Unsere Gewinner im April 2017

Unsere sechs April-Gewinner*innen stehen fest! „Teile Plastik.“ lautete das dazugehörige Thema rund um Natur, Umwelt und deren Zerstörung. Als Monatspatin stellte uns Anja Utler im April ihren Text „Rechnungslegung.“ zur Verfügung. Passend dazu konntet ihr euch von einem Bild eines leeren Einkaufswagens von Bernd Finkeldei aus dem Museum der Brotkultur Ulm inspirieren lassen.

Der letzte Eisbär

Fabia Bulk

2001

Ich war der letzte
Eisbär
Fell so weiß wie Schnee
wäre ein schrecklicher Vergleich
denn
Ich kann nur noch an milchiges Plastik denken
und
Ich könnte von vorher erzählen
Aber jetzt zählt nur noch
Der letzte Eisbär
war ich

Der letzte Eisbär
schwamm im Meer
als
sich alles Eis auflöste
und
Die Menschen mit dem Plastikpol anrückten
Berge aus milchigem Plastik
glitzerten wie Splitter im Auge
zu rutschig für einen Eisbären

Der letzte Eisbär
konnte nicht mehr
als
Ein Mensch auf einer Plastikscholle vorbeischwamm
wie ein Splitter im Auge
und
Der Mensch sagte:
„Komm doch zu mir!
Ich teile mein Plastik mit dir.“
„Die Scholle ist zu rutschig.
Ich kann nicht hochklettern.“
, sagte der letzte Eisbär

Der Mensch schwamm weiter
Der letzte Eisbär nicht.
Dann war da kein Eisbär mehr
Der Mensch erzählte allen
wie der letzte Eisbär
seinen Untergang
selbst
verschuldet hatte

Der Verlust durch den Verlust von Lebewesen weltweit ist nicht bezifferbar

Lukas Friedland

1999

2,8 Millionen Wirbeltiere

quieken in laboren

wurden 2014 (D) für Tierversuche

durchgedreht

genutzt

und affen kreischen

Es gibt 37 Arten von Kopfschmerzen, die Sie selbst behandeln können.

Bis 2048 könnten die meisten

fische nach plastik duften

Fischarten

in gottverdammten netzen

ausgestorben sein

jauchzend singend

Er kommt von weitem übers Meer und bringt uns uns’ren Fisch hierher.

Alle 2 Sekunden

fallen augen aus allen wipfeln

wird Waldfläche in der Größe

einer panischen flamme

eines Fußballfeldes vernichtet

mit tukans todesschrei

Wohnst du noch oder lebst du schon?

313 Kilo genießbare Lebensmittel werden

piep piep piep

pro Sekunde (D)

wir haben uns alle lieb

weggeworfen

guten appetit

Wir lieben Lebensmittel.

Nimmersatt

Leonie Klendauer

1997

„Kleine Raupe frisst sich durch Plastik“
(FOCUS Online, 25.04.17, 07:44 Uhr)

Am Montag fraß sie sich durch einen Schnuller,
aber satt war sie noch immer nicht.
Am Dienstag fraß sie sich durch zwei Legosteine,
aber satt war sie noch immer nicht.
Am Mittwoch fraß sie sich durch drei Wasserbälle,
aber satt war sie noch immer nicht.
Am Donnerstag fraß sie sich durch vier Lotti Karotti Häschen,
aber satt war sie noch immer nicht.
Am Freitag fraß sie sich durch fünf Barbiepuppen,
aber satt war sie noch immer nicht.

Am Samstag fraß sie sich durch eine Taucherbrille,
eine Wundertüte, ein Feuerwehrauto, einen Arztkoffer,
eine Wasserpistole, ein Walkie-Talkie, eine Mundharmonika,
ein Paar Gummistiefel, eine Hot Wheels Bahn und eine Frisbeescheibe.

„Es ist diese Raupe, die im Kampf gegen das Plastikmüll-Problem
neue Hoffnung weckt.“ (FOCUS Online, 25.04.17, 07:44 Uhr)

Am Sonntag fraß sie einen Vogel.
Aber satt war sie noch lange nicht.

Alles was du liebst

Miriam-Sophie Linke

1999

Die Natur, die liebst du
Sagst du und pflanzt symmetrisch
Schnitthecken in den Garten
gewürfelt, gepresst, gestutzt
Rechte Winkel in grauen Fugen

Die Tiere, die liebst du
Sagst du
Rotierendes Rind auf deinem Grill
Still vor Tod schaut es dich an
Mit glänzendem Blick

Die Menschen, die liebst du
Sagst du und grenzt ab, grenzt aus
abgetrennte Völker wie abgetrennte Glieder
Ein zerteilter Kadaver
verrottet, verwest

Dich selber, dich liebst du auch
Sagst du und spritzt Botox in dein Fleisch
Das betonierte Lachen
Wirft gebügelte Falten
Wie rechte Winkel in grauen Fugen

Plastic Surgery

Svenja Plannerer

1996

Was graben
Außerirdische Archäologen
Von uns mal aus?
Was stellen sie in Museen in die Vitrinen?
Wenn wir extinkt gegangen sind
Drehen sich auf fremden Planeten
Hologramme.
Wenn wir uns zu Tode kohlenstoffoxidiert haben,
Beglotzen uns neugierige Kinderaugen,
gelangweilte Schüleraugen,
Und was hören sie?
Wir waren Cyborgs,
gekoppelt an unser Oversharing,
Unsere Schaltkreise voll von „Klick mich“;
Wir
Erstickten am eigenen Dreck,
Während wir,
Stolz auf unsere Plastikberge mit Nippeln,
Schrien: „Benutz mich!
Oh ja!
Mhhh, genau so!
Und dann wirf mich weg!“,
Während die Urwaldfeuer
Unsere Selbstzweifel in schwarzen Rauch verwandelten,
Der unsere Lungen von innen schwarz färbte.
Nichts anderes als
Malen nach Zahlen, Karma-Edition,
Mit nur einer Farbe
Und nur einem Feld.
They had it coming,
Denken die Betrachter.
Wir freuten uns an
Den schäumenden Flaschen Moet&Chandon,
Durch die wir aussahen wie Tollwütige;
In unseren trunkenen Augen stand geschrieben
SMILE, BITCHES, NOTHING REAL TO SEE HERE,
Der neue Gospel für
Die Menschenrasse „Kauf mich”.
Also gingen wir unter,
Auf den künftigen Gräbern unserer eigenen Leichen tanzend,
Denn unsere Friedhöfe konnten so viel
Material nicht halten.
Und wir merkten es nicht;
Berauscht vom Triumph
Riefen wir noch,
Als wir schon in die Knie gezwungen wurden:
„Wir verrotten nie!“,
Bevor wir uns an unserer ewigen Party vergifteten,
Die nur unterbrochen war
Vom gelegentlichen Scheinheiligkeits-Post.
Die Ausstellungshalle,
In Dunkelheit und angewidertes Schweigen gehüllt,
Ist bald wie leer gefegt,
Denn keiner will unsere Exponate –
Plastiktüten, Barbies, Brustimplantate, Zahnfüllungen, Kreditkarten, Hüftgelenke, Dildos, Kunst, Coffee-To-Go-Becher, Fake-Louis-Vuitton-Taschen, Iron-Man-Figuren,
Allesamt verschmort, geschmolzen, rußgeschwärzt und angebrannt,
Nach Höllenfeuer stinkend –
Mehr sehen.
Unser Hologramm
Dreht und dreht sich also,
Erzählt über unseren Niedergang
Mit einem gefrorenen Lächeln im Gesicht und hölzerner Stimme,
Aber keiner will unser Andenken schützen,
Denn alles, was die
Außerirdischen Archäologen
Ausgegraben haben,
Aus dem Schutt und der Asche,
Ist der Beweis,
Dass wir uns plastisch zu Grunde gerichtet
Haben.
Titel der Ausstellung
„Plastic Surgery – Vom Stolz und Abwinken“
Und die Ausstellungshalle,
Unser Erbe,
Ist leer.

Fakegöttin

Jessica Taran

1999

Barbie
teile deine gefakte Plastikwelt mit uns,
damit wir uns in deiner Illusion verkriechen können,
wenn das Panorama unserer Stadt
längst nur ein Schatten von Müllbergen ist.

Barbie
Kindsein ist out, aber Erwachsenwerden ist uncool.
Die Weltbevölkerung sucht eine Nische,
ist auf Entzug von Verantwortung
und süchtig nach Konsum.

Barbie,
Wer wird unser Weltbild gerade rücken,
wenn die Erde längst aus dem Gleichgewicht geraten ist?

Barbie
hinter deinem Horizont stirbt eine Welt
dein Himmel ist eine Plastikplane
und die Wolken sind aus Zuckerwatte,
gefärbt in Sonnenuntergangsfarben.

Barbie,
deine tote Plastikhülle vergeht nicht
stirb in Ewigkeit.
Amen.

Klimawandel, Umweltverschmutzung, Konsumrausch: Das sind Themen, mit denen wir uns beschäftigen müssen, auch wenn wir manchmal nichts mehr davon hören wollen. Denn ob wir wollen oder nicht, die Auswirkungen werden wir spüren. In euren Texten habt ihr gnadenlos beschrieben, wie unsere Zukunft aussehen könnte, wenn wir so weitermachen wie bisher. Ihr erzählt Geschichten: Vom Untergang des letzten Eisbärs, der keine Chance hat zu überleben, weil alles Eis geschmolzen ist und er es nicht auf die letzte Scholle aus Plastik geschafft hat. Oder von der nimmersatten Raupe, die sich durch Berge von Kunststoff frisst und damit „im Kampf gegen das Plastikmüll-Problem neue Hoffnung weckt“.

Ihr macht zum Thema, wie heuchlerisch und scheinheilig wir uns manchmal dem Kampf um die Erde verschreiben: „Die Tiere, die liebst du / Sagst du / Rotierendes Rind auf deinem Grill / Still vor Tod schaut es dich an“. Und ihr schreibt vom Menschen als Ersatzteillager aus Plastik mit Barbie an der Spitze, die uns als „Fakegöttin“ die perfekte Illusion vorgaukelt. „Was graben / Außerirdische Archäologen / Von uns mal aus?“, fragt ihr euch und beantwortet euch diese Frage ernüchtert selbst: „die Ausstellungshalle, / Unser Erbe, / Ist leer.“

Danke für eure Texte im April und herzlichen Glückwunsch an die sechs Gewinner*innen!