Unsere Gewinner im Dezember 2016

Der letzte lyrix-Monat im Jahr 2016 stand unter dem Thema „was fehlt“. Mit Simone Lappert und ihrem Text „lückenlos“ war lyrix zu Gast in der Kunsthalle Basel. Dort ist unsere zweite Inspirationsquelle des Monats, das Öl-Bild „Pander to A Prodigy“, ausgestellt. Lyrik und Kunst haben euch einmal mehr zu eindrucksvollen Texten inspiriert!

Humanismus des 21. Jahrhunderts

Luise Dreyer

1997

Auf viel,
zu wenig.
Gläser heben,
Köpfe senken.

Nachdenken

Revidieren, summieren: kassieren!
Bilanz ziehen, zieht sich wie Kaugummi:
geschmacklos, aber in aller Munde.

täglich
kläglich
24/7 angetrieben

Nachdenken
zu wenig zu selten?

haben wir doch schon
ach so beschäftigte Gedanken…

Unwucht
Millionen Menschen auf der Flucht
Millionen Menschen vor den Bildschirmen
wie sie um ihr Leben hetzen

20:15
Sondersendung live-
will that refugees boat swim or dive?

zu wenig ernsthaft:
Spaßgesellschaft, die wir sind
präferieren leichte Kost
und schwören auf Muttis Sauerbraten.

Ich erlaube mir kein Urteil?
kritisiere sonst

 zu wenig.

und so resultiere daraus:

Auf viel mehr
als zu wenig!
Nachdenken

 2017 Tiefe schenken.

abrakadabra

Tom Niklas Pohlmann

1999

die manege tobt
im verendenden frohlocken
der kegel des scheinwerfers
bleibt leer.

verblendet kraxelt der zylinder
bis er auf dem kopf steht
sein gieriger ring
entflammt als summender reifen

mit einem sprung hindurch
artisten als rotierende flummis
jonglieren auf glatzen
und bauen aus_klingen ein kartenhaus

balancieren hinauf bis zum trapez
an der kante der asymmetrischen schenkel
über faden und schneide
denn mit blick auf die tribüne

rollt ein blutrotes bällchen
über die stumpfen spalte
sinn_lostanzen die akrobaten
vor dem schlachthaus

erwarten sie kommando
des verschollenen conférenciers
jedoch ohne dirigentenstab
bleibt die rettende öffnung

Verschlossen.
bewaffnet mit popcorn
codieren sie die kaliber
der nicht gelingenden illusion

ohne doppelten boden

Definitionslücken

Jessica Taran

1999

Wir suchen Definitionslücken im Leben
nicht um sie zu definieren
sondern weil sie Klippen sind
an die wir uns annähern können
bis wir
mit den Fußspitzen nah an der Kante stehen
hauchnah
und den Abgrund sehen
das Bedürfnis haben, uns fallen zu lassen.
Wer Selbstvertrauen hat lernt jetzt das Fliegen.

T-Shirt-Tage

Julia Marie Weber

1996

einmal klingelte Frau D. und ich kam
in ihr Zimmer um sie zu fragen was
ihr denn fehle
sie saß im Rollstuhl vor ihrem Kleiderschrank der
geöffnet war eine Seite davon verdeckte ihr Gesicht
und sie sagte Tage
um diese T-Shirts zu tragen und sie zeigte auf
ihren Schoß in dem gestreifte karierte
unifarbene gepunktete T-Shirts lagen
ihr Gesicht erschien hinter der Schranktür
wenn Sie wüssten das wäre Ihr letzter Tag
könnten Sie sich dann entscheiden welches
Sie tragen würden
ich schluckte ihre Augen sahen ganz verglimmt aus
und ihre Stimme klang heiser so heiser wie eine
junge Stimme klingen kann
ich fuhr sie ins Bad und sehr sehr lange
sah sie sich im Spiegel an
zählte die T-Shirts und die Tage die es
gegeben hatte um sie zu tragen und die
an denen sie keins davon getragen hatte weil es
zu kalt gewesen war
am nächsten Tag starb sie es war Winter
Dezember vor einem Jahr Flocken fielen
die Tannen hoben ihre Äste wie Arme
und es wäre zu kalt gewesen
um T-Shirts zu tragen

Sensenblatt-Tango

Jonas Weiser

1997

Novemberregen
Am Himmel
Stahlwolle vor Granit

Ich
Zuhause
Behangen mit mausgrauer Decke
Und november(g)rauen Gedanken

Der Tod kommt nachher noch zum Tee
Dezemberschwarz mit einem Spritzer
Zitrone
Gegen die Ver-bitter-ung

Mit schief(ergrau)em Grinsen
Erzählt er
Wie er auf der anderen Seite
Manchmal Zitronen verteilt
Galgenhumor
Nennt er das

Zusammen beobachten wir
Wie der Tag
Das letzte Novembergrau
Aus den Wolken tilgt

* * *

Manchmal
Vermisse ich unsere Gespräche
Die Welt fühlt sich (k)alt an
Es fehlt an Nichts
Denn Alles ist gequantelt, portioniert
Und aufgespart

Meine novembergrauen Gedanken
Werden dicht und
Tintenschwarz

Es gibt keinen Raum mehr im Nicht(s)-Sein
Eine Singularität

Einsamkeit

Komprimiert
Zu einer kleinen Kugel
Die den Horizont krümmt…

Unterm Strich

Ist Nichts

Geblieben

Und hier ein Beitrag „außer Konkurrenz“:

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

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Anne Magdalena Wejwer

1997

ich sitze auf dem dach
an den wolken kratzend
drehe ich mir eine zigarette
aus fünfhundert euro
der himmel ist sternenklar
aber das ist mir egal

unter mir liegt die stadt
sie könnte mir gehören
aber was sollte ich damit
ich hab doch schon alles
wieder werfe ich etwas geld
aus den fenstern die nicht da sind
fühle mich wie frau holle
doch der mann im mond
streckt mir die zunge raus
zerstört meine illusion

die sterne baden im whirlpool
flugzeuge kreuzen den himmel
ich bin ein ikarus
das gold klebt schwer an meinen flügeln
wie die sonne verglüht das leben
es bleiben nur kalte zahlen auf dem konto

black friday

der könig der superlative thront über der stadt
kratzt mit manikürten fingern an den wolken
die es nicht gibt
nur geld und gold und glanz
und mitten drin ein armer reicher
und der bin ich

unter mir das lichtermeer
sterne wie gold in meinem keller
glück ist antiproportional
denn je mehr ich habe
desto näher stehe ich der kannte
meine flügel tragen mich nicht mehr
ich kann nur fallen
siebenundzwanzig stockwerke abwärts

überall sterne

schöner als gold
denke ich
und ertrinke
in meinem überfluss

In euren Texten habt ihr darüber geschrieben, „was fehlt“. Und das sind eurer Meinung nach unter anderem Moral und die Menschlichkeit in Zeiten der „Spaßgesellschaft, die wir sind“. Was fehlt ist das wirkliche Nachdenken anstelle der Oberflächlichkeit und so lautet einer eurer Vorsätze für das neue Jahr: „2017 Tiefe schenken“. Ihr träumt von sozialer Gerechtigkeit, übt harte Kritik an der Schere zwischen Arm und Reich und stellt gleichzeitig in Frage, ob es immer das Nonplusultra ist, reich zu sein. Manchmal fehlt es in euren Texten aber auch an etwas Grundsätzlichem, nämlich dem Leben an sich: Wenn der Tod „nachher noch zum Tee [kommt]“ und es eh zu kalt gewesen wäre „um noch T-Shirts zu tragen“.

So desillusioniert und verträumt, schwer und leicht waren eure Beiträge im Dezember.

Herzlichen Glückwunsch an die Monatsgewinner*innen und vielen Dank für die darüber hinaus zahlreichen Einsendungen!