Salz – Weißes Gold

Die Jury hat entschieden!

Mit dem Thema ‚Salz – Weißes Gold‘ besucht lyrix im Dezember das Salzmuseum Lüneburg. Ulrike Draesners Gedicht ’salat‘ hilft euch dabei Inspirationen zu finden.

salat

Ulrike Draesner

sole. im glas der kristall hypersymmetrisch
so sind viele innen: geschachtelt, gebaut. aus
dem berg dem gefluteten meer abgebaut den
mustertakt „hab die sinne beisammen“. zugetan
sei. dass deine schleier sich heben. grün
liegt im becken der see.
information „salzung“. süßsaures senfgemüse
aus süditalien soll köstlich sein. salami, salpeter
sauce. jauchzen der zellen nun in ihrer –
erinnerung
wenn sich auftut die rasche breite des fliegenden
sees. so weich so verbindlich auf dem gaumen am
morgen der ölige pelz – sole. zellen in formation.
subkutan sternen – scheinen – auf den lebtag.
zellsalz membrangängig, denkt stolz: l-a-s.
grüne augen vor seechen. „seele“ im fenster
als glas.

(aus: Ulrike Draesner, berührte orte, Luchterhand 2008)

Salz ist auf den ersten Blick etwas ganz Alltägliches, auch jenseits der Küche. Nicht nur unsere Weltmeere bestehen zu 97% aus Salzwasser, sondern auch in unseren Körpern ist jede Menge Salz enthalten. Wir benötigen es zum Knochenaufbau, zur Regulierung des Blutkreislaufs und zur Aufrechterhaltung des Nervensystems. Die vom Körper täglich benötigte Salzzufuhr war jedoch nicht immer so einfach zu erhalten, wie sie es heutzutage ist.
Obwohl die Salzvorräte der Erde nahezu unerschöpflich erscheinen war Salz durch sein aufwändiges Herstellungsverfahren lange Zeit Mangelware und hatte daher einen erheblichen Wert. Den Legionären und Beamten im alten Rom wurde der Lohn beispielsweise zum Teil in Salz ausgezahlt. In einigen Ländern wurde Salz sogar noch bis ins 20. Jahrhundert als Zahlungsmittel verwendet.
Um das ‚weiße Gold‘ gab es immer wieder politische Verwicklungen und kriegerische Auseinandersetzungen. Salzgewinnung und Salzhandel führten zu Macht und Reichtum derjenigen Städte und Landesherrn, die über genügend Salzvorkommen verfügten. Über weite Entfernungen musste das Salz vom Produzenten zum Verbraucher transportiert werden – so entstanden die ersten bedeutendsten Fernhandelsstraßen, die ‚Salzstraßen‘. In Deutschland profitierte vor allen München vom Handel und der auferlegten Salzsteuer.
Einen ganz besonderen Bezug zu Salz hatten jedoch die Ägypter, da diese es nicht nur zum Pökeln und damit zum Konservieren von Lebensmitteln, sondern auch zum Mumifizieren ihrer Toten nutzen. Das weiße Gut steht aufgrund seiner konservierenden Eigenschaft bildsprachlich für Beständigkeit und die Ewigkeit. So symbolisiert es z. B. im Alten Testament den Bund zwischen Gott und den Menschen: „Das soll ein Salzbund sein für immer vor dem Herrn für dich und deine Nachkommen mit dir.“ (4. Buch Mose 18,19).

Vor der Industrialisierung und der damit zusammenhängenden Nutzung von großen Maschinen und dem massenhaften Salzabbau entstand Salz ausschließlich im Siede- und Verdampfungsprozessen in sogenannten Salinen. Durch den großen Aufwand, der bei dieser Art der Salzherstellung betrieben werden musste, hatte Salz einen erheblichen Wert.

Was setzt ihr mit Salz in Verbindung? Denkt Ihr an Handel, Wirtschaft und Entwicklung, oder doch an euer Mittagessen? Verbindet Ihr das ‚weiße Gold‘ auch mit Ewigkeit und der Eigenschaft etwas auf lange Zeit haltbar zu machen? Ist es vielleicht etwas kaum wahrgenommenes Allgegenwärtiges? Oder seht ihr es wie der griechische Philosoph Pythagoras, der sagte: „Salz ist von den reinsten Eltern geboren, der Sonne und dem Meer.“ ?

Die Jury hat entschieden!

Ulrike Draesner, geboren 1962 in München. Lebt als Romanautorin, Lyrikerin und Essayistin in Berlin. Ihr erstes Buch, gedächtnisschleifen, Gedichte, erschien 1995. Weitere Gedichtbände, Bände mit Erzählungen und Romane folgten (März 2014: Sieben Sprünge vom Rand der Welt). Draesner übersetzt aus dem Englischen und Französischen und war an verschiedensten intermedialen Projekten beteiligt. Gast- und Poetikdozenturen in Deutschland, der Schweiz, England und den USA. Mitglied des P-E.N Deutschland und der Nordrheinwestfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.  Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis Solothurn 2010, den Roswithapreis 2013 und den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik 2014. www.draesner.de, www.der-siebte-sprung.de

Halite aus dem Deutschen Salzmuseum Lüneburg

Das Exponat in diesem Monat stammt aus der Sammlung des Deutschen Salzmuseum in Lüneburg. Die Hansestadt, in der über 1000 Jahre lang Salz in Salinen gesiedet wurde, kam im Mittelalter durch den Handel mit dem ‚weißen Gold‘ zu großem Reichtum und Ansehen.
Im Salzmuseum sind beispielsweise würfelförmig ausgebildete Halite (Steinsalz) aus dem Steinsalzbergwerk Braunschweig-Lüneburg in Grasleben zu sehen. Steinsalz ist der Hauptbestandteil von Salzlagerstätten und wird vor allem als wichtiger Rohstoff der chemischen Industrie und als Auftau- und Speisesalz genutzt.

Das Deutsche Salzmuseum wurde 1989 offiziell als das „Deutsche Salzmuseum/Industriedenkmal Saline Lüneburg“ eröffnet. Es ist eines der ersten Industriedenkmale in Deutschland. Bereits zwei Jahre nach seiner Eröffnung wurde das Deutsche Salzmuseum mit dem Museumspreis des Europaparlamentes für seinen Beitrag zum Verständnis der kulturellen Vielfalt Europas gewürdigt. Als Vorreiter einer neuen Museumsgeneration zählte der Europarat das Salzmuseum zur „Avantgarde des neuen hands on museums“.
2009 wurde das Deutsche Salzmuseum  in das Niedersächsische Museumsregister eingetragen. Träger der Museumsregistrierung sind das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Musemsverband für Niedersachsen und Bremen e.V. und die Niedersächsische Sparkassenstiftung .

Deutsches Salzmuseum