Unsere Gewinner im Januar 2017

Mit dem Thema „Geistersehnsucht“ hat lyrix das Jahr 2017 eingeläutet. Martin Piekars Text „Das wird ne Geistersehnsucht – Oder: das andere Gedicht“ stimmte den Januar-Wettbewerb ein. Zu Gast in der Frankfurter Kunsthalle beeindruckte uns außerdem die Skulptur „D9T (Rachel’s Tribute)“, eine aus 300 Einzelteilen bestehende Nachbildung eines Bulldozer-Motors – gestaltet unter der Regie von Eric van Hove. Lest hier, welche eurer Texte zum Thema „Geistersehnsucht“ gewonnen haben. 

Die Spirale nach Unten

Elena Sofie Böhler

1998

wenn es so kalt wird wie in diesen Zeiten
steigen Vorstadtprinzessinnen zu Bettlern hinunter um ihnen einen warmen Kuss zu schenken, der das Herz auf Gas halten soll
wenn es so kalt wird wie in diesen Zeiten ist es nicht mehr besonders
im Morgengrauen über
die Leichen der Nacht zu stolpern und
es wundert sich niemand mehr
dass es plötzlich so viele sind
wenn es so kalt wird wie in diesen Zeiten
schlüpfen die Prinzessinnen zu reichen
Königen ins Bett
um sich ihr Abendbrot zu sichern, um sich
nicht in der Stadt zu verlieren, Ungeschminkte
Königinnen halten die Augen geschlossen, um die Kälte nicht zu sehen
Schlösser verschimmeln
wenn es so kalt wird
Kaugummis lösen sich von den Straßen
kleine Zündhölzer glimmen durch die Nacht
riechen süßlich nach Tabak und wessen Körper am Erfrieren ist
verbrennt sich zum Schutze die Seele an Gebranntem
und der König gibt den Tankstellenmädchen zum Abschied eine Weihnachtsration mit auf den Weg an gebrannten Mandeln
Brüderlichkeit
ich trage einen Haufen Innereien mit mir \’rum
die Alarm schlagen und auf die Straße kotzen wollen
so schlecht steht es um uns
aber keine Revolution bietet Anhaltspunkte
wir sitzen alle im selben Tanker
für einen Zweiten bleibt ja auch kein Geld
würde sich jemand bereichern –
aber wir stecken kollektiv in der Scheiße
davon wird mir übel
die Königinnen schütteln traurig die Köpfe, eines ums andere Haus
denn niemand kann schlafen, wenn die Türe nicht schließt
plötzlich hat Armut ein Gesicht
Gleichheit
Was können wir tun?
Tinte rinnt über meine Fingerkuppen, die
nichts bewirken außer
alles zu beflecken…
Zeit verkriech\‘ dich unterm Tisch!
wenn es Winter wird, wie in diesen Zeiten
sind die Tage noch viel kürzer, dabei
würde keine Sommersonnenwende reichen
um alles auf den Kopf zu stellen.
Halt mich fest vor stadt Elegie
ich kann sie doch nicht alle ins Gesicht schlagen…
Prinzessinnen werden zu Königinnen
in kleinen Königreichen mit Fernseher und Dosenbier
fünf Minuten Terrinen in Mikrowellen aufwärmen
wäre noch drin
mir schwirrt der Kopf vor lauter Kreislauf
Warum rauche ich mir die Seele aus dem Leib
wenn sie doch natürlich schwarz ist?
All das widert mich an
das einfache Leben
My home is my castle
Freiheit
das Resultat, zweitausend Vorstadttyrannen.
Und Prinzessinnen mit erhobenen Armen
am Straßenrand
Highheels sind furchtbar kalt, in diesen Zeiten
Ich rufe meine Brüder an
suche Trost und Kopf hoch
den Unbestechlichen
Uljanow und Ernesto
kurz bevor mein Wecker schreit
aber wenn es so kalt ist
bricht die Verbindung zusammen
ausgeloggt mal wieder, nein, ausgenoggt, nein,
Kein W-LAN mehr im Totenreich.

monochromieflüchtlinge

Ruta Dreyer

2002

deine kapuze hängt schief
wie dein lächeln.
ein abbruch aus
einer anderen welt
lässt dich ganz
langsam sterben.
so wie dein lachen
leicht und nicht lauter
doch trotzdem
rhythmische dynamik
zwischen den straßen
stranden lässt.
ein kunstwerk
mit abstrakten schönheiten
die noch entdeckt werden müssen
bist du.
bist du in mir.
und langsam verblasst du
fügst dich ein
in die graue wand hinter dir.

((Fortsetzung aufgrund der Textlänge im folgenden pdf))

Hier findet ihr Rutas vollständigen Text als pdf.

appell (α ursae minoris)

Pernille Leu

1997

flicht mich neu zusammen einzig aus einsamkeiten,
spätnächtlichen busfahrten, fuchs
lachen, denn ich spüre jedes meiner worte
zu boden sinken, wie monolithen
im vorgarten stehen, wellengeschleppt, mit
schmelzenden händen;

vermisse: goldene wälder durchsetzt mit geistern,
schürfwundenfreiheit,
vermisse: halbprofil schlüsselbeinaugen
blicke, ziehe schlussfolgerungen wie leichen
aus dem fluss, bitte
rekonvertiere mich, bitte reiß alles
von den wänden, was nicht
magie verspricht —

denn ich sitze
immer noch hier und weine
um die see. echolotgedanken
scharfzüngige lichter
mund voll kalter asche
und antworten wie schwitzige hände
eine sekunde zu lang
auf meiner schulter, bitte

kette mich
an die gleise der unendlichkeit, ich
will nur noch
die sterne sehen.

Spiel auf der Mystikklaviatur

Tim Schäfer

2000

Was ist gewünscht
was soll gezaubert
werden auf die
seidenweißen teller:
ein verwechselbarer auflauf
angereichert universell mit einer
feinen prise
ununterscheidbarkeit
oder lieber gleich
tellerlos kellnerlos essenlos
ab in den marionettenporno
dieser grauen zeit?

ohne drehpause
dahin darbend
vergessen die pflichten mich
an sie zu fesseln
wie starr sie sind
niemals allumfassend
restaurantszene
frische gönnung
überbordende dekadenz schwebt
auf regenbogentellern zu mir hin
farbenchaos
– unordnung?

reisen bestimmt
durch düstere wesen
nicht immer hell,
aber jemals dunkel?

Polarlicht

Anna Schlechter

1997

Grabsterne stehen,
wie vergessene Monumente
über´m nördlichen Horizont.

Die Luft,
ein Messer
man könnte Butter damit schneiden.

Darüber bedauerlicherweise
Licht, mehr ein Flackern,
als ein Sein.

Wie das neugeborene Kalb im Stall
so morgenlos
so rostig rot.

Einen Atemzug vor Dämmerung,
blüht grauer Nebel auf,
tot.

Weht meine Geister, weht
ich verblasse
im Grün.

Die Heimat des Staubs ist Staub
ich möchte
Richtung Norden ziehen.

Barock Reloaded

Carla Wyrsch

1996

Endlos der Schnee
Endlos der Atem
Losgelöst vom Mund
Vom Menschen

Augen wie Sehen
Zum ersten Mal
Klammern sich
An einen erfrorenen Halm
Relikte einer anderen Zeit

Endlos der Schnee
Endlos der Atem
Als söge die Kälte
Ihn in sich hinein

Ich
Ich will allein sein
Ich
Ich stolpere noch über Vergangenheit

Unter der Sohle mit gutem Profil
Wohnt der Abgrund
Der See ist gefroren
Wir wissen es

Als wäre alles unlebendig
Nicht tot
Sondern nie gelebt

Als köpfte sich die Eisblume
Ohne dass ihr Kopf jemals
Durch die Erde brach
Wir
Wir stolpern über das Feld
Sehen uns
Sehen den Atem der anderen
Spüren die Wärme vielleicht

Endlos der Schnee
Endlos der Atem
Wie Sahne
die sich im Tee auflöst
Schwimmt er
durch die steinerne Luft

Löst sich auf
Wir wissen es doch

Ich
Ich will allein sein
Ich
Ich stolpere noch über Zukunft

Was
wenn nie Sommer war?
Was
wenn das hier der Sommer ist?

Du

Ich bin allein

Endlos der Schnee
Endlich
der Atem

Wir wissen es

Ob es wohl schlimm ist, wenn „du keinen duden hast / um nach realität zu suchen“? – Über das Thema „Geistersehnsucht“ habt ihr euch mit Realität, Utopie und Magie auseinandergesetzt. Dazu gehört die Welt des Diesseits und die des Jenseits, worüber nur eines gewiss ist: „Kein W-LAN mehr im Totenreich.“ Ob das eine Erlösung ist? Kann man sich an „die gleise der unendlichkeit“ ketten und die Sterblichkeit umgehen? Wenn nicht, wollt ihr wenigstens den Tag nutzen und mit unserer heutigen Zeit und Gesellschaft aufräumen: „Wir stecken kollektiv in der Scheiße / […] Was können wir tun?“

So magisch-leicht, historisch-aktuell und politisch-kritisch waren eure Beiträge im Januar. Danke für eure zahlreichen Einsendungen und herzlichen Glückwunsch an die Monatsgewinner*innen!