Monatsthemen

und Gewinner

was grenze ist irrt

Wettbewerb im November 2017

„was grenze ist irrt“ heißt unser Thema im November. Die Zeile stammt aus dem Gedicht „Wohin zeigt die wildnis“ unserer Monatspatin Esther Kinsky. Welche Bedeutungen haben die Worte „Grenze“ und „irren“ für euch? Wie können sie in einen Zusammenhang gebracht werden? Zwei weitere Inspirationsquellen bieten euch ein Steinlöwe und ein Sprachführer, beide sind Teil der Ausstellung „Nach der Flucht. Wie wir leben wollen“ in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin.

Esther Kinsky

Wohin zeigt die wildnis
wohin die zähmnis?
zwischen storchenschnabel und
winterlieb lichtet
sich schon das zähe grün
was grenze ist irrt
hierhin und dorthin

 

 

aus: Esther Kinsky, Naturschutzgebiet, Matthes & Seitz Berlin 2013

„was grenze ist irrt“: Aus aktuellem Anlass denken wahrscheinlich viele bei dem Wort „Grenze“ an Ländergrenzen und Flüchtlingsströme. An die viel thematisierte Obergrenze – wieder eine Grenze. Eine Grenze markiert eine Trennung. Diese Trennung kann eine geografische sein, eine politische, eine wirtschaftliche. Um Grenzverläufe wurden und werden immer wieder Kriege geführt. Was wäre eigentlich, wenn es keine Staatsgrenzen mehr gäbe? Eine Utopie?

Es gibt aber noch viel mehr als diese „offiziellen“ Grenzen. Zum Beispiel Landschaftsgrenzen wie in Esther Kinskys Gedicht: Hier geht es um Grenzen in der Natur, die Grenze zwischen der „wildnis“ und der „zähmnis“. Wer setzt solche Grenzen? Mensch oder Natur? Verschieben sie sich?

Grenzen sind nicht immer nach außen sichtbar, Grenzen gibt es auch in uns. Unserem Körper und unserem Geist sind Grenzen gesetzt. Wir haben Grenzen, Barrieren, Vorurteile in unserem Kopf. Auch Sprache kann eine Grenze sein.

Was ist, wenn Grenzen, ob un- oder sichtbare, „irren“? Wenn sie falsch gesteckt sind, aufgehoben werden sollten? Oder wenn sie – denkt man an „irren“ in seiner weiteren Bedeutung – sich bewegen? Suchend, ziel- oder rastlos umherziehen? So wie es Esther Kinskys Text andeutet, wenn man die letzte Zeile hinzunimmt: „was grenze ist irrt / hierhin und dorthin“.

Spielt mit den Begriffen „Grenze“ und „irren“. Was bedeutet „was grenze ist irrt“ für euch? Welche Grenzen beschäftigen euch? Und wie „irren“ sie? Geht es in euren Texten darum, dass Grenzen (fälschlicherweise) für richtig gehalten werden? Oder geht es um bewegliche Grenzen, die „hierhin und dorthin“ wandern, sich suchen? Vielleicht Grenzen in euren Köpfen, die sich verschieben? Brauchen wir überhaupt Grenzen?

Esther Kinsky
ist Autorin von Lyrik, Prosa und Kinderbüchern und auch literarische Übersetzerin aus verschiedenen Sprachen. Sie lebt in Berlin und im Friaul.

Die zwei Exponate, die diesen Monat unser Thema "was grenze ist irrt" ergänzen, erzählen die Geschichten der zwei Geflüchteten Ahmad Baraki und Mozhdah Ghodoussi aus dem Iran. Ein Steinlöwe und ein Sprachführer geben Einblick in ihre zwei Wege nach Deutschland. Zu sehen sind sie in der Ausstellung „Nach der Flucht. Wie wir leben wollen“ in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin.

Diesen Löwen hat Ahmad Baraki eigens für die Ausstellung "Nach der Flucht. Wie wir leben wollen" in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde modelliert. In der Skulptur bezieht er sich auf das traditionelle Motiv des Steinlöwen aus dem Iran und verknüpft die alt-iranische mit der europäischen Formsprache.

Herr Baraki ist Bildhauer und Karikaturist. Bis zu seiner Flucht aus dem Iran im Jahr 2011 hat er an der Universität Teheran Kunst gelehrt. Seine Lehrtätigkeit war dort durch herrschende islamische Regeln und Verbote stark begrenzt. Als Freiraum diente seine Werkstatt, wo sich Studenten, Kollegen und Künstler trafen, um frei von den Beschränkungen des Regimes zu diskutieren und zu arbeiten.

Für Herrn Baraki ist Kunst nach wie vor das Wichtigste in seinem Leben. Er versucht, in Berlin als Künstler Fuß zu fassen; sein Traum ist eine eigene Kunstschule.

Der Sprachführer "Deutsch auf der Reise" diente Mozhdah Ghodoussi nicht als Urlaubsbegleiter, sondern als Schulbuchersatz: Während sie nach ihrer Flucht aus dem Iran 2011 auf einen Schulplatz in Berlin wartete, nutzte sie die Zeit, um mit diesem Buch eigenständig Deutsch zu lernen.

Auf ihrem langen Weg nach Deutschland – insgesamt war sie rund zweieinhalb Jahre unterwegs – nutzte sie aus der gleichen Reihe die Bände für Türkisch und Englisch. Sie fand sie in Flüchtlingslagern in der Türkei und in Griechenland, wo sie von anderen Flüchtlingen genutzt und zurückgelassen worden waren. Diese Länder und Sprachen waren auf der Flucht nicht ihre einzigen Stationen; so verbrachte sie u.a. mit ihrem älteren Bruder rund neun Monate getrennt vom Rest der Familie in den Niederlanden.

Inzwischen spricht Mozhdah gut Deutsch. Sie möchte später gern studieren; den Mittleren Schulabschluss hat sie bereits geschafft.

Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde ist das zentrale Museum in Deutschland zum Thema Flucht und Ausreise aus der DDR.

Rund vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1990 die DDR in Richtung Bundesrepublik; 1,35 Millionen von ihnen passierten das 1953 gegründete Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde. Hier wurden sie untergebracht, versorgt und hier durchliefen sie auch das notwendige Verfahren, um eine Aufenthaltsgenehmigung für die Bundesrepublik und West-Berlin zu erhalten.

Die Ausstellung ist im ehemaligen Haupthaus des Notaufnahmelagers eingerichtet, wo sich früher Warteräume sowie Büros der aufnehmenden Dienststellen befanden. Auf rund 450 Quadratmetern und mit über 900 Exponaten – ergänzt durch zahlreiche Zeitzeugenberichte – erzählt sie anschaulich von Fluchtmotiven, Fluchtwegen sowie von Chancen und Problemen beim Neubeginn in der Bundesrepublik. Daneben ist die Geschichte des Aufnahmelagers dargestellt: vom Ablauf des Aufnahmeverfahrens über den Alltag der BewohnerInnen bis hin zur Observierung durch die DDR-Staatssicherheit. Eine original eingerichtete Flüchtlingswohnung rundet das umfassende und zugleich detaillierte Bild der Flucht im geteilten Deutschland ab.

Das denkmalgeschützte Gebäude-Ensemble steht aber nicht allein für Flucht und Ausreise aus der DDR; vielmehr ist es ein Ort der Migration, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen: Von 1964 bis 2010 wurden hier rund 96.000 (Spät-)AussiedlerInnen aufgenommen, seit Dezember 2010 dient es als Übergangswohnheim für Geflüchtete aus aller Welt.

Im Zentrum der aktuellen Sonderausstellung „Nach der Flucht. Wie wir leben wollen“ stehen Menschen, die 2011/12 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind – unter ihnen Ahmad Barakizadeh sowie Mozhdah Ghodoussi und ihre Familie.

notaufnahmelager-berlin.de