnen! Faszinierend und erschreckend!
(aufgenommen im verstaubten Kartenraum der Musterschule?)
bahnen sie sich Wege in ihrer filigranen Falle,
nur ihr Geschick erlaubt, dass sie nicht selbst kleben bleiben“,
heißt es von Galileo (nach päpstlichem Edikt darf er
nicht mehr von unten hinaufschauen) während
des Abendprogramms:

Beim Tatort Musterstadt – der Kopf
auf dem Atlas,
aufgeschlagen homo vitruvianus
als Puzzle die Arme
zurechtgelegt, gezeichnet
ein Muster auf der Buchseite
– widerspricht der Kriminologe:
„Wir haben es mit einem Verbrechen zu tun!“
„Die Tatwaffe?“ So zeigt er vor: „Ein Messer*?“

*organischer Verbund aus zehnfach gefaltetem Stahl
wie die Karte vom Musterland im Handschuhfach:

Das ist vermessen.

Von oben eine ganze Stadt

Katinka Kultscher

1999

Ein Kreuzungsknäuel, schlecht gelungen a
spaghettileichig hat es sich b
tief in den Augen festgeschlungen a
längst tot und stinkend widerlich. b

Doch wagt man einen Lupenblick c
hinein in den erstarrten Wurm, d
so krabbelt Leben, träg´ und dick, c
auf Wegen, Bäume, Glockenturm. d

Vergrößert man nun dieses Treiben e
– zoomt rasch heran an Menschenhaar – f
so sieht man, wie sich Stränge reiben e
an Hautpartikeln, Fett… – bizarr! f

Und rillenhaft durchzieht den Kopf g
ein Nest aus Falten, noch von oben, h
denn unter einem solchen Schopf g
schon immer die Gedanken stoben. h

Sie fressen, beulen, kratzen, heulen, i
das ist ewig, das ist Norm, j
erkennen leicht in dieser Strophe <- Tod dem Perfektionismus
auch die fehlende Reimform. j

Gemustertes aus einer gescheiterten Beziehung

Miriam-Sofie Linke

1999

Nach einiger Zeit hatte sie aufgehört
mit Klingen und Scheren sich zu bemustern
und kauerte in der Leere auf dem Parkett,
dass aufgrund seiner Anordnung spitze Pfeile in sie zu rammen schien.

So lag sie da und trug die geblümten Strümpfe,
die sie, einst für ihn gekauft,
immer seitdem trug.

Abtastend versuchte sie in den Wolken Muster zu erkennen
umgeben von Wänden, die ganz und gar gestreift
von Strichen der Tage ohne ihn waren.

Denn er war kariert
und sie nur liniert
und so sah er keinen Sinn ihre Symmetrien zu vereinen.

Der befleckte, bespeckte Mond schien in der Dunkelheit
und so suchte sie nach Mustern in den Wolken
um endlich die Dunkelheit ihrer Sonne zu verstehen.

kleinkariert

Jing Wu

1995

fünfzehn bis zwanzig knorpelspangen hat die trachea und
der musculus sternocleidomastoideus entspringt am caput sternale male
mir die strukturformel von phenylalanin auf kein problem ich
studiere seit zwei ewigkeiten bin fast ärztin und
sage im schlaf die abgänge der arteria carotis externa auf
rückwärts buchstabiert und im samba-takt
habe ich gelacht und über hirnnerven referiert
meine ordner füllen sich mit kariertem papier die hier mein
wissen beweisen doch die leisen
klänge der klinik verdichten sich zu einem fremden gesang

am ersten arbeitstag
liegt der junge patient um mitternacht noch
weinend im bett unter grauen wolken
schaut er mich an kann
ich ihm nicht helfen
ich gehe
im kopf meine ordner durch
voll mit wissen auf kleinkariertem papier
die gitter darauf versperren mir die sicht

das lehrbuch lehrt das leben nicht.

Und hier zwei Beiträge „außer Konkurrenz“: (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

Wasser/ ein Gedicht über meine Schwester

Victoria Helene Bergemann

1997

Jetzt ist sie ja weg
denkst du dann
hast sie noch mal angeschaut
von hinten jetzt
wo sie ja weg ist
man könnte sie aufrollen
wie so einen alten Teppich
den Menschen im nahen osten
na ja mit Händen geknüpft
oder Füßen
jedenfalls kann man sie so lange zurückrollen
bis sie aneckt
so viele ecken hat sie ja
weil sie ja irgendwo ihr Gewicht
na ja sie hat es einfach fallen lassen
ansonsten eckt sie selten an
irgendwer hat sie wohl mal gebügelt
na ja vielleicht mit den Füßen
trampeln ist ja auch eher negativ belastet
aber irgendwann ist sie vielleicht mal unter die Räder gekommen
man weiß ja nicht
na ja das würde
so viel erklären
dann hat sie auch mal wenig geredet
ganz still
sodass man Menschen hätte schlucken hören können
sie hat immer sehr laut Wasser runtergeschluckt
denkst du dann
na ja irgendwann dann milch
und dann nur noch Magerquark
und auch beim schlafen
da hat sie meist sehr laut geatmet
wie in eine Plastiktüte
wär sie mal erstickt
hast du dann gedacht
na ja ersticken ist ja auch eher negativ belastet
und dann bist du noch mal über den betten durch den raum
und hast noch mal gesucht
wo denn der Fehler
na ja wann sie eigentlich weggeflogen ist
irgendwann zwischen 11 und 13 muss das ja
gewesen sein
das hast du erkannt
nur ihr Muster, der Grund
das hast du nicht erkannt
irgendwas war wohl schief gewachsen
also ihre zähne
weil sie ist ja nie
sie war ja nie beim Zahnarzt
jetzt ist sie ja weg
vielleicht ist sie ja mal zum Zahnarzt
na ja vielleicht
knüpft sie jetzt auch Teppiche
du willst nicht
wenn du von hinten guckst jetzt
wo sie ja weg ist
sie soll sich lieber nicht zurückrollen
zu dir
du wünschst ihr nicht alles gute
aber vielleicht
ihre Nägel sollen nicht abbrechen
beim Teppichknüpfen
Blut ist ja auch eher negativ belastet
denkst du dann
und schluckst ganz leise
Wasser
denn das ist dünner als Blut

überabzählbar unendlich

Magdalena Wejwer

1997

alles ist zahl
ist das beständige flüstern des universums
in dem sich unbeirrbar planeten bewegen
als schönster beweis einer mathematischen gleichung
ganze meere folgen den gezeiten
gehorchen den gesetzen des musters
das haus der schnecke und die äste des baumes
das wachsen das leben das sterben
alles ist mathematik

auch du bist nur ein haufen aus molekülen
aus atomen und ein bisschen energie die sich
im kreis dreht denn auch du bist zahl
berechenbar wie alle anderen
und das besondere an dir
nur eine unsignifikante abweichung
ein fehler in der approximation
den das universum an anderer stelle ausgleicht

und jede revolution jede wahl und jedes parlament
ist nur der realisierte ausgang eines zufallsexperiments
aber es gibt keine hoffnung
es gibt keine verzweiflung du bleibst ein nichts
was du tust ist dem universum egal
denn auch du lebst nach mustern
was sind schon regeln und vorschriften
das gesetzt des universums
ist das gesetz der großen zahl

alles ist zahl
flüstert das universum flüstern alle planeten
und in der großen unendlichkeit
leben unendlich kleine wesen
auf einer unendlich kleinen erde
die sich dreht wie kepler es berechnet hat
das ist erstaunlich aber ein wunder ist es nicht
denn das wunder sind all die menschen
die jeden tag aufs neue zeigen
dass sie mehr sind als mathematik
dass diese welt mehr ist
mehr ist als zahl
überabzählbar und irrational
imaginär und voller überraschungen

unendlich vieles ist zahl ist mathematik
ist dem gesetz der großen zahlen unterworfen
und folgt algebraischen mustern
aber unendlich ist nicht immer alles
und das ist das wunder
das wunderbare in diesem kosmos
das chaos und die kreativität
das hoffen und sehnen
die liebe die freude das tanzen
das lachen eines kindes kann man nicht berechnen

alles ist zahl
flüstert das universum flüstert und flüstert
doch es ist die asymmetrie
die das leben erst möglich macht
die welt ist mehr als ein muster
mehr als ein reeller affiner vektorraum
mit drei dimensionen plus zeit
das leben ist mehr als ein zufallsexperiment
und ein mensch mehr als mathematik

vieles ist zahl aber nicht alles
das universum flüstert
doch es ist die erde
die singt.

Die „geblümte Strumpfhose“, das „karierte[…] papier“, Wände „ganz und gar gestreift“ – das sind offensichtlichste Muster, die uns im Alltag begegnen. Doch nicht nur auf Gegenständen lassen sich Muster beobachten, sondern auch bei Menschen. So ist jeder Mensch mit einem eigenen Persönlichkeitsmuster ausgestattet.

Die Individualität dieses eigenen Musters zu erkennen und zu akzeptieren ist nicht immer leicht. Denn wenn zwei Muster aufeinanderprallen, wenn er „kariert und sie nur liniert [ist]“, sind diese „Symmetrien [nicht] zu vereinen“. Man eckt an mit seinem „LebensMuster“ und trotzdem ist es wichtig, die Grundstriche in seinem eignen Muster zu akzeptieren, denn das ist die eigene Persönlichkeit.

Muster sind Routine, es ist eine Ordnung im Leben, an der wir uns festhalten können, wenn wir uns verlieren. Nach einem bestimmten Muster zu leben und zu handeln, gibt Struktur. Zu den Grundstrichen im Muster, die die eigene Persönlichkeit kennzeichnen, kommen selbst gewählte oder von anderen aufgedrängte Striche hinzu. „Such […] von oben [dein] Muster“, nimm es an und schütze es vor Zeichnungen, die es zerstören.

Herzlichen Glückwunsch an unsere Gewinner und vielen Dank an alle, die einen Text eingesendet haben.