Unsere Gewinner im Februar 2015

Im Februar drehte sich bei »lyrix« alles um das Thema ‚Glaube‘. Was ist Glaube und wie verändert er sich im Laufe der Zeit, aber auch im Laufe eines Lebens? Inspirieren lassen konntet ihr euch dazu von dem ‚Sandmandala des Yamantaka‘ aus dem Linden-Museum Stuttgart und dem Gedicht ‚Die Welten‘ von Tzveta Sofronieva.

glaubensblut

Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen

2000

glaubensblut getränkte erde
füllt tausende geschichtsbücher
hätten sie doch ohne glaubenskämpfe
magere seitenzahlen

kreuzzüge

christen gegen islam
christen gegen christen
schwarz gegen weiß
wer missioniert wen?
missioniern bis zum tod
glaube predigt – liebe –
– vertauen – vergebung –
– verheißung –
glaube in angst gebettet
satansmacht – höllenfeuer
glaube tötet
– söhne – väter – liebe –
glaube tötet glaube

glaubensblut schreit nach
vergeltung
mütter nach dem ende

Wandel
glaubensblut – liebe – vereint
glocken läuten von minaretten
muezzine rufen von kanzeln

unter dünnem eis
schlummert vergebung
blumen blühn im sommerwind

Ich bin anders

Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen

2000

Ich glaubte, ich sei wie alle anderen
Ich glaubte nicht, was ich fühlte
Ich glaubte, es kann nicht sein

Wer hat entschieden – Du bist anders?
Du – bist krank!

Gott? Eine Laune der Natur?

Ich bin anders

meine
Hoffnung auf Quantensprünge in der Medizin

oder
soll ich glauben, dass Gott seine Meinung ändert?
wenn es ihn gibt? Und, – MORGEN bin ich gesund.

arbeitet die Zeit
– für –
oder
– gegen –
mich?

Hoffen – Glauben
innere Zerstörung
Hoffen – Glauben?

Ich bin anders

meine Sonne scheint heißer
gelbe Blumen blühen für mich rot
Synapsen explodieren in meinem Kopf

Bringt die Zeit mir einen Wandel?

tausche
Bett gegen Strand
Medikamente gegen Eis
Hoffnung gegen Wissen
Angst gegen Freiheit

Ich trage mein Hoffen in jeden neuen Tag

Ich bin anders

Ich glaube an MEINE Hoffnung
auf ein gesundes MORGEN
– wann – immer dieses MORGEN
auch sein mag!
Ich lebe auf den Flügeln meiner Zeit!

Teilzeitchrist

Julia Fourate

1994

Das Himmelreich in unsren Händen,
wie passt ein Gott in Menschenfaust?
Es klingeln samtbestickte Beutel
wie Engelschöre in der Nacht,
ein jeder kauft das Seelenheil
vom kreuz’behangnen Dealer ein,
und spart nicht an Glückseligkeit
wenn er die Taschen leert.

Am Holzschrein der Barmherzigkeit
da ist das Licht erloschen,
der Ablassbrief der Ewigkeit,
dem wir nicht widersteh’n,
ein „Amen“ macht uns göttlich,
wie der Herr es uns befohlen,
drum tanzen wir nun
Hand in Hand
im Licht des Weihnachtssterns.

Denn was wir nicht begreifen woll’n,
das müssen wir wohl glauben,
und heben unsre Hände stumm
im Weihrauchrausch empor.

bedeutung

Christoph Smaczny

1996

leeres nichts
scheint von bedeutung
ohne glauben
ohne sinn
ohne oberste idee

Wohin?
Woher?
Warum?

ins nichts
aus nichts
grundlos

könnte wohl nur
ein zyniker
antworten

so viel
vernünftiger scheint
ein großer Sinn
in alldem, ein Sinn
mindestens so groß wie
er uns scheint

doch gott bleibt tot

nihilistisches
nichts
bleibt
keine richtung
mehr
in die zu gehen
richtig ist
nichts
falsch ist
nichts
bleibt

leere

es bleibt
an eigene Ideen
zu glauben Wert Normen Gebote
zu erschaffen
wo keine sind für sich selbst
für eigene Ideen denen jeder
Anspruch auf Allgemeingültigkeit
fehlt

auch zugesprochene bedeutung ist
Bedeutung

moralische Maßstäbe finden die nicht

universell richtig
sind
die nicht ewig
sind
die nicht begründbar

sind

Maßstäbe Ideen Werte

die wie
ein Kunstwerk
die wie
ein Stück
die wie
ein Gedicht

schön sind

Sie glaubt.

Jing Wu

1995

sie glaubt
an gott
an große dinge, zu schwierig zu verstehen
an gut und böse, um durch taten heller zu sehen
an eine höhere macht, die überall augen hat und
an wunder in der nacht
in der zwischen ochse und esel
besonderes geschah

sie glaubt
der letzte besuch bei ihren eltern
ist schon zu lange her
unterlassene taten schmerzen sehr
oft nur unterschwellig
viel zu tun
die scheidung steht an sie sagt ihr mann
verwandelt sich vom prinzen zum frosch
aber er soll nicht glauben
er bekäme das haus
oder die kinder
oder das bild von gott das eingerahmt
sie ihm heimlich gestohlen hat und ihn ermahnt
dass manche lücken nicht zu füllen sind

sie glaubt
an eine bessere welt
geschaffen durch ihr rückgeld
das sie in eine kleine büchse an der kasse steckt
den flüchtlingen soll es schließlich besser gehen
doch sie kann nicht verstehen
warum die nächste notunterkunft
in ihrer straße gebaut wird
liebe erfüllte schon stets ihr herz
und doch denkt sie täglich voller schmerz
„diese fremden nächsten sind mir zu nah“

sie glaubt
an wahrheit und gesteht ihre sünden
doch verschweigt sie jene die aus diversen gründen
zu heikel für den beichtstuhl sind

sie glaubt
an ihren glauben
und schüttelt den kopf über atheisten schließlich
geht sie jeden sonntag in die kirche denn

sie ist fromm
sie ist gut
sie glaubt

so sei es.

Vielseitig waren eure Einsendungen, aber auch gekennzeichnet von wiederkehrenden Elementen. So thematisieren viele eurer Texte, dass der Glaube ein Sicherheitsgerüst sein kann für Dinge, die wir uns nicht erklären können: „Denn was wir nicht begreifen woll’n, das müssen wir wohl glauben“, schreibt treffend eine Teilnehmerin. Glaube kann Sinn stiften, uns damit beruhigen und trösten. Dieses Sicherheitsstreben kann aber auch schnell zu einer Farce werden. Dann zum Beispiel, wenn wir als „Teilzeitchrist“ meinen, mit einem jährlichen Kirchenbesuch und einer kleinen Spende im Klingelbeutel hätten wir sozusagen unser Soll erfüllt. Oder wenn wir zwar christliche Werte befürworten, aber nur solange sie uns nicht direkt betreffen – klar, Flüchtlingen soll geholfen werden, aber doch bitte nicht in meiner Straße, „diese fremden nächsten sind mir zu nah“, heißt es in dem Text einer Teilnehmerin. Doch ihr steht dem Glauben nicht nur kritisch gegenüber. Losgelöst von dem Glauben an einen Gott macht ihr einen ganz anderen Glauben zum Thema eurer Texte: Den Glauben an euch selbst. „Ich glaube an MEINE Hoffnung“, schreibt beispielweise eine Schülerin.