Monatsthemen

und Gewinner

Unsere Gewinner im September 2017

Wettbewerb im September 2017

Unsere sechs Gewinner*innen aus dem September 2017 stehen fest! Herzliche Glückwünsche! Wir tischten euch ein besonderes Thema auf: „zu tisch war immer einer mehr geladen“ und fragten, wen ihr an euren Tisch einladet! Lyrische Inspiration gab es von José Oliver und seinem Text „bauern brot“, plastische Inspiration lieferten die drei Ausstellungsstücke der Trierer Museen Museum am Dom, Rheinisches Landesmuseum und Stadtmuseum Simeonstift.

Zu Tisch

Emma Hermanns
1998

Früher war immer einer mehr zu Tisch geladen,
wenngleich an einen spärlich gedeckten, karg an Gutem.
Er besaß alles und nichts, beladen von Frau „ansatzweise genießbar":
Marmelade, von der kurz zuvor der Schimmel entfernt worden war,
Fleisch eines umgefallenen Pferdes,
die geklauten Äpfel des Nachbars,
ein Pott Suppe mit höchstens einem achtel Kohl.
Und doch bog sich der Tisch vor Reichtum;
hatten doch Angst und Tod wie ein freundlicher Gesell erst Häuser und Straßen,
dann Städte und ganze Nationen miteinander vereint.

Heute ist nicht EINER zu Tisch MEHR geladen,
wenngleich an einen üppig gedeckten, reich an Kostbarem.
Er besitzt alles und nichts, beladen von Frau „täglich erwerbbar":
Apfelsinen, Kakao, Mangos, Zucker, Weißbrot, Pfeffer, Kartoffeln und Kuchen,
eine Tiefkühlpizza von Dr. Oetker,
Sushi vom Restaurant nebenan,
der King der Woche gebracht vom Lieferservice von BK.
Und doch will der Tisch sich vor lauter vielen Gaben nicht biegen;
zu einer Zeit, zu der keine Bomben mehr auf Menschen regnen,
sondern tausend Wörter auf ein kleines, immer präsentes Display.

Heute ist nicht EINER zu Tisch MEHR geladen,
wenngleich wir viele unsere Freunde nennen.
Wir besitzen alles und nichts, angereicht von Frau „internationaler Kapitalismus":
10.000 Freunde auf Facebook, 10.000 Followers auf Twitter,
weitere 100.000 auf anderen Kanälen,
verteilt auf 200 Länder,
ein kleines Netz mit Millionen von Fischen.
Und doch wiegt keine dieser Freundschaften viel;
haben doch Multioptionalität und Anonymität erst Familien und Freunde,
dann Kommunen und Länder voneinander entfernt.

Früher war immer einer mehr zu Tisch geladen,
früher, als ein Apfel mehr wog als ein Apple,
früher, als online übersetzt „auf der Straße" hieß,
früher, als „im Netz" Fische waren, die gefangen und nicht gegoogelt wurden,
früher, als Freunde Freunde waren, die neben einem standen,
früher, als Essen Essen und keine Chemie war,
früher, als Geflohene Unterschlupf in fremden Ländern fanden,
früher, als Kommunikation noch Sprache genannt wurde,
früher, als Individualität noch nicht von Medien konformiert wurde,
früher, als Intelligenz menschlich und nicht künstlich war,
früher, als Ketten echter Schmuck und keine Billigware war,
früher, als Porträts gemalt und keine Selfies geschossen wurden.

Früher war immer einer mehr zu Tisch,
als man noch Hoffnung auf einen neuen Morgen als Gast zu sich einlud.

besucher

Nora Hofmann
2000

tage an denen ich psalmodien inhalieren muss wie es jemand vier straßen weiter an einem glimmstängel macht:
wie ihr brote in meinen rachen drängt die salzwasserverkrustet schmecken
          weil er nicht mehr da ist , war er nie gegen
wird er bald sein; irrealis entfremdet ihr mit zukunft
//euer kopf ist sittlich arrangiert- nur beim abendbrot habt ihr ein messer in der hand//
im abwasch der zeit verdiene ich mir zu verfaulen mit lächeln im gesicht
sinnverstocherungen errichten eine raufasertapete zwischen uns die ihr mit gefalteten händen glattzubügeln versucht;
im nebenzimmer steht ein stuhl für den besucher bereit.

Du hasst mich.

Kim-Alina Kläve
1999

Schere, Messer, Gabel, Licht, spielen kleine Kinder nicht.
Nicht mehr, mehr Regen über dir, dir immer nur du.
Du hast mich ernährt. Meine kleinen Hände jede Nacht gewärmt.
Du hasst mich.

Schere, Messer-scharfe Abdrücke auf meiner Seele.
Seelenbetäubende Unruhe in meinem Kinderherzen.
Liebe lieber leben, als nach ihr zu streben.
Streben nach Licht am Ende der Gabel-ung.
Streben, vergeben, bewegen, zusammen, immer nur du.
Regen trocknet die Tränen nicht, aber er macht sie unsichtbar.
Mehr Regen über dir, mir, tanzen wir ?

(Un)sichtbare Messer, Gabeln...in mir und dem Kartoffelpüree.
Distanz war am Anfang auch nur ein Tanz, dessen Schönheit man verneinen musste.
Noch können wir wieder Tanzen, ich hab geübt, wirklich Mama !
Immer nur du gehst weg, wenn es mir schlecht geht.
Wenn der neue Papa dich in die Kammer zieht und du dann wieder stundenlang weinst.
Immer nur du bist nicht da, wenn er dann in mein Zimmer kommt.
Du hast mich ernährt.
Du hasst mich.

Und in meiner Puppenküche hatte ich immer einen Teller mehr stehen und das weißt du.
Hatte dir immer ein Stück Plastikkuchen übrig gelassen, falls du doch nochmal wieder bei mir bist.
Du, immer nur du fehlst am Tisch, Mama.

Schere, Messer, Gabel, Licht, spielen kleine Kinder, oder auch nicht.
Ist mir relativ egal geworden, du schimpfst ja eh nicht mehr.

Salz in den Knochen

Johanna Pistorius
1999

Lobpreis der Familie
karges furchen reich
das salz
archaisch zerschnitten im

kreuz-

das netz wo
stricke zusammenlaufen,
binden, drehen zu tauen
erdrückt

(platz ist hier nicht)

ach, eine fehlt doch immer.
mit zerfallenem blick
und kindern
und mann /& geliebten

am sauerbratentisch

die letzte kante biss
immer wie(wieder) nach dem krieg
im fett schwimmen
ach, mars

schwarzerde
unter nägeln/ haut/ stirn
im früher
graben wo
dieZeitdasDorfderPflugderVaterderNutzendasVolkderHunger
farben verbrennen/-drängen/-schweigen
(platz ist hier nicht)
ins heute wo:

mutter legt mutter
die hand auf
und erlösung (brot sorge)
aus dem
abseits
wo
von
weg

reservierte brüder ziehen
heilplatz
am altar.
mit skalpell.

aber
wo
weiter
turiner

pferde ziehen
durch das verwitterte tor
über paulus (damaskus)
kein kranker auf den rücken

(platz ist hier nicht).

Der eine der übrig bleibt.

Marie Christine Voss
2000

Es fängt wieder an – spürst du es auch?
Die Hinterhöfe wie runde Tränen
Aus Asphalt. Straßen wie Zahnstocher
Zehn kalte Finger
Tastend nach Wärme.

Beißender Hunger spinnt sich
Fadenscheinig von Haustür zu Haustür
Eine Wäscheleine an der die
Klagelaute hängen wie alte Strümpfe.

Hunger. Er stochert durch jedes Schlüsselloch
Und niemand traut sich zu sprechen
Die Leere zu brechen. Menschliche Kälte
Wir tragen sie wie Schmuck um den Hals
Doch sie erwürgt uns.

Es fängt wieder an – spürst du es auch?
Ein heftiger Tritt. Und die Haustür fliegt auf.
Ein Tisch. Ein Stuhl. Ein halber Mensch.
Ein Arm. Ein Bein. Tränen im Profil.

Der Tisch aus Eichenholz. Glänzend.
Er tropft fast. 80 X 120 X Trübsinn.
Vor ihm ein Radio wie ein blecherner Kuchen.
Er spießt mit der Gabel die Einsamkeit auf.
Doch seine Zunge ist taub.
Und das Schlucken ist schwer.
Stimmbänder aus Stacheldraht.
Und der Hunger tut so weh.
Und der Tisch.
Und –

Die Nacht hat kein Ende und –
Wo wollen wir eigentlich hin?
Die Stadt fängt an zu zittern
Und die Häuser spucken Menschen die
Wie bunte Murmeln durch die Straßen rollen.

So viele Menschen. So viele –
Doch der zweite Stuhl an seinem Tisch?
Er bleibt leer.
Und die Nacht hat kein Ende.

Doch der Hunger sitzt
Mit ihm am Tisch
Und wippt im
Takt seines
gebrochenen
Herzens.

[ohne titel]

Anne Magdalena Wejwer
1997

es fing an mit einem pudding
waldmeister vanille weiß ich nicht
hab mir nichts dabei gedacht
als du mir deinen rübergeschoben hast
schweigend

mama hat sich gefreut gesunde ernährung und so
papa hat gelacht typisch pubertät halt
ich habe nichts gedacht nur zugeschaut
und gegessen was du nicht
gegessen hast

jeden abend

jetzt ist dein teller leer und auch der stuhl
messer kratzen auf porzellan gabeln
zersägen die stille ich habe nicht gemerkt
dass da was ist was dich auffrisst
von innen tag für tag

ohne dich verliert die welt an geschmack
das essen vor mir wird zu einem haufen
nichtssagender moleküle wütend strecke
ich dem spinat die zunge raus als wäre er
schuld daran dass du plötzlich
nichts mehr essen wolltest

jeden abend

schreit die leere zwischen messer und
gabel fragt mich warum mein rechter
platz ist frei das glas ist nicht mehr
halb voll salztropfen fallen auf meinen
teller keiner weiß ob du noch da bist

wenn wir dich besuchen kommen
morgen früh

Ein Tisch, an dem für jemanden gedeckt wurde, der fehlt - aus diesem Bild habt ihr sehr unterschiedliche, nachdenkliche Gedichte gemacht und erzählt teilweise sehr schmerzhafte Geschichten.
Verschwendung und Konsum, Einsamkeit und Elend, Missbrauch und Gewalt, Hunger und Magersucht, alles Themen, mit denen ihr euch lyrisch auseinandergesetzt habt. Als verbindendes Element diente der Tisch, ob als Möbelstück oder im übertragenen Sinn. "Früher war immer einer mehr zu Tisch,/ als man noch Hoffnung auf einen neuen Morgen als Gast zu sich einlud." "Heute ist nicht EINER zu Tisch MEHR geladen/ wenngleich wir viele unsere Freunde nennen." Gleichzeitig "wie ihr brote in meinen rachen drängt die salzwasserverkrustet schmecken/ weil er nicht mehr da ist " und "salztropfen fallen auf meinen/ teller keiner weiß ob du noch da bist/ wenn wir dich besuchen kommen/ morgen früh". Brot und Salz sind für euch Motive, die ihr mit dem Thema "zu tisch war immer einer mehr geladen" assoziiert. "Lobpreis der Familie/ karges furchen reich/ das salz/ archaisch zerschnitten im/ kreuz-", "(platz ist hier nicht)" - "Doch der zweite Stuhl an seinem Tisch?/ Er bleibt leer./ Und die Nacht hat kein Ende."

Danke für eure tiefsinnigen Texte im September und herzlichen Glückwunsch an die sechs Gewinner*innen!