Mit anderen Augen

Die Jury hat entschieden!

„Mit anderen Augen“ startet lyrix in den Herbst. Was passiert, wenn wir mit den Augen eines anderen sehen? Geht das überhaupt? Alles sieht anders aus, wenn wir die Perspektive wechseln und „mit anderen Augen“ auf die Welt, die Menschen um uns herum und uns selbst blicken. Auch in unserem Monatsgedicht „Das Meer sieht“ von Anton G. Leitner wird ein neuer Blickwinkel eingenommen. Passend zum Meeresthema hat das Schloßmuseum Murnau das Ölgemälde „Meeresbucht (Tunis)“ von Gabriele Münter ausgewählt. Vielleicht lasst auch ihr das Meer sehen?

Das Meer sieht

Anton G. Leitner

Das Land mit anderen
Augen. (Der Blick geht

Vom Blau ins Gelb ins
Grün.) Ein bewegtes

Kissen für eine ruhige
Nacht im Schoß.

Was wäre, wenn wir mit den Augen eines anderen Menschen sehen könnten? Würden wir einen Schock bekommen? Wäre unser Blau vielleicht sein Grün? Was ist überhaupt blau, wo fängt grün an und wo hört gelb auf? Letztendlich – oder wahrscheinlich – werden wir nie erfahren, wie andere Menschen sehen oder was sie wahrnehmen. Und auch uns selbst schummelt das Gehirn regelmäßig etwas vor. Es versucht, Ordnung für uns zu schaffen und lässt uns deshalb manchmal Dinge sehen, die gar nicht da sind.

Jemanden „mit anderen Augen“ sehen kann auch bedeuten, die Perspektive zu wechseln und den Blick zu öffnen. Manchmal scheinen uns die Worte und Taten anderer absolut unverständlich, aber was passiert, wenn wir wirklich einmal versuchen, uns in ihre Perspektive zu versetzen, die Rollen zu tauschen, die Welt aus ihren Augen zu sehen? Es kann sein, dass alles direkt ganz anders aussieht. Manchmal reicht es auch schon, die Blickrichtung zu ändern, um Dinge aus anderen Augen zu sehen. Oder wir stellen uns einfach mal vor, dass das, was wir sonst ansehen, zurück auf uns schaut. Ganz so wie es Anton G. Leitner in seinem Monatstext tut: „Das Meer sieht / Das Land mit anderen / Augen.“

Was kommt euch beim Thema „Mit anderen Augen“ in den Sinn? Stellt ihr euch vor, was ihr sehen würdet, wenn ihr mit den Augen eines anderen Menschen sehen könntet? Wie sähe eure Welt aus, wenn ihr mit den Augen einer Möwe oder eines Herings sehen würdet? Oder lasst etwas sehen, was im eigentlichen Sinne gar nicht sehen kann – so wie das Meer in Anton G. Leitners Gedicht. Ihr könnt uns auch von Perspektivwechseln schreiben. Was passiert mit euch, wenn ihr eure Freunde, Partner, Eltern oder euch selbst „mit anderen Augen“ betrachtet und euren Blickwinkel ändert?

Wir freuen uns auf eure Texte! Und wünschen allen „Betroffenen“ schöne Herbstferien;-)!

Die Jury hat entschieden!

Anton G. Leitner
Anton G. Leitner hat bislang elf Gedichtbände veröffentlicht. Im Sommer 2016 ist sein erster großer Mundartband „Schnablgwax“ erschienen. Seit 1993 ist Leitner außerdem auch Verleger der Zeitschrift DAS GEDICHT und Herausgeber von bislang über vierzig Anthologien (insbes. für Reclam und dtv). Er wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem „V. O.-Stomps-Preis“ der Stadt Mainz, dem Kulturpreis „AusLese“ der Stiftung Lesen / DB und dem „Bayerischen Poetentaler 2015“. Im Juli 2016 erhielt er den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung.

antonleitner.de

Anton G. Leitner, Foto: Volker Derlath, München

Im Oktober 2016 besuchen wir mit Anton G. Leitner das Schloßmuseum Murnau. Passend zu seinem Text hat das Museum das Ölgemälde „Meeresbucht (Tunis)“ von Gabriele Münter ausgewählt. Mit welchen Augen blickt dieses Meer wohl aufs Land?

Gabriele Münter: Meeresbucht (Tunis), 1905/06
Als Gabriele Münter beschloss, Künstlerin zu werden, war es Frauen noch nicht möglich, an Kunstakademien zu studieren. Daher besuchte sie ab 1902 eine kleine, privat geführte Kunstschule in München. Dort lehrte auch der Künstler Wassily Kandinsky, von dem sich Gabriele Münter in ihren künstlerischen Ambitionen ernst genommen fühlte. Begeistert schrieb sie: „Da war dann ein neues künstlerisches Erlebnis, wie K. ganz anders, wie die andren Lehrer – eingehend, gründlich erklärte und mich ansah, wie einen bewußt strebenden Menschen, der sich Aufgaben und Ziele stellen kann. Das war mir neu und machte Eindruck.“

Aus Münter und Kandinsky wurde – zunächst heimlich – ein Liebespaar. 1903 verlobten sich beide. Gemeinsam unternahmen sie verschiedene Mal-Reisen, so auch nach Nordafrika. Die kleine Ölstudie einer Meeresbucht in Tunis entstand direkt am Strand. Münter hielt ihre Natureindrücke vom Meer und der sanften Brandung in kurzen, mit einem Spachtel dicht neben- und aufeinander gesetzten Strichen fest. Die unterschiedlichen Farbnuancen gehen fließend ineinander über, sodass sich das Bildmotiv besser aus einiger Entfernung betrachtet erschließt. Gabriele Münter würde noch einige Jahre in diesem Stil malen.

Im Sommer 1908 reiste das Paar erstmals nach Murnau, wo Münter ein Jahr später ein Haus für sich und Kandinsky kaufte. Beide machten an diesem kleinen Ort nahe München ganz entscheidende künstlerische Entwicklungsschritte hin zu einer immer abstrakter werdenden, expressiven Malerei.

Als sich das Paar 1916/17 trennte, bedeutete dies für Gabriele Münter einen großen, auch künstlerischen Einbruch, unter dem sie sehr litt.

Schloßmuseum Murnau
Das 1993 eröffnete Museum ist kein „Schlossmuseum“ im eigentlichen Sinne, sondern verdankt seinen Namen einem ehemaligen Pflegschloss des Klosters Ettal, in dem es untergebracht ist.

Das Museum verfügt über verschiedene Sammlungen. Im Zentrum steht jedoch die Kunst mit Werken Gabriele Münters sowie Arbeiten der Künstler der „Neuen Künstlervereinigung München“ und des „Blauen Reiter“, welchen seit 1908 in der reizvollen Murnauer Alpenvorlandschaft der entscheidende Durchbruch zu einer neuen expressiven Malerei gelang. Gezeigt werden Gemälde und Grafiken von Wassily Kandinsky, Franz Marc, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin, Alexander Kanoldt, Heinrich Campendonk und Adolf Erbslöh, aber auch des Einzelgängers Max Beckmann und anderen Künstlern. Das Herzstück bildet die umfangreiche Sammlung von Werken Gabriele Münters mit über 80 Gemälden, Zeichnungen und Grafiken aus der Zeit von 1902 bis kurz vor ihrem Tod 1962. Alle Werkphasen Gabriele Münters sind im Schloßmuseum Murnau vertreten.

Die weiteren Sammlungsbereiche des Schloßmuseums widmen sich unter anderem der Malerei im 19. Jahrhundert, Hinterglaskunst und regionalem Kunsthandwerk sowie dem Leben und Werk des Schriftstellers Ödön von Horváth, der in den Jahren 1923 bis 1933 in Murnau lebte.

schlossmuseum-murnau.de

Schlossmuseum Murnau, Foto: Gaby Pfluger 2013