Und überall können wir singen

Dieses Mal dreht sich bei lyrix alles um das Singen. Und zwar um das Singen an allen Orten und in allen Formen: „Und überall können wir singen“ heißt es in dem titelgebenden Text von Marie T. Martin. Mit ihr zusammen möchten wir uns auf die Suche nach der Bedeutung von Singen machen. Singen als Ausdruck von Freiheit, Lebensfreude, Gemeinschaft, aber auch als Protest und Aufdecken von Missständen. Zusätzliche Inspiration bekommt ihr von Paul Klees Bild „Hauptweg und Nebenwege“ aus dem Museum Ludwig in Köln. Singt ihr mit?

Marie T. Martin

Und überall können wir singen
im Hinterhof an der Kasse des Supermarkts
in der Küche nachts wenn die Nachbarin
die Stirn auf die Tischplatte legt
und die Schaufenster leuchten
überall können wir den Mund öffnen
das Licht schlucken das gerade eben
noch da war zwischen deinen Fingern
überall können wir drei Schritte gehen
im Takt über die Betonplatten des Gehwegs
den Spielplatz auf dem die Kinder
zwischen Himmel und Hölle stehen
überall können wir singen am Briefkasten
der voller Sand ist am Parkplatz der Haltestelle
und der Bus fährt zu den Gärten
die Hände in den Taschen die Hände auf den Händen
die Taschen voll Federn und Laub
Und überall können wir singen

Ob man es kann oder nicht: Wir singen unter der Dusche, im Auto, im Stadion, im Chor, auf der Straße, auf der Bühne. Aber warum singen wir überhaupt? Und ob gut oder nicht: Warum kann unsere Stimme singen? Sie kann Töne hervorbringen, die zum Sprechen gar nicht nötig wären. Schon seit der Antike zerbricht man sich den Kopf darüber, warum die Menschheit singt. Vielleicht haben wir das Singen als Paarungsverhalten von den Vögeln abgeguckt? Das Gekreische auf manchen Konzerten könnte dafür sprechen. Singen ist definitiv sexy. Noch heute streitet man sich darüber, was zuerst da war: die Sprache oder der Gesang. Einig ist man sich aber auf jeden Fall in Folgendem: Singen ist Kommunikation, Singen ist Beruhigung, Singen ist Belohnung, Singen ist Emotion. Und Singen schafft Gemeinschaft. Wir finden uns zusammen, um gemeinsam zu singen und fühlen uns dadurch verbunden.

Wenn Menschen das Sprechen und das Äußern der eigenen Meinung verboten wird, kann Singen auch zum Symbol für Freiheit werden. Wir können mit Liedern demonstrieren, protestieren, unsere Identität ausdrücken. Singen ist politisch und auch untrennbar mit der Geschichte eines jeden Landes verbunden. Im selben Maße wie Singen kann aber auch Nichtsingen zum Politikum werden: So achten zum Beispiel einige bei jedem Spiel der deutschen Nationalmannschaft ganz akribisch darauf, wer die deutsche Hymne mitsingt und wer nicht. Ist vielleicht auch Nichtsingen Freiheit?

Können wir überall singen? Macht uns das frei? Ist das peinlich, naiv oder merkwürdig? Was wäre das für eine Welt, in der wir überall singen können? Was kann Singen? Wie klingt die Sprache des Gesangs? Schreibt uns, wo ihr singt. Schreibt uns, wer warum singt. Oder schreibt uns eure Lieder: Liebeslieder, Protestlieder, Freiheitslieder.

Wir freuen uns auf eure Melodien in Textform und auf eure Gedichte über das Singen!

Marie T. Martin wurde 1982 in Freiburg geboren und lebt in Köln. Mehrere Einzeltitel, zuletzt der Gedichtband Wisperzimmer (2. Auflage 2013) und der Prosaband Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen (2015), beide im Poetenladen Verlag. Zahlreiche Veröffentlichungen in den Bereichen Lyrik und kurze Prosa in Zeitschriften und Anthologien, z.B. Jahrbuch der Lyrik. Arbeitsgebiete außerdem Essay, Libretto und Hörspiel, zuletzt Schwarzlicht (SWR 2016).

Marie T. Martin

Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Ausbildung zur Theaterpädagogin sowie Stipendiatin u.a. im Atelier Galata in Istanbul, im LCB Berlin und im Künstlerhaus Edenkoben. Workshops und Werkstätten zum poetischen Schreiben sowie Leitung interdisziplinäre Projekte. 2008 Rolf Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt, seitdem mehrfache Auszeichnungen, u.a. 2013 Grimmelshausen-Förderpreis für den Band Luftpost sowie Förderpreis des Landes NRW 2013. Seit 2008 poetisch-dialogische Lesekonzerte mit Musiker*innen, Beiträge zu Kunst- und Theaterprojekten sowie spartenübergreifende Kooperationen, zuletzt das Musiktheater Love Songs for Heim@t mit der Kölner Komponistin Christina C. Messner. Ausgewählte Gedichte wurden vertont, verfilmt und sowie ins Englische, Polnische, Rumänische, Spanische, Tschechische und Persische übertragen.

Paul Klee, Hauptweg und Nebenwege, 1929, Öl auf Leinwand, 83,7 x 67,5 cm, Museum Ludwig 1976

Hauptweg und Nebenwege
Paul Klee
1929

„Hauptweg und Nebenwege“ gehört zu den bekanntesten Gemälden von Paul Klee. Stilistisch gehört es zur Gruppe seiner Lagen- und Streifenbilder. Die Arbeit entstand im Januar 1929 nach Klees zweiter Ägyptenreise in seinem Atelier in Dessau, wo er als Meister am Bauhaus lehrte. Die fruchtbaren Felder an den Ufern des Nils inspirierten den Künstler zu seinem Bild, das in Struktur und Farbigkeit die leicht-luftige Atmosphäre des Südens vermittelt. Mittig verläuft ein gerader Weg, der flankiert wird durch zahlreich verzweigte Nebenwege. Nicht alle Pfade erreichen ihr Ziel am Horizont. Auf diese Weise erhält das Bild eine symbolische Ebene, denn die geraden oder verzweigten Wege stehen für das Leben mit seinen verschiedenen Möglichkeiten.

Museum Ludwig Köln

Großformatige Pop-Art Siebdrucke von Roy Lichtenstein und die weltbekannten „Brillo“-Boxen von Andy Warhol, die drittgrößte Picasso-Sammlung der Welt sowie eine umfangreiche Werksammlung aus Expressionismus und Russischer Avantgarde: das gibt es im Museum Ludwig zu sehen.

Der Schwerpunkt des Museums liegt auf der Kunst der Moderne seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Museum basiert auf der Kunstsammlung des Politikers und Anwalts Josef Haubrich. Diesem war es während der Zeit der nationalsozialitischen Diktatur gelungen, zahlreiche expressionistische Kunstwerke zu retten, die als „entartet“ galten. 1976 wurde die Sammlung durch die Schenkung von rund 350 Werken moderner Kunst des Sammlerpaars Irene Monheim und Peter Ludwig erweitert. Das Museum Ludwig war gegründet.

1986 wurde ein architektonisch repräsentatives Gebäude zwischen Dom, Rhein und Hauptbahnhof erbaut. Das Wallraf-Richartz Museum, das anfangs ebenfalls in dem Komplex untergebracht war, zog im Januar 2001 in einen eigenen Bau. Seitdem hat im Ludwig die Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart auf etwa 8000 Quadratmeter Ausstellungsfläche Platz.

koeln.de/museum_ludwig
museum-ludwig.de