Unsere Gewinner im Februar 2017

„bitte verlassen sie diesen raum“ forderte lyrix im Februar auf. Mit diesen Worten beginnt der titelgebende Text von Nicolai Kobus, der euch im Februar inspirieren sollte. Nicht verlassen, sondern betreten haben wir im Februar außerdem das Günter Grass-Haus in Lübeck, das uns die Türen geöffnet und von Günter Grass gesammelte Schneckenhäuser gezeigt hat. Herzlichen Glückwunsch an die sechs Monatsgewinner*innen im Februar!

[beruhigen sie sich, alles ist schon vorbei] 

Josefine Bätz

1996

bitte verlassen sie diesen raum das ist
ein privatgespräch bitte verlassen sie
diesen raum die decke kann jeden moment
einstürzen bitte verlassen sie diesen
raum glauben sie mir sie wollen ihn so
nicht sehen bitte verlassen sie diesen raum
wenn die feuerwehr nicht bald kommt
wird er ausbrennen bitte verlassen
sie diesen raum die jury ruft sie gleich
wieder rein bitte verlassen sie diesen
raum gegen sie liegt nichts vor bitte
verlassen sie diesen raum
in 15 minuten schließt die pathologie

Sie können hier nicht sein

Lucia Birkenrahe

2001

Sie können hier nicht sein, in diesem Raum.
Ich bin schon darin, im Raum, in dem Sie nicht sein können.
Ich bin nicht dort, weil Sie dort nicht sein können,
sondern Sie können dort nicht sein, weil ich dort schon bin.
Es ist ein Raum für Einzelbesetzung.
Ein Mensch pro Raum, so das Gesetz.
Ihre Anwesenheit ist hier unerwünscht.
Also verlassen Sie ihn bitte, diesen Raum, in dem Sie nicht sein können, damit ich
diesen Raum nicht verlassen muss.
Ein schöner Raum, mein Raum, nicht Ihr Raum.
Suchen Sie sich einen eigenen, einzelnen Raum.
Einen Raum, in dem Sie sein können, in dem Ihre Anwesenheit erwünscht ist.
Dann werden Sie den Raum, in dem Sie nicht sein können verlassen haben.
Und damit Sie ihn verlassen haben werden, müssen Sie ihn nun verlassen, den Raum,
in dem sie nicht sein können.
Tschüss.

Mama

Patricias Haas

1997

Bitte verlassen Sie diesen Raum
Mit dunkler Stimme
Unangenehm überfuhr sie mich
Und eine Wand zwischen uns war kreiert
Ich sollte gehen
Und wollte nicht
Und doch, ich sollte
Doch ich hatte Recht
Du wusstest nichts, Mama
Du konntest nichts dafür
Du wusstest nichts, Mama
Sie hat dir deine Erinnerung geraubt
Diese Krankheit, Mama
Und jetzt sagen Sie mir, ich soll gehen
Sagen mir, dass du mich nicht kennst
Doch ich wusste es besser
Mama, sag es Ihnen doch!
Ich bin dein Kind!
Doch sie wussten es nicht
Du wusstest es nicht
Du weißt jetzt nichts mehr, Mama
Und jetzt wollen sie mich hinweg von dir
Verlassen Sie diesen Raum!
So förmlich
Und doch so bestimmt
Überrollt mich, wie eine Welle
Mama, du musst mich doch kennen!
Und ich will nicht von dir gehen
Demenz, Mama, sie entfernt mich von dir
Die weißen Geister in ihren Kitteln drängen mich
Bitte verlassen Sie diesen Raum!
Mit Nachdruck
Mit Schmerz – weil du mir weh tust- weil sie mir weh tun
Mama, du wusstest es nicht
Mama, du konntest nichts dafür

Und jetzt verlasse ich diesen Raum.

Pressekonferenz

Katrin Schwegele

1998

Sehr geehrter Herr Präsident Trump,
wie wollen Sie mit einer Mauer Frieden stiften?

Bitte verlassen Sie den Raum.

wie schützen Sie mit einem Einreiseverbot vor Terror?

Bitte verlassen Sie den Raum.

warum leugnen Sie die Erderwärmung?

Bitte verlassen Sie den Raum.

und was wollen Sie mit einem atomaren Wettrüsten erreichen?

Bitte verlassen Sie den Raum.

Sehr geehrter Herr Präsident Erdogan,
wieso lassen Sie kritische Reporter verhaften?

Bitte verlassen Sie den Raum.

warum diskriminieren Sie religiöse und ethnische Minderheiten?

Bitte verlassen Sie den Raum.

und wie lässt sich Ihre geplante Verfassungsreform mit Demokratie vereinen?

Bitte verlassen Sie den Raum.

Sehr geehrter Herr Präsident Putin,
warum haben Sie die russischen Medien verstaatlichen lassen?

Bitte verlassen Sie den Raum.

wieso erheben Sie Ansprüche auf die Krim?

Bitte verlassen Sie den Raum.

und warum und inwiefern unterstützen Sie das Assad-Regime?

Bitte verlassen Sie den Raum.

Sehr geehrte Präsidenten,
vielen Dank für Ihre ausführlichen Antworten!
Eine Bitte hab ich noch an Sie:
Bitte verlassen Sie
die politische Bildfläche,
äh… den Raum.

neue schlangenhaut

Vladimir Shadrin

1996

aus der alten rausgewachsen hängt
sie doch noch bruchstückhaft auf mir
ich bin
dennoch
auf dem guten weg
sie zu verlassen

ich zog aus
nicht weil sie
mir ein schlechter freund war nein weil
sie mich einengte dass das blut nicht mehr floss

gestern erschien ein artikel

ich bleibe mein leben lang
ein stück weit bei den eltern wohnen
besonders an weihnachten

schlafe noch in meinem alten raum
wo alles noch so steht
und undersize hat

o. T.

Julia Marie Weber

1996

niemand verlässt mich so wie er mich vorgefunden hat zum Beispiel Sie Herr L. wie
Sie glaubten dass Ananas und Vollkornbrötchen zum Frühstück und Zähne Putzen
mit Ja!Wasser nur das Beste sein könnten um zum Krebs Nein zu sagen und wie Sie
in den dritten Stock gelaufen sind zum Krankenhaus-Radio und wie Sie sich wie ein
kleiner Junge aufgeregt ein Lied gewünscht haben für Ihre Frau und danach Tränen
in den Augen hatten und wie Sie mit ihr Silvester gefeiert haben sie hatte Ihr Zimmer
so schön dekoriert und wie sie gesagt hat nächstes Jahr lassen wir es richtig krachen
ich hab mich anders vorgefunden als Sie uns verlassen haben Herr L. und für Sie
möchte ich irgendetwas richtig krachen lassen es muss ja nicht Silvester sein
ich will etwas vorfinden das jemand verlassen hat bitte
jeder der verlassen wurde muss von jemandem vorgefunden werden
Sie würden mich jetzt anders vorfinden Herr L. versprochen
darauf ein Schluck Ja!Wasser um zu nichts mehr Nein zu sagen erst recht nicht zum
Leben

Mit dem Satz „bitte verlassen sie diesen raum“ habt ihr auf alle erdenklichen Weisen gespielt. Bei Gefahr beispielsweise solle man den Raum verlassen, wenn „die decke jeden moment einstürzen [kann]“. Krankheit und Tod haben euch beschäftigt, weil man demente Verwandte nicht mehr besuchen darf oder ein Mensch den „Raum“ verlässt, wenn er stirbt und uns das für immer verändert: „ich hab mich anders vorgefunden als Sie uns verlassen haben“. In euren Texten möchtet ihr euch Raum nehmen, von zu Hause auszuziehen und euch eine „neue schlangenhaut“ zuzulegen. Des Raumes verweisen wollt ihr Politiker ohne Antworten auf drängende Fragen: „Bitte verlassen Sie/ die politische Bildfläche,/ äh… den Raum.“ In diesem Sinne: „Tschüss.“;-)

So viel habt ihr aus Räumen gemacht, die man verlassen kann oder soll. Wir gratulieren den sechs Monatsgewinner*innen und danken allen für ihre eingeschickten Texte!