Unsere Gewinner im August 2016

Im August haben wir mit euch und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach darüber nachgedacht, was es bedeutet „unhintergehbar“ zu sein. Diese Wortschöpfung verwebt nicht nur verschiedene Bedeutungsebenen miteinander, sondern weckte – auch bei euch – unglaublich viele Assoziationen.

Ita est

René Kartes

1996

auch deine eltern hatten
mindestens einmal zahlungsverkehr
die geburtsurkunde ist ein wertpapier:
jemand hat dir den wechsel
in die wiege gelegt

je mehr du hast
desto mehr gibst du aus
von einem lebenslohn
bleibt nicht viel übrig

bei der geburt erhältst du
ein darlehen, der betrag
kann variieren, heute lebt man
auf pump, kredithaie, die mit
karten kleine fische angeln

trotz omas goldzähnen
auf dem zahnfleisch gehen
bankgeheimnis ist, was
am ende des tages bleibt

morgens ab 5:30 spielst du
monopoly, einzig die bank ist
jede runde unhintergehbar

Als Heimat eines Mannes

Jing Wu

1995

am anfang vom ende
vergaß er die schlüssel und die namen seiner freunde seine hände
fingen an zu tanzen ohne seinen willen
so waren die stillen tränen nur für sich und sie allein bestimmt
und irgendwann
nur noch für ihn denn er
erkannte seine frau nicht mehr.

seine frau
für die er einst vor einem halben leben mit seinem letzten
taschengeld die schönste rote rose kaufte
die heute welk und brüchig ist denn
es ist alles eitel.   

und doch besucht sie ihren mann
geht jeden tag den gang entlang und findet
hinter sterilen türen den menschen den sie
wahrhaftig liebt
er schläft
wie so oft und
sie küsst ihn auf die stirn
dreht sich fast um und möchte gehen
als sie sein lächeln sieht.

wissen wird vergessen und
erinnerung verblasst
das gedächtnis lässt sich täuschen doch
es ist die zuneigung
die im schatten hinter seiner krankheit geht
und dennoch

unhintergehbar
ist.

Neumond

Leonie Klendauer

1997

Von den Sternen aus gesehen
wirst auch du
keine Weite haben.
Ich betrachte jede Welle,
als brächte sie – eine Lösung
aus Salz, Wasser und Mehr,
am Ende Schaum und ich will
mich in diesem Grün versenken –
den verschwundenen Horizont mit.
Deine Tiefe lässt mich sinken
oder Oberflächenabschied oder
ich schenke dir mein Bein.
So könnte ich schreien.
Ich brauche einen Mond,
der dich verebben lässt.
Dein Lachen: Unergründliches
bewegt die Erde für immer
und die Füße wachsen
als Wurzeln hinein.
Wenn manche Sterne scheinen,
als schössen sie auf Reisen,
wünsche ich mir
nichts mehr.

o. T.

Lisa Winkel

1999

im glauben an eine bessere zukunft sind wir gewachsen, aufgestanden und haben als riesen die straßen gefüllt
in denen vor lauter wir für die ichs kein platz mehr war
als flutwelle in der farbe unserer fahnen und plakate sind wir tosend durch die straßen geschäumt und haben alle mitgerissen
die nicht wurzelfestgeklammert verankert waren im gegenteil
und unsere stimme sprach für die zukunft, unser brüllenschreienschluchzen und schweigen wurde zu dem treibenden trommeln
bis kugeln die ichs durchlöcherten und das wir

aber der glaube bleibt
unversehrt, unhintergehbar, unsterblich

Das Es

Alina Jacobs

1999

Ich bin.
Ich werde sein.
Ich werde gewesen sein.
Ich werde aufhören zu sein.

Wie viel Geist bin ich?
Wie viel Körper?

Etwas in mir hat eine Stimme
manchmal schreit es,
manchmal flüstert es,
manchmal weint es,
still
ist es nie.

Es ist.
Es wird sein.
Es wird gewesen sein.
Es wird nie aufhören zu sein.

Wie viel Körper, wo er doch zerfällt?
Wie viel Geist, wo er doch zerschmilzt?

Was bleibt, ist das Es.
Was Es auch ist, eine Stimme, ein Kern, eine Essenz,
es lässt sich nicht täuschen, vergeht nicht, ist unschuldig,
ist wahrhaftig.

Und hier ein Beitrag „außer Konkurrenz“:

(Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Monatsgewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den Besten sein, wird es „außer Konkurrenz“ veröffentlicht.)

Zwei Mauern, ein Fundament

Victoria Helene Bergemann

1997

I
Man hat schon Menschen Mauern bauen sehen
und man sah sie sie wieder abreißen
denn man hat schon Helden stürzen sehen
und Mauern stürzen ein.

II
Ihr wart die Mauern.
Zwei Stück an der Zahl
so hoch konnte ich gerade noch zählen an schlechten Tagen
Die Betonfugen das Rückgrat
jeder Stein ein Fels in der
Flasche Wein,
die mich mitgerissen hätte,
hättet ihr mich nicht immer wieder gehalten.
Cola-Korn auf euch –
Zwei Mauern, ein Fundament.

III
So weit reichte mein Horizont
jeder Versuch, euch zu hintergehen
unmöglich.
Hab mir den Kopf gestoßen,
noch ehe ein Fuß draußen war.
Das Klopfen an euch ein dumpfes Geräusch,
jeder Widerstand zwecklos.
Ich allein und ihr ja zwei.
Zwei Mauern, ein Fundament.

IV
Der Mensch wächst am Widerstand
hat einer von euch mal gesagt
ich weiß nicht,
ich glaube, so ganz wart ihr das nicht,
aber irgendein schlauer Mensch muss es ja gewesen sein
einer mit Rückgrat, sein eigener Fels.

V
Ihr wart die Mauern
und je weniger ihr mich gehen lassen habt,
desto mehr bin ich gewachsen.
Noch als Kind kommen einem Häuser viel größer vor
Mauern höher als die Staatsschulden der Bundesrepublik.
Bis einem irgendwann auffällt,
dass eine Mauer manchmal auch nur ein Kieselstein ist.
So einer ohne Fundament, vor allem ohne Rückgrat.
Der im Strom mitschwimmt
die Spüle hinunter, wenn man die Flasche auskippt.
Den Bach herunter, hinten links,
immer weiter nach Westen, unter der Brücke hindurch,
die Elbvertiefung überstanden,
um irgendwann am Meeresboden
zwischen vielen anderen
rund in die Norm geschliffen zu werden.
So lange bis man kein Rückgrat mehr hat.

VI
Ihr wart die Mauern
Zwei Stück an der Zahl
so hoch konnte ich gerade noch zählen an schlechten Tagen.
Cola-Korn auf euch –
zwei Kiesel, kein Fundament.

I
Man hat schon Menschen Mauern bauen sehen
und man sah sie sie wieder abreißen
denn man hat schon Helden stürzen sehen
und Mauern stürzen ein.

Hintergangen werden ist schmerzhaft, hintergehen gefährlich. Aber wer oder was ist eigentlich hintergehbar oder unhintergehbar? Auf der Suche danach seid ihr dem Glauben an eine bessere Zukunft begegnet, der selbst über den Tod einzelner hinaus unversehrt bleibt. Und allgemein, das, was vom Menschen bleibt, scheint unhintergehbar zu sein. „Was es auch ist, eine Stimme, ein Kern, eine Essenz,/ es lässt sich nicht täuschen, vergeht nicht, ist unschuldig,/ ist wahrhaftig.“ Krankheiten wie Parkinson oder Alzheimer können Menschen Wissen und Erinnerung nehmen, aber „es ist die Zuneigung/ die im schatten hinter seiner krankheit geht/ und dennoch/ unhintergehbar ist.“ Oder ganz einleuchtend in unserem kapitalistischen System: „einzig die bank ist/ jede Runde unhintergehbar“.

So bunt und gleichzeitig tiefsinnig waren eure Beiträge im August.
Vielen Dank für eure zahlreichen Einsendungen und herzlichen Glückwunsch an die Monatsgewinner!