ein nest für zwei fremde

Die Jury hat entschieden!

Es ist Frühling; Vögel wecken uns jetzt frühmorgens und bauen ihre Nester für den Nachwuchs. Aber was, wenn sich plötzlich zwei Fremde in einem Nest wiederfinden? Darum geht es bei lyrix im Mai. Schickt uns Texte zum Thema „ein nest für zwei fremde“. Unser Monatslyriker und Themengeber ist Marko Dinic, aus dessen Text „bilder in bildern“ die Zeile stammt. Weitere Inspiration gibt es aus der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg. 

bilder in bildern
(Tristan Marquardt gewidmet)

Marko Dinic

a.)

diese stupende liebe für zwei / eben das / was zusammengehört / sage ich / während ich übers geländer ausspucke und die spucke sich im moment des asphaltaufschlags in ein nest für zwei fremde verwandelt
/

von einem riss zum nächsten treibt der sinn / zer-
fasert das gestülp eines immanenten innen &
außen / massiert die blutenden fissuren / so wi-
drig noch das falsche wort ist und immer etwas
anderes die gesichtsläufe dominiert

b.)

wo einer scheitert baut der nächste schon sein ein
familienhaus / die gedehnten wäscheleinen / die
torbögen & gärten / ganze jugenden die sich leicht
ins haar verknoten lassen und einem spaß garan-
tieren / das HAHAHA des nachbarn hört man durch
die hohe hecke & schließlich durch den stacheldraht-
verhau

c.)

am morgen strecken sich die kräne erstmal dass es knackt & pfeift & die stahlglieder unterm sägblattzischen einen auf hofdame spielen wenn man dem ganzen überhaupt beachtung schenken will denn ganz so einfach will es nicht sein an so einem morgen wo manches ureigentlich vor uns tritt
/

manche stellen im gras sind nicht grün sondern
ausgegilbt von der sonne / häuser ruhen willkür-
lich in der landschaft / der wind weht erst vom
osten dann vom süden her / menschen geben
sich erst die eine hand dann die andere / libellen
fliegen auf / wasser träumt von hasenscharten1

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1 fragmente /wörtersammlungen: glatzig / brodem / gekröse / sekretieren / karzinös / virulent / kaskade / unrat / salpeter / vomieren / gedanken zu blumenberg: die reziprozität des widerstands und der daseinssteigerung / wie sah ich wohl als kind aus / schlachthaustheater / die bearbeitungen / next three days / fürs manuskript: überall ist nichts zu sehen / was soll das nun bedeuten?

(Bereits erschienen auf Fixpoetry: https://www.fixpoetry.com/texte/text-des-tages/marko-dinic/bilder-in-bildern)

In einem Nest schlafen, wohnen und brüten Tiere. Es wird aus Zweigen, Moos, Gras oder Lehm gebaut. So oder ähnlich würden wir wohl beschreiben, was ein Nest ist. Im übertragenen Sinne verbinden wir mit einem Nest etwas Gemütliches, einen Zufluchtsort oder auch ein Versteck. Manch einer denkt vielleicht auch an ein kleines, abgelegenes Kaff. In jedem Fall ist ein Nest etwas Abgeschlossenes und Intimes, das vor der Außenwelt schützt oder fernhält. Und die Nestbewohner kennen sich untereinander.

Beim Lesen von Marko Dinics Text „bilder in bildern“ bleibt man erst einmal hängen an den Worten „ein nest für zwei fremde“. Was könnte das sein? Und wie passt das zusammen? Warum sollten sich zwei Fremde so etwas Intimes wie ein Nest teilen? Vor wem schützt das Nest die zwei Fremden? Oder kennen sich die beiden und stehen sich sehr nah, merken aber gar nicht, dass sie eigentlich wie zwei Fremde sind und nichts von den Gedanken des jeweils anderen wissen?

Schreibt im Mai über „ein nest für zwei fremde“! Wer sind die zwei Fremden? Wer hat das Nest gebaut? Wer sucht hier vor wem Schutz? Wie passt der Zufluchtsort Nest zu den zwei Fremden? Vielleicht sind es Liebende, die sich doch fremd (geworden) sind, oder es sind zwei Unbekannte, die gemeinsam Schutz vor einer Gefahr suchen?

Wir freuen uns auf eure Texte und wünschen euch viel Spaß beim „Nestbau“!

Die Jury hat entschieden!

Marko Dinic, (c) Mark Prohaska

Marko Dinic, geboren 1988 in Wien, lebt und arbeitet als freischaffender Autor in Salzburg. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Belgrad. Seit 2008 lebt er in Österreich. Er ist Gründungsmitglied des Kunstkollektivs Bureau du Grand Mot. Intensive Zusammenarbeit mit dem Friedensbüro in Salzburg zum Thema Identität im ehemaligen Jugoslawien. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien u.a. in „Kolik“, „Lichtungen“ und „Lyrik im Anthropozän“. 2016 war er für den Bachmannpreis nominiert.

Auch aus Haaren kann man ein Nest bauen – aber hoffentlich nicht aus denen von Wolfgang Amadé Mozart! In unserem Mai-Partnermuseum, dem Geburtshaus Mozarts in Salzburg, kann man einige Haarsträhnen von Mozart bewundern. Zumindest glaubt man, dass es Mozarts Haare sind. Ganz sicher ist das bisher nicht.

Haare Wolfgang Amadé Mozarts
Die Internationale Stiftung Mozarteum besitzt vier Wolfgang Amadeus Mozart zugeschriebene Haarlocken. Eine gentechnische Analyse brachte lediglich das Ergebnis, dass drei der vier Locken vom selben Träger stammen.

Haare Wolfgang Amadeus Mozarts. "Les cheveux du célébre compositeur W.A.Mozart". © ISM
Wolfgang Amadeus Mozart. Lithographie von Franz Seraph Hanfstaengl, 1828, mit Schriftzug „Mozart“ und zwei Haarlocken des Komponisten. © ISM
Am unteren Bildrand handschriftlicher Namenszug "Francesco Carmagnola, + 1841, 25 Maggio." Die Familie Carmagnola war mit dem älteren Sohn Mozarts, Carl Thomas, befreundet, der in Italien lebte.

Ob es sich bei einer der beiden Personen wirklich um Wolfgang Amadeus Mozart handelt, konnte bis jetzt nicht geklärt werden. Laut zeitgenössischer Berichte soll Mozart dichtes, dunkelblondes Haar besessen haben, das er zum Zopf gebunden trug.

Die Internationale Stiftung Mozarteum
Die Stiftung Mozarteum Salzburg wurde 1880 von Bürgern der Stadt Salzburg gegründet und hat ihre Wurzeln im \“Dom-Musik-Verein und Mozarteum\“ von 1841. Seither setzt sie sich als Non-Profit-Organisation mit der Person und dem Werk Wolfgang Amadé Mozarts auseinander. Mit Initiativen in den drei Kernbereichen Konzertveranstaltung, Mozart-Museen und Wissenschaft schlägt sie die Brücke zwischen Bewahrung der Tradition und zeitgenössischer Kultur. Ihr Ziel ist es, wechselnde Perspektiven und neue Denkanstöße in der Auseinandersetzung mit dem Komponisten zu eröffnen.

Mozarts Geburtshaus
Mozarts Geburtshaus ist mehr als eine weltweit bekannte Gedenkstätte für das größte Musikgenie aller Zeiten. Es ist ein modernes Museum, das einzigartige Originale in zeitgenössischer Form erlebbar macht. Hier wurde Wolfgang Amadé Mozart 1756 geboren – hier wird seine Lebensgeschichte erzählt.

mozarteum.at

Mozarts Geburtshaus. Fassade Getreidegasse. (c) ISM