Unsere Gewinner im Dezember 2015

Im Dezember habt ihr „Unpolitische Lieder?!?“ im Spiegel der jetzigen Zeit, der aktuellen Ereignissen und Entwicklungen, Debatten und Maßnahmen, die die Welt, Europa, Deutschland und dich betreffen, herausfordern und bewegen, geschrieben. Ihr habt euch positioniert, Kritik geäußert und aufgerufen, inspiriert durch Martin Piekars Gedicht „Drink responsibly“ und einer Spardose aus dem Hoffmann-von-Fallersleben-Museum in Wolfsburg. Der Dichter, der sich politisch für die Nationalliberale Bewegung in Deutschland engagierte, musste für sein Streben nach deutscher Einheit, demokratischen Rechten und Freiheit den Preis der politischen Verfolgung zahlen. Mithilfe dieser Spardose war er in der Lage, trotz seines fehlenden festen Einkommens, ein erhebliches Vermögen anzusparen.

Unpolitisches Stimmungslied

Lena Hinrichs

2000

I.

Wir haben unsere Hymne
Vergessen, können die Melodie gerade so mitsummen im
Sirren zwischen Bienen und dem Kühlschrank
Googlen wir den Text, nein, geht
Auch ohne, denn was geht uns der Staat
Schon an
Der macht doch eh was er will und wir
Vertrauen nicht dem was wir gewählt haben, wir
Wählen auch nicht, wen auch, es
Gibt keinen in diesem Land und
Wahlplakate sind doch eh nur schön
Gedruckte Seifenblasenversprechen, wir
Passen lieber auf, nicht
Auszurutschen auf dem nassen Boden geplatzter Versprechen und
Sagen erstmal nein, bevor es
Vielleicht doch schön werden
Könnte
Oder auch nicht

II.

Wir und der Staat und
Gesetze und
Wir nehmen uns Freiheit
In diesem Land
Danach strebten wir schon
Unser ganzes Leben lang
Du und ich ohne
Irgendeinen Staat

Gesang der Gemäuer in fruchtbarem Boden II

Ansgar Riedißer

1998

Wie kann ich noch sprechen
mit all den Völkern hinter mir den Wanderbewegungen jeder erforschbaren Zeit?

Europa selbst kam übers Meer nach Kreta, auf den Schultern eines zweifelhaften Schleppers:
Zeus. Sie kam aus Phönizien, einem Land auf dem Gebiet des heutigen Libanons und Syriens.
Später floh Aeneas mit Vater, Kind und dem Trauma im Feuer verstorbenen Frau Krëusa aus
dem brennenden Troja. Dido gewährte ihm nach Stürmen und Schiffbruch Asyl doch Aeneas
zog weiter und wurde der Stammvater Roms. Wie ihm erging es vielen Helden die ihm voraus-
gingen und folgten. Sie verließen ihre Heimat und brachten sie in ein neues Leben. Gunther
brachte Brünhild als unfreiwillige Immigrantin nach Worms. Im Jahr 716 begann der Heilige
Bonifatius, Engländer, in Friesland zu missionieren. 38 Jahre später wurde er von Einheimischen
ermordet. Menschen wie er brachten gegen den Widerstand patriotischer Germanen das
Christentum ins heutige Deutschland. Die Germanen ihrerseits waren wohl 2000 vor Christus
eingewandert, aus Hunger, also: als Wirtschaftsflüchtlinge. Alle Kultur ist Bewegung. Flucht ist
Bewegung. Migration. Verlassen und Aufnehmen. Wie die Geschichte sich auflöst in ein Meer
gerichteter Größen, auf dem auch meine eigenen Vorfahren treiben. Meine Großmutter
streitet ab dass Zigeuner darunter seien. Welle um Welle in Richtung Gegenwart. Brecht floh.
Leonard Bernstein floh. 1988 siedelte Helene Fischer von Sibirien nach Deutschland über.
Meine Großeltern wanderten aus und ich blieb zurück.

Wie kann ich sprechen wenn nicht als Wanderbewegung der Zeit.

Bürgerbananen

Alexander Schmitt

1999

Bürgerbananen;
GRUNDVERSCHIEDEN!
Gezwungene Uniformen:
Steif, Still, Gerade!
Aber krumm bleibt krumm.

Ist krumm gleich dumm?
Senke plus Steigung:
Addiert Gerade.
Ists nicht so?
Aber krumm bleibt krumm.

Krumm gemacht,
Gesellschaft, Eltern.
Reputation gewünscht,
Rezension „geschenkt“.
Aber krumm bleibt krumm.

Kopf funktioniert.
Nicht.
Formatierte Festplatte,
Gebrannte Meinung.
Bild: Manipulation!
Aber krumm bleibt krumm.

Licht aus für Deutschland.
Deutsche Alternative?
Veränderung: Ja!
Alternative: Nein!
Bodenlos Dumm.
Ist krumm gleich dumm?
Aber krumm bleibt krumm.

Bürgerbananen sind:
Affenfutter; Alternative Affen.
Intelligenz verschwunden?
Sie ist weggelaufen: Geflüchtet!
Kultur bedroht? Nein!
Es ist Bereicherung!
Deutschlands Reichtum aufgefüllt!
Aber krumm bleibt krumm.

Herr Ober? Ja!
Erkenntnis bitte!
Bürgerbananen hört!
Seid kein Affenfutter!
Nicht für Alternative Affen!
Ihr seid krumm.
Und krumm bleibt krumm.

aber

Karen Schmitt

1996

möchte meine ohren schließen
leider lieber stumm verweilen
tränenmeere stumm vergießen
elenden zu hilfe eilen

ich hab ja nichts gegen ausländer
„aber“
Ich habe ein
Unwort
des jahres gefunden

unpolitisch
„aber“
kein nazi
„aber“
a
b
e
r

Alptraum
Beraubter
Erniedrigter
Rückhaltloser

Antwort
Berauschter
Einträchtig
Rücksichtsloser

ich lasse alle reime fallen
meine hände leer und offen
schreie stumm und hör kein hallen
aber
aber
ich muss hoffen

er presse freiheit

Jing Wu

1995

mama, wer ist der mann
auf dem bild?
ein fremdes lachen, ein kuss, augenblick-
lich lichtet sich die wohnung, das grinsen
beschallt den raum und verhallt. ach der,
mein kind, ist wen ich im traum
vor mir stehen sehe.

mama, wo ist der mann
in diesem moment?
er, mein kind
ist längst nicht mehr hier.
er sitzt zwischen vier wänden
aus reißfestem papier –
der einstige schreiber
erstickt am eigenen wort.

mama, was hat der mann
schlimmes gemacht?
die wahrheit gesagt und den funken entfacht,
doch damit, mein kind, hat er eines tages
ein lügendes system gegen sich aufgebracht.

mama, wann kommt der mann
wieder frei?
dein papa
ist eingesperrt zu ihrem gefallen,
doch kommt er wieder, mein kind, wenn die
anderen fallen.
ich spüre verschwommene hoffnung
morgens im licht

– die presse beugt sich lügen nicht.

Und hier zwei Beiträge „außer Konkurrenz“: (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

Ob man sie stoppen kann

Victoria Helene Bergemann

1997

Ich frage mich,
ob Roosevelts Eltern stolz waren
als er 1935 Versicherungen einführte
1938 den Mindestlohn
als er den Menschen helfen wollte
Dass sie die Demokraten wählen
das zumindest stand fest
bis er kam
und demokratische Ideale verschob
Ob er das hinbekommen hat
oder ob sie irgendwann stillstanden
zu konservativ für weitere Bewegung
das frage ich mich

Ich frage mich,
ob Hitlers Eltern stolz gewesen wären
wenn sie gewusst hätten
dass das Aggressionspotenzial ihres Sohnes
vielleicht etwas ausgeprägter ist als normal
aber er so schlau ist
dass er mehr als 60 Millionen Menschen
einfach an der Nase herum führen konnte
dass er sich für familiäre Werte einsetzt
und für seine Heimat
oder ob sie erkannt hätten
dass er vielleicht
das größte anzunehmende Übel
in Menschenform war
das frage ich mich

Ich frage mich,
ob man erkennt,
wenn geliebte Menschen
Dinge bewegen
dass sie sich einsetzen
oder menschliche Aussetzer haben
ob sie einen zum Umdenken bewegen
oder man ihretwegen umdenken muss
ob man handelt
sich laut dagegen ausspricht
ob man ihnen gut zuspricht
ob man sie stoppen kann
ob nicht schon längst mal wieder
Menschen gestoppt werden müssten
das frage ich mich

honigsüß

Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen

2000

meine sonne verdunkelt sich
der morgen atmet trauer
meine hände zittern
ich sing mein lied
sing es still
weil keiner
es hören will

integration

inklusion

große worte
keine taten
verschlossene türen
keine auskünfte
der wind flüstert
hoffnung

verstummt

honigsüß wird
hart geurteilt
ausgegrenzt
zurückgewiesen
nicht verstanden
kämpfen macht so müde
ein inferno tobt in mir
ich wünsche mir

dass

die die an den schaltstellen sitzen

„1 jahr in meinen schuhen laufen“

wer ist gescheitert
unser system oder ich
persönliches budget
sozialstation
integration
inklusion
es tut mir leid
dafür sind wir nicht zuständig

meine mutter denkt immer
ich merke es nicht
wenn sie wieder einmal
für mich weint
über die vielen
neins
über den paragraphendschungel
der so voll wilder tiere ist
dass man daran
scheitern muss

lange hab ich überlegt
soll ich die welt
konfrontieren mit mir
und all denen
die keine worte finden
deren hände zittern
deren sonnen morgens
schon untergehen
die das flüstern des windes
nicht hören können
die der paragraphendschungel
erschöpft
weil zu viel zeit
zu viel trauer atmet

dann …
dachte ich

was macht die welt mit mir
mit uns
die am rande leben
sie macht die augen zu
reitet auf schlüpfrigen
paragraphen
von amtsstube
zu amtsstube

schmettert ab
honigsüß

Politik ist selten simpel und sie zu erklären und zu beurteilen fordert uns heraus, manchmal mehr, manchmal weniger. In letzter Zeit wieder ganz besonders, denn die „Wanderbewegung der Zeit“ – Umbrüche und Entwicklungen auf der ganzen Welt – beeinflussen die politischen Beziehungen, Konflikte und Entscheidungen. Deutschland und Europa spielen hierbei eine wichtige Rolle, denn die politische und wirtschaftliche Stabilität, unsere gesellschaftliche Ordnung und die westlichen Werte sind für die einen ein Bild der Hoffnung, für die anderen ein klares Feindesbild.

Probleme und Herausforderungen türmen sich zu Bergen auf, vor denen man vor Ratlosigkeit Angst bekommen kann. Die Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, veranlassen so manchen, sich abzuwenden nach dem Motto „was geht uns der Staat / Schon an / Der macht doch eh was er will […] wir / Wählen auch nicht“. Andere üben sich in Desinteresse und Ignoranz: „Formatierte Festplatte, / Gebrannte Meinung. / Bild: Manipulation!“ und vor allem in Faulheit – „Herr Ober? Ja! Erkenntnis bitte!“.

Ihr zeigt auf, wie gefährlich das ist, wie leicht damit unser höchstes Gut – die kostbare Freiheit – entschwinden kann. Vielen Menschen auf dieser Welt bleibt die persönliche Freiheit verwehrt, wo „der einstige schreiber / erstickt [ist] am eigenen wort“. Was hat er „schlimmes gemacht? / die wahrheit gesagt und den funken entfacht, / doch damit […] hat er eines tages / ein lügendes system gegen sich aufgebracht“.

Hier hingegen möchten zu viele die „ohren schließen / leider lieber stumm verweilen“. Zu verlockend scheint bei der Komplexität der aktuellen Herausforderungen unserer Gesellschaft ein Schwarz-und-Weiß-, Gut-und-Böse-Denken zu sein, begründet auf zu schnellen, zu wenig fundierten Beurteilungen. Faulheit und Angst macht Manipulation erschreckend einfach. Das darf nicht sein, findet ihr und fragt euch, „ob nicht schon länger mal wieder menschen gestoppt werden müssten“.

Wir bedanken uns bei euch allen für eure reflektierten und großartigen Texte und gratulieren den Gewinnern im Dezember!