Es beginnt mit einem Biss

Die Jury hat entschieden!

Den November und die kalte Jahreszeit beginnen wir „mit einem Biss“. Robert Prossers Text „Spiegel“ und ein Werk aus Anselm Kiefers Zyklus „Im Gewitter der Rosen“, zu finden in der Albertina Wien, erwarten euch als Inspirationsquellen zum Thema „Es beginnt mit einem Biss“. Wir sind gespannt, was ihr in euren Texten mit einem Biss beginnen lasst und freuen uns auf eure Einsendungen im November!

Spiegel

Robert Prosser

Es beginnt mit einem Biss
       einem vorsichtigen Einverleiben
der säuerliche Geschmack wie eine Scherbe
       aus dem Himmel gebrochen und sich die Adern damit geöffnet die Adern
und mit ihnen die Augen: schaut, es gibt Alternativen
dieses Verstehen rinnt die Speiseröhre hinab klar und schneidend
       sämtliche Vorstellungen von wegen Liebe durchtrennend
Gott ist ein Totengräber glaubt es mir er schaufelt
bis ein Loch in euch ist schwarz und feucht und da legt er sich rein: als Lüge
             von wegen Auferstehung von wegen Hoffnung
also lieber den Apfel in der Hand als brennendes Holzscheit
       lasst es nicht fallen nein werft es zielt damit auf etwas mächtiges befehlendes
etwas gläsernes wolkiges
       was habt ihr schon zu verlieren?
             als Paradiesvogel in der Hölle oder als glimmende Kohle
am Ufer des Flusses von Milch und Honig verstärkt jeder weitere Biss den Hunger
       da sich das Leben in den Augen des anderen festkrallt und blitzt und lockt
       könnt ihr solange vertieft ins Blätterrauschen ausharren wie es nur Liebespaare tun
wählt Apfel und Schönheit Apfel und Vergänglichkeit
       an stillverschwiegenen Orten sich in einer Vehemenz lieben
die die Welt dort draußen formt: laut undurchsichtig zerstörend
der Apfel ein Spiegel
       der im Wald hängt und auf euch wartet
             ihr beide genügt
diesen Spiegel zu zerschlagen und endlich ganz zu sein
in Verstecken wo Wald und Himmel implodieren
              zu Vogelflirren Flügelschatten
beißt ihr in den Apfel und dadurch in das Fleisch des Anderen
im Mund das Wissen um die Schönheit dieses zweiten Menschen

Was beginnt mit einem Biss? Vielleicht ein Essen mit einer ganz bestimmten Person, an das man sich noch Jahre später erinnert, oder jetzt im Herbst eine Plätzchen-Ess-Orgie? Bisse bringen wir mit Essen und Genuss in Verbindung. Sie können aber auch Schmerzen und Wunden zufügen. Mit einem Biss kann ein Angriff beginnen. Bisse können uns verletzen, vergiften und sogar töten. Nicht nur Menschen und Tiere beißen, auch Bisse von Vampiren, Werwölfen und Co spielen gerade eine große Rolle in der Popkultur. Beißende Schönlinge fantastischer Herkunft machen uns nicht nur Angst, sondern auch Lust. Ein Biss kann also auch erotische Fantasien hervorrufen, Sexualität verkörpern.

„Mit einem Biss“ beginnt auch unser Monatstext „Spiegel“ von Robert Prosser. Er behandelt ein uraltes Motiv der Religionsgeschichte und bearbeitet es neu: Der Biss von Adam und Eva in den Apfel und ihre darauffolgende Vertreibung aus dem Paradies. Bis heute steht der Apfelbiss symbolisch für den „Sündenfall“ der Menschen. Prossers Text spielt damit, spricht ein Liebespaar an – vielleicht Adam und Eva? – und ruft es geradezu auf zum Biss in den Apfel, der es dem Ziel näher bringt „endlich ganz zu sein“:

„beißt ihr in den Apfel und dadurch in das Fleisch des Anderen / im Mund das Wissen um die Schönheit dieses zweiten Menschen“

Was beginnt mit einem Biss? Eine Liebesgeschichte, ein Kampf um Leben und Tod oder vielleicht „einfach nur“ ein Zahnarztbesuch, weil man sich beim kräftigen Zubeißen einen Zahn abgebrochen hat? Oder hat euch das Motiv „Apfelbiss“ rund um Adam und Eva inspiriert und ihr schreibt auch eine Neuinterpretation?

Wir sind schon gespannt, was ihr mit einem Biss beginnen lasst und freuen uns auf eure Texte im November!

Die Jury hat entschieden!

Robert Prosser, Foto: Lena Prehal

Robert Prosser
Geboren 1983 in Alpbach/Tirol, lebt dort und in Wien. Studium der Komparatistik und Kultur- und Sozialanthropologie. Aufenthalte in Asien, in der arabischen Welt und in England. Österreichischer Kurator von Babelsprech zur Förderung junger deutschsprachiger Dichtung. Veröffentlichte zuletzt den Roman Geister und Tattoos (Klever Verlag, 2013) und als Mitherausgeber Lyrik von Jetzt 3 (Wallstein, 2015). Einige Auszeichnungen, u.a.: Publikums- und Land-Niederösterreich-Literaturpreis Wartholz 2016, Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung 2014, Aufenthaltsstipendium am Literarischen Colloquium Berlin (LCB) 2014, Reinhard-Priessnitz-Preis 2014.

robertprosser.at

Im November sind wir mit Robert Prosser und einer Schreibwerkstatt zum Thema „Es beginnt mit einem Biss“ zu Besuch in der Albertina Wien. Als weitere Inspirationsquelle für das Thema hat die Albertina für uns ein Werk von Anselm Kiefer aus dem Zyklus „Im Gewitter der Rosen“ ausgewählt. Spannend ist hier, wie Kiefer Bezug auf das 1953 verfasste Gedicht „Im Gewitter der Rosen“ von Ingeborg Bachmann (1926–1973) nimmt und ihre Worte in Bilder verwandelt. Wer den Text von Ingeborg Bachmann nachlesen möchte, findet ihn hier: deutschlandradiokultur.de/auf-dem-grund-ist-dunkelheit-genug

Anselm Kiefer, Im Gewitter der Rosen ist die Nacht, 2014; Acryl, Emulsion, Öl, Kreide, Elektrolyse-Sediment auf Fotografie auf Leinwand aufgezogen, 280 x 280 cm, Albertina - Sammlung Batliner

Anselm Kiefer, Im Gewitter der Rosen
Für Anselm Kiefer ist Literatur, vor allem Lyrik, ein existenzieller Bestandteil seines Lebens: „Ich denke in Bildern. Gedichte helfen mir dabei. Sie sind wie Bojen im Meer. Ich schwimme zu ihnen, von einer zur anderen; dazwischen, ohne sie, bin ich verloren.“

Unter dem Titel „Im Gewitter der Rosen“ entsteht ein Zyklus von Gemälden, übermalten Collagen, Aquarellen und Skulpturen, denen die thematische Dialektik von Krieg und Frieden, Liebe und Schmerz, Schönheit und Zerstörung gemeinsam ist. Diese Leitmotive gehen grundsätzlich von drei literarischen Quellen aus: dem 1953 verfassten Gedicht „Im Gewitter der Rosen“ von Ingeborg Bachmann (1926–1973), dem mittelalterlichen Liebesgedicht „Under der linden“ von Walther von der Vogelweide (um 1170–um 1230) und Arthur Rimbauds (1854–1891) frühem Sonett „Le Dormeur du Val“ (1870). Anselm Kiefer reflektiert nicht nur verschiedenste Mythen, seien es christliche, kabbalistische oder germanische, sondern auch immer wieder literarische Motive von Texten aus unterschiedlichen Jahrhunderten, die er eigenständig miteinander in Beziehung setzt.

Die Albertina
Die im historischen Herzen Wiens gelegene Albertina verbindet imperiales Flair mit großer Kunst. Als prunkvolles ehemaliges Habsburgisches Wohnpalais und Kunstmuseum von internationalem Rang, dessen Name auch für eine der bedeutendsten grafischen Sammlungen der Welt steht, ist das Haus Anziehungspunkt für Städte- und Kulturreisende aus aller Welt.
Das Museum, das mit seinem 2003 von Hans Hollein gestalteten Flugdach auch architektonisch Akzente setzt, zeigt ein vielseitiges Ausstellungsprogramm mit herausragenden Kunstwerken vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Mit den Sonderausstellungen „Albrecht Dürer“, „Edvard Munch“ oder „Van Gogh“ verzeichnete die Albertina in den vergangenen Jahren Besucherrekorde.

In ihrer Schausammlung „Monet bis Picasso“, deren Herzstück eine der bedeutendsten europäischen Sammlungen der internationalen Klassischen Moderne – die Sammlung Batliner – ist, bietet die Albertina permanent einen in Wien und Österreich einzigartigen Überblick über die spannendsten Kapitel aus 130 Jahren Kunstgeschichte, vom französischen Impressionismus bis in die jüngste Gegenwart.

Die 20 vollständig restaurierten, mit kostbaren Originalmöbeln ausgestatteten Prunkräume erinnern glanzvoll an die Wohn- und Repräsentationskultur der Habsburgerzeit in einem der schönsten klassizistischen Palais Europas.

albertina.at

Albertina, Foto: Harald Eisenberger