Ein ewiges Rückwärtsgehen

„Ein ewiges Rückwärtsgehen“ heißt das lyrix-Thema im März. Unsere Monatslyrikerin ist Anja Kampmann, aus deren Text „(für I.“ unsere Titelzeile stammt. Weitere Inspirationen gibt euch das GRASSI Museum für Völkerkunde in Leipzig mit zwei Masken der Makonde. Wohin geht ihr ewig zurück?

(für I.

Anja Kampmann

Er ist im letzten Jahr gegangen
in den Tagen danach
sahst du manchmal Schatten an den Ästen der Zweige
und das Meer
spülte Walfischknochen an, deren geheime Mitte
er suchte
Ein konstanter Abriss wie das Schwarz als Teil
des heller gestrichelten Asphalts oder
sagen wir Steine, kleinere Tänzer
unentwirrbar
das Mosaik der Zeit oder
sagen wir Muster, die ein Schwarm Saatkrähen
an den Himmel wirft
sagen wir November und schwächeres Licht
oder sagen wir Atemflocken und Erinnern
ein ewiges Rückwärtsgehen
wie der Chinese im Park von Paris
sagen wir an den Häusern der Wein
die Spatzen, ihre Schwingen, die Anatomie einer Handschwinge
an einem Frühherbsttag die Mitte
von jedem Geräusch
das durch uns durchgeht.

Anja Kampmann setzt in ihrem Text „(für I.“ ein „Mosaik der Zeit“ neu zusammen. Ihr Gedicht blickt zurück auf das letzte Jahr, in dem „Er“ gegangen ist, und bewegt sich dabei durch die Jahreszeiten. „Rückwärtsgehen“ kann mit Erinnerungen und Vergänglichkeit zu tun haben: Vielleicht hängen wir an einem Ereignis in der Vergangenheit fest und gehen gedanklich immer wieder dahin zurück. Könnten wir etwas ändern, wenn wir noch mal an den Ausgangspunkt zurückspulen könnten? Was ist seitdem passiert? Wenn wir uns nicht von dieser Idee lösen können, gehen wir ewig zurück, nehmen jede Kleinigkeit auseinander, bleiben in der Vergangenheit hängen. Oder wir gehen ewig zurück, weil wir nicht vergessen wollen. Zum Beispiel einen geliebten Menschen, der nicht mehr bei uns ist.

„Rückwärtsgehen“ kann uns eine andere Perspektive verschaffen. Sowohl beim gedanklichen Zurückgehen als auch beim tatsächlichen sehen wir die Dinge aus einem anderen Blickwinkel. Blicken wir durch eine Kamera und gehen zurück, passt mehr auf das Bild, werden Gegenstände kleiner und wir können sie mit größerem Abstand betrachten.

Bevor ihr selbst anfangt zu schreiben, könnt ihr euch Anja Kampmanns Gedicht zur Inspiration auch anhören. Sie liest es hier:

lyrikline.org

Wohin geht ihr ewig zurück? Gibt es Ereignisse oder Situationen in der Vergangenheit, zu denen ihr immer wieder gedanklich zurückgeht? Weil ihr überlegt, was ihr hättet anders machen können? Oder weil euch die Begebenheit so beeinflusst hat, dass sie immer noch auf euer Leben einwirkt? Würdet ihr gerne tatsächlich zurückgehen zu diesem Moment und die Zeit zurückdrehen? Was fällt euch noch ein zum Thema „Ein ewiges Rückwärtsgehen“? Vielleicht erzählt ihr auch die Geschichte eines „ewig Rückwärtsgehenden“ so wie Anja Kampmann in ihrem Text das Rückwärtsgehen mit einem „Chinese[n] im Park von Paris“ assoziiert.

Wir sind gespannt auf eure Einsendungen im März und wünschen euch einen schönen Start in den Frühling!

Anja Kampmann
Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren. Nach Auslandsaufenthalten in Irland und Frankreich studiert sie an der Universität Hamburg und danach am Literaturinstitut in Leipzig. Nach dem Abschluss dort ist sie 2010 Stipendiatin des International Writing Program der Universität Iowa. Danach arbeitet sie freiberuflich für den Rundfunk, an einer Dissertation zu Stille und Musikalität im Spätwerk Samuel Becketts. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, u.a. in Akzente, Neue Rundschau, Wespennest, und im Jahrbuch der Lyrik. 2013 wurde sie mit dem MDR Literaturpreis ausgezeichnet, 2015 mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt. Sie schreibt Lyrik und Prosa und lebt in Leipzig. Ihr Debütband ‚Proben von Stein und Licht‘ ist 2016 im Carl Hanser Verlag erschienen

Anja Kampmann, Foto: Juliane Henrich

Am 31. März sind wir mit Anja Kampmann und einer Schreibwerkstatt zum Thema „Ein ewiges Rückwärtsgehen“ zu Besuch im GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig. Dort hängen Masken des Makonde-Volks, die am Anfang des 20. Jahrhunderts für Tänze und Feierlichkeiten geschnitzt und genutzt wurden. Worauf mag man zurückblicken, wenn man durch diese Masken schaut? Vielleicht ist es ja auch ein Blick nach vorn?

Frauen- und Männermaske der Makonde © GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, Fotos: T. Dachs

Frauen- und Männermaske (Süd Tansania – Makonde, Anfang 20. Jh.)
Die Makonde bewohnen die Hochebenen beiderseits des Grenzflusses Rovuma in Tansania und Mosambik. Ihre Masken erregten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Aufmerksamkeit, vor allem die der Ethnologen. Die vor dem Gesicht als Teil eines ganzen Kostüms getragenen Masken zeigen überwiegend Darstellungen von Frauen, von Männern und – sehr selten – von Tieren.

Während das Gesicht der Männermaske fast schmucklos ist, werden bei den Frauenmasken Oberlippenpflock und mit Bienenwachs nachgebildete Narbentätowierungen als Schmuck verwendet. Insgesamt wurde auf eine realistische, sogar betont naturalistische, typisierende Darstellung Wert gelegt. Nur ganz selten sollte eine bestimmte Persönlichkeit dargestellt werden.

Die Maskentänze, die ausschließlich von jungen Männern getanzt wurden, spielten eine bedeutende Rolle im Leben der traditionellen Gesellschaft. Der Auftritt der Masken erfolgte ursprünglich im Rahmen der kollektiven Initiationsfeierlichkeiten.

GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig
Die Gründung des Leipziger Völkerkundemuseums geht auf eine Initiative von Leipziger Bürgern im Jahr 1869 zurück. Heute zählt das Museum mit 200.000 Objekten zu den ältesten und bedeutendsten seiner Art in Europa. Das Völkerkundemuseum möchte sich in den kommenden Jahren schrittweise zu einem Ort des Dialogs entwickeln und arbeitet an einer Neuausrichtung seines Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramms. Auf Grundlage einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen Vergangenheit, einer aktiven Zusammenarbeit mit Communities inner- und außerhalb Deutschlands und der Förderung von Multiperspektivität durch die Integration unterschiedlicher Positionen möchte das GRASSI soziale Teilhabe fördern, sich einem breiten Publikum öffnen und neue Zielgruppen ansprechen.

mvl-grassimuseum.de

Grassimuseum, © GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig, Foto: V. Heinze