Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung

Die Jury hat entschieden!

Im Juni macht lyrix Station in der Hauptstadt. Zusammen mit der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen suchen wir eure Texte zum Thema Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung. Gedanklichen Anstoß geben euch zwei Gedichte von Jürgen Fuchs sowie die Zelle 117 der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen, in der Jürgen Fuchs inhaftiert war.

Das Schlimme

Jürgen Fuchs

DAS SCHLIMME
ist nicht
In einer Zelle zu sitzen
Und verhört zu werden

Erst danach
Wenn du wieder vor einem Baum stehst
Oder eine Flasche Bier trinkst
Und dich freuen willst
Richtig freuen
Wie vorher

Erst dann

(aus Jürgen Fuchs: Tagesnotizen, Gedichte, Reinbek bei Hamburg 1979. S. 10)
Ich lebe, aber

Jürgen Fuchs

ICH LEBE, ABER

Ein anderes Leben
Mein Name ist geblieben
Mein Haar ist geblieben
Meine Fingerabdrücke sind geblieben
Doch im Gefängnis
Gab es Nachmittage, da wollte ich sterben
Und ich wusste schon
Wie
Ich lebe aber du musst wissen
Ein anderes Leben

(aus Jürgen Fuchs: Tagesnotizen, Gedichte, Reinbek bei Hamburg 1979. S. 13)

„Ich lebe, aber“ beginnt Jürgen Fuchs einen Text, der nach seiner Haft im Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen entstanden ist. Überlebt hat er seine neunmonatige Gefangenschaft, aber die Erfahrungen und Erlebnisse dieser Zeit haben ihn ein Leben lang geprägt, haben ihn traumatisiert. Als einer von schätzungsweise 200.000 bis 300.000 politischen Gefangenen in der DDR steht seine Geschichte beispielhaft für das Leid, das – tatsächlichen oder vermeintlichen – Regimegegnern zugefügt wurde. Gefangenschaft bedeutete für sie weit mehr als das Eingesperrtsein in eine Zelle. Ein Großteil der Gefangenen musste psychische Folter ertragen. Häftlinge wurden unter Druck gesetzt, bewusst verunsichert und im Unklaren über ihre Zukunft gelassen. Isolationshaft, Nachtverhöre, Dunkelzellen, Schlafentzug, Kontaktsperre – all dies und mehr waren gängige Methoden, um Geständnisse, ob wahr oder falsch, zu erwirken. Mit sogenannten Zersetzungsmaßnahmen zielte die Stasi darauf ab, ihren „Feinden“ die komplette Identität zu nehmen, sie von allem Vertrauten zu entkoppeln. Schwächen und Vorlieben wurden systematisch gegen Verdächtige verwendet, Gerüchte gestreut, Familie und Freunde gegeneinander ausgespielt. Heute noch, über 25 Jahre nach dem Mauerfall, sieht sich die Mehrheit der ehemaligen Gefangenen und Verfolgten mit den Langzeitfolgen dieser psychischen Gewalt konfrontiert. Und der mühsame Kampf um die Anerkennung dieser Spätfolgen macht viele zu erneuten Opfern sozialer Isolation.

Was sind eure Gedanken, wenn ihr von Jürgen Fuchs Gefangenschaft und Isoliertheit lest? Was hat die Gefangenschaft mit ihm und den vielen anderen politischen Häftlingen gemacht? Über den Kontext der ehemaligen DDR hinaus: Was macht Gefangenschaft mit Menschen? Welchen Unterschied macht es, ob man zu Recht oder zu Unrecht gefangen ist? Wie sieht das Leben nach einer Gefangenschaft aus? Wir sind gespannt auf eure Einsendungen zum Thema Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung! Selbstverständlich könnt ihr das Thema auch sehr frei interpretieren und über ganz verschiedene Formen der Gefangenschaft und damit verbundenen Isolation schreiben, z.B. gefangen im eigenen Körper, gefangen in Zwängen oder Routine, gefangen in Beziehungen.

Die Jury hat entschieden!

Jürgen Fuchs, erkennungsdienstliche Aufnahme bei der Einlieferung in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen im Jahr 1976 (Foto: BStU)

Jürgen Fuchs (1950–1999)

Der Schriftsteller und Psychologe Jürgen Fuchs war einer der bedeutendsten Kritiker des DDR-Staatssicherheitsdienstes. 1950 in Reichenbach im Vogtland geboren, begann er nach seinem Grundwehrdienst 1971 ein Studium der Sozialpsychologie an der Universität Jena. 1973 trat er der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei, um die DDR von innen zu verändern. Ab 1971 veröffentlichte er in Zeitschriften und Anthologien gesellschaftskritische Lyrik und Prosa in der DDR. Wegen seiner kritischen Auffassungen wurde er vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seit seinem zwanzigsten Lebensjahr „operativ“ bearbeitet. Nach einem Auftritt mit dem Liedermacher Gerulf Pannach wurde er 1975 aus der SED ausgeschlossen. Zugleich wurde gegen ihn ein Exmatrikulationsverfahren eingeleitet. Seine zuvor mit „Sehr gut“ bewertete Diplomarbeit wurde wegen „trotzkistisch-revisionistischer Tendenzen“ abgelehnt. Fuchs erhielt Berufsverbot als Psychologe und zog deshalb mit seiner Frau und seiner gerade geborenen Tochter in das Gartenhaus des Regimekritikers Robert Havemann.

Nach der Zwangsausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 wurde Fuchs auf der Fahrt zum Ostberliner Büro des „Spiegel“ verhaftet und in die zentrale Untersuchungshaftanstalt des Staatssicherheitsdienstes in Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert. Dort war er über Monate hinweg von der Außenwelt isoliert in der Einzelzelle 117 inhaftiert. Die Zeit der Haft wurde zum Schlüsselerlebnis des jungen Autors. Noch im Gefängnis nahm er sich vor, alles, was er erlebte, festzuhalten. Da er weder Stift noch Papier bekam, machte er sich mit dem Finger auf der Tischplatte unsichtbare Notizen. Die monatelangen Verhöre beschrieb er später auf eindrückliche Weise in seinem Buch „Vernehmungsprotokolle“. Im August 1977 wurde er schließlich nach West-Berlin ausgebürgert, wo er bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft die aufkeimende DDR-Opposition unterstützte. Auch im Westteil Berlins wurde er deshalb vom MfS jahrelang ausgeforscht und mit „Zersetzungsmaßnahmen“ überzogen – anonyme Briefe, nächtliche Telefonanrufe, massenhafte Bestellung von Waren oder Handwerkern; schließlich durchtrennten Unbekannte sogar die Bremsleitungen und lockerten die Vorderachsen an seinem Auto.

1999 verstarb Fuchs an den Folgen einer Blutkrebserkrankung, von der er vermutete, dass sie vom Staatssicherheitsdienst durch Zufügung radioaktiver Substanzen verursacht worden sein könnte. Seine Erlebnisse in der Haft beschrieb Fuchs in verschiedenen Prosa- und Poesiebänden wie „Gedächtnisprotokolle“ (1977), „Tagesnotizen“ (1979), „Das Ende einer Feigheit“ (1988) oder „Magdalena“ (1998).

Auf dem Bild seht ihr die Zelle 117 der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen, in der der Psychologe und Schriftsteller Jürgen Fuchs ab November 1976 über Monate hinweg isoliert von der Außenwelt inhaftiert war. Alle Zellen im Gefängnisneubau verfügten über Holzbetten, Tisch mit Hocker, einen Wandschrank, Waschbecken, Toilette und Spiegel. Aufgrund der anstelle von Fenstern eingebauten Glasbausteine drang zwar Tageslicht in die Zelle – der Blick nach außen blieb den Häftlingen jedoch verwehrt. Das Wachpersonal regulierte Licht und Heizung außerhalb der Zelle und kontrollierte die Untersuchungshäftlinge durch einen Türspion – Tag und Nacht.

Die Zelle 117 der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen (Foto: Arthur Schmidt)
Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (Foto: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen befindet sich an einem Ort, der wie kaum ein anderer in Deutschland mit der 44-jährigen Geschichte politischer Verfolgung in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR verknüpft ist. Hier wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein sowjetisches Internierungslager eingerichtet, danach das zentrale sowjetische Untersuchungsgefängnis für Ostdeutschland. Anfang der fünfziger Jahre übernahm das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) – die Geheimpolizei der SED – das Gefängnis und nutzte es bis 1990 als zentrale Untersuchungshaftanstalt. Wer in der DDR Widerstand leistete oder zu flüchten versuchte, kam in eines der insgesamt 17 MfS-Untersuchungsgefängnisse. Gelenkt wurden sie von der Zentrale in Berlin-Hohenschönhausen.

Auf dem Gelände der früheren zentralen Untersuchungshaftanstalt befindet sich seit 1994 eine Gedenkstätte. Seit Juli 2000 ist diese eine selbstständige Stiftung öffentlichen Rechts. Die Gedenkstätte hat die gesetzliche Aufgabe, die Geschichte der Haftanstalt Hohenschönhausen in den Jahren 1945 bis 1989 zu erforschen, über Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen zu informieren und zur Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung und Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur anzuregen.

Da große Teile der Gebäude und der Einrichtung fast unversehrt erhalten geblieben sind, vermittelt die Gedenkstätte ein sehr authentisches Bild des Haftregimes in der DDR. Wegen ihrer geografischen Lage in der Bundeshauptstadt gilt sie als wichtigster Erinnerungsort für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft in Deutschland. Die Gedenkstätte wurde allein im Jahr 2014 von mehr als 375.000 Menschen besucht, davon knapp die Hälfte Schüler. In der Regel führen ehemalige Häftlinge, aber auch Historiker die Besucher durch das Gefängnis und informieren sie über die Haftbedingungen und Verhörmethoden des DDR-Staatssicherheitsdienstes. Seit Herbst 2013 informiert zusätzlich eine zentrale Dauerausstellung über den Haftort Hohenschönhausen und das System politischer Verfolgung in der DDR.

Die Jury hat entschieden!