unhintergehbar

Die Jury hat entschieden!

„unhintergehbar“ heißt das lyrix-Thema im August. Als Inspiration haben wir den Text „die karelische grenze“ von Charlotte Warsen und Sarah Kirschs „Waldgedichte / Wild-Sonette“ aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach ausgewählt. Was bedeutet es für euch, unhintergehbar zu sein?

die karelische grenze

Charlotte Warsen

am ende standen wir also vor diesem wald der total massiv war. mit massivem tier aus reinem tierstoff und getier. also nichts als wanderbewegung, waldmaterie, tiermähne. der zog sich hin, der wald. zäher waldsaft. gemeines waldwachs, feinstes waldöl, völlige dichte; der wald passierte, uns, passierter wald. der wald war rein, ich dachte noch, es passt nichts rein in diesen wald: der wald kann alles in sich aufnehmen, alles, überall baumschaum überall war wald ist wald wird wald sein, überall unterholz; unterhalb axt. der wald ist clean und leise und lauter wald. der wald legt an. er legt es darauf an. wald war schon, kommt aber wieder. wallender wollender wald. der wartende wald. der kommende wald, der dolce wald. der wald ist nischenlos und sehr prestige. ihm fehlt nichts, er ist urban und ahnt etwas. alles was hart ist, alles was grün ist; verschlungene lungen, zuber. verschwundene kuhlen, mulden, mulden: der wald steigt. unentrinnbare rinnsale. der wald falzt. baldwald und bold wald. der wald boomt, der wald boult, der wald bumst. der wald ist kalt, der wald ist alt der wald ist an, der wald ist zu. der wald ist heute zu. der wald macht an. er legt uns ein.ärgert uns über sich selbst. der wald ist arg. der wald wird, der wald wird kalt, der wird erwachsen, der wald. der wald gebiert, der waldstirbt. der wald brennt auf der zunge, der ascht uns ab. man kann nicht an der lasche ziehn. man kann den wald nicht abziehen, man kann die wachsstreifen nicht abreißen; der wald ist unhintergehbar. der wald schleift und schleppt. der wald schlauft und schläft. der wald schnauft. der wald trinkt. er zieht waldwasser und: walddurchtränkter wald. klischee und schnee, so wald, so weiter, der wald ist wahr, der wald prallt, er ist zumindest aus metall und all. der wald eitert, der wald weitert, der wald würgt, entert, wurzelt, gnomt; spitzt seine ohren. der wald spritzt überall quillt wald, gilt wald, wandert wald, gelingt wald und schlingt wald, valid wald. longing for löcher, but no no. inwards and outwärts imwald und waldwärts waldwechsel wildwald waldwuchs nachwuchs und ach-wuchs. ach baldwuchs. der wald wächst – efeu dem nach. wald im wandel der zeiten, wand in zeiten des waldes; randtropisch, saumseicht, westfahl. chintinpanzerschwarzglänzend und glatt. waldet und brandet; landen andere dran an interlianen. passen inzwischenbäume äste stämme kein blatt mehr

(Aus: Charlotte Warsen, vom speerwurf zu pferde, luxbooks 2014)

unhintergehbar – Ein Wort, das es eigentlich gar nicht gibt, das aber unglaublich viele Assoziationen weckt und verschiedene Bedeutungsebenen miteinander verwebt. Versucht man, diese Wortschöpfung „aufzudröseln“ und in einzelne Assoziations-Happen zu zerlegen, verliert sie an Stärke. Zumindest wenn man – wie wir – einen erklärenden Text dazu schreiben möchte. Und deshalb fassen wir uns im August mal ganz kurz und überlassen das Feld komplett euch und euren Texten.

Was bedeutet „unhintergehbar“ für euch? Was oder wer ist für euch unhintergehbar? Von was oder wem lasst ihr euch nicht täuschen, betrügen, hereinlegen? Hintergeht ihr euch auch manchmal selbst und macht euch etwas vor, wollt euch Dinge nicht eingestehen, weil ihr Angst habt, unsicher seid?

Wir sind gespannt auf eure Assoziationen und freuen uns auf eure Texte im August! Euch allen schöne Sommertage und Ferien!

Die Jury hat entschieden!

Charlotte Warsen, Foto: Valerie Schmidt

Charlotte Warsen
Wurde 1984 in Recklinghausen geboren und wuchs in Haltern am See auf. Sie studierte Malerei, Amerikanistik und Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf, in Köln und Joensuu, Finnland. Ihr erstes Buch vom speerwurf zu pferde erschien 2014 bei Luxbooks. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt ‚Kulturtechnik Malen‘ an der Kunstakademie Düsseldorf, schreibt eine Doktorarbeit in der Philosophie und lebt in Berlin.

Sarah Kirsch, "Waldgedichte" (1982)

Sarah Kirschs „Waldgedichte / Wild-Sonette“

„Eigentlich schreibe ich immer. Ich bin ein Schädling von der vernichteten Papiermasse her und tue gut daran, in jedem Jahr mindestens zehn Bäume zu pflanzen“, so schrieb die Schriftstellerin Sarah Kirsch von sich selbst. Ihre „Waldgedichte / Wild-Sonette“ schreibt sie 1982 immerhin schon einmal in ein Din-A4-Schulheft aus Recycling-Papier: Ein Waldidyll mit Rehen säumt das Cover – ganz anders dagegen liest sich der Inhalt: Frost-, Schnee- und Regengedichte, in denen der Wald ersetzt oder gefällt wird. Nach dem Abitur hatte Sarah Kirsch zunächst eine Forstarbeitslehre begonnen, danach Biologie studiert. Erst dann kam sie zur Literatur.

Die Literaturmuseen des Deutschen Literaturarchivs Marbach

Mehr als 1.400 Vor- und Nachlässe von Schriftstellern werden im Deutschen Literaturarchiv Marbach gesammelt. Von Friedrich Schiller über Eduard Mörike und Rainer Maria Rilke bis hin zu Franz Kafka, Erich Kästner und Michael Ende reicht die Sammlung. Die Ausstellungen der Marbacher Literaturmuseen zeigen Manuskripte, Briefe, Fotos, Kunstobjekte und Alltagsgegenstände von Schriftstellern und lenken den Blick auf Ideen, die zum Schreiben und Lesen führen. Was ist Literatur? Was kann sie? Was bleibt von ihr, wenn man im Archiv nach ihr sucht?

dla-marbach.de

Deutsches Literaturarchiv Marbach, Foto: Chris Korner